EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst

EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Foto: Mathias Völzke

Das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) sammelt seit dem Jahr 2000 griechische und internationale Kunst von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Sein Programm wurde an verschiedenen Orten temporär gezeigt, bis das Museum 2014 in der ehemaligen Fix-Brauerei an der Syngrou-Straße ein dauerhaftes Zuhause fand. Johann Fix, ursprünglich Fuchs, hatte die erste große Bierbrauerei Griechenlands 1864 unter diesem Markennamen gegründet. Sein Vater, ein Bergwerksingenieur, war Mitte des 19. Jahrhunderts nach Athen gekommen. Vollendet wurde das Brauereigebäude 1961 von dem visionären griechischen Architekten Takis Zenetos (1926–1977) in Zusammenarbeit mit Margaritis Apostilidis (1922–2005). Es war so entworfen worden, dass Passant_innen einen Blick auf den Betrieb im Inneren werfen konnten, was besonders bei nächtlicher Beleuchtung spektakulär war. Der Entwurf sah außerdem vor, dass eine horizontale Erweiterung des Baus die Produktion nicht beeinträchtigt hätte.

1982 jedoch stellte die Brauerei ihre Produktion ein, und das Gebäude stand leer, bis es ab 1994 durch die Attico Metro S. A. umgenutzt wurde: Der nördliche Flügel wurde abgerissen, um einer 2000 eröffneten U-Bahn-Station Platz zu machen. Nachdem das EMST 2002 einen Pachtvertrag über fünfzig Jahre unterzeichnet hatte, wurde ein Wettbewerb für den Umbau der Fabrik in ein Museum ausgeschrieben, den das Büro 3SK Styliadis Architects gewann. In Zusammenarbeit mit I. Mouzakis & Associates Architects, Tim Ronalds Architects und K. Kontozglou wurden auch die östliche Fassade und das Innere des Gebäudes umgestaltet.

Im Dialog mit den Mitarbeiter_innen des EMST haben die Kurator_innen der documenta 14 eine Ausstellung entwickelt, die dem Gebäude in seiner gesamten vertikalen Ausdehnung eine libidinöse Ökonomie einimpft. Steigt man die Stockwerke hinauf, erlebt man die Paarung von Bank und Museum (beides Maschinen, mit denen Mehrwert gesammelt wird); von Gender und Gattungen (oder die Disziplinierung bedeutender Kräfte) und von Arbeit und Liebe (wozu auch die Arbeit der Sonne gehört). Damit diese im Kern öffentliche Institution auch tatsächlich öffentlich wird, hat sich die documenta 14 zum Ziel gesetzt, eine gewisse Mehrdeutigkeit zuzulassen. Doch je mehr man sich dem Dach nähert, das einen Ausblick auf die dichte urbane Textur Athens gewährt und auf die unvermeidliche Akropolis in der Ferne, stößt man auf Künstler_innen, die klar zum Ausdruck bringen, was es bedeutet zu abstrahieren oder zu verschleiern.

Wir könnten auch fragen, was (welche Art von Bürger_innen) diese Fabrik noch zu produzieren vermag. Dabei begleitet uns die Figur des Diogenes – Kyniker und Kosmopolit, verbannt aus Sinope, weil ihm Falschmünzerei vorgeworfen wurde, und selbst ernannter Weltbürger. Wir finden sie im Erdgeschoss rechts unten auf einem Kupferstich von Nicolas Poussins Landschaft mit Diogenes. Bei dem in der Beschriftung erwähnten breiten Fluss könnte es sich um den Ilisos handeln, der einst an der Stelle vorbeifloss, wo sich heute die Ostseite des Museums befindet. Auf dem Hügel darüber malte Poussin anstatt des Parthenons – den Perikles aus den Tributzahlungen des Delischen Bundes errichten ließ und in dem kostbares Elfenbein und Gold in der kolossalen Athena-Statue gehortet wurden – den Belvedere in Rom, wo der Vatikan seine reiche Antikensammlung aufbewahrte. Diogenes, der beobachtet, wie ein Junge zum Trinken seine bloßen Hände benutzt, verzichtet dagegen sogar auf seinen Becher.

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
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