Ahlam Shibli

Ahlam Shibli, Ohne Titel (Eastern LGBT Nr. 22), international (2004), C-Print, 38 × 58 cm

Ahlam Shiblis fotografische „Reportagen“ – ich verwende diesen Ausdruck hier, da eine ausführliche Diskussion darüber zu viel Raum einnehmen würde – für die documenta 14 schließen laut Mitteilung der Künstlerin beide an frühere Arbeiten an. Die eine, entstanden in al-Khalil/Hebron mit dem Ziel, das Gebiet der palästinensischen Stadt zu porträtieren, an Unrecognized (2000). Die andere – eine Erkundung der Gemeinschaften, die das Exil in Kassel hervorgebracht hat: Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den östlichen Regionen des ehemaligen Deutschen Reichs vertrieben wurden, sowie „Gastarbeiter“ aus Südeuropa und Nordafrika, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren zuwanderten – an Trauma (2008/09). Unrecognized erzählt von einem Dorf in Palästina, das vom israelischen Staat nicht anerkannt wird. Trauma offenbart verschüttete (oder von nationalistischen Dogmen pervertierte) Erinnerungen an die Kolonialkriege des französischen Staats in Indochina und Algerien in einer Stadt, die vom Zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen wurde: Tulle.

Shibli kam 1970 in Palästina zur Welt. Ihr Interesse galt stets der lebendigen Materie, die in bewohnten Gebieten (um-)geformt wird. Diese weist über die Trennlinien zwischen privat und öffentlich hinaus: Sie ist ein Mosaik aus Gesten und Orten, darunter „Ansichten“ (Landschaften), Sprechsituationen (durch die Künstlerin hervorgerufen) und biografische Dokumente (aus Familienarchiven). Ich kenne nur wenige Künstler-Fotograf_innen, die das schaffen können, was der Nahe Osten heute am dringendsten braucht: eine Position des Vertrauens und elementaren Verständnisses, in der auch Missverständnisse ihren Platz haben und die sich identitätspolitischen Ansätzen entgegenstellt.

Shibli versteht das Freund/Feind-Schema als Ergebnis von Erfahrungen und als Handlungsbedingung, verzichtet jedoch darauf, um die Distanz des Dokumentarischen mit der Nähe des Dialogs zu verbinden. Dabei bedient sie sich zweier Möglichkeiten: kritischer Distanziertheit und empathischer Anteilnahme. Jede Situation ist ihrem Wesen nach problematisch (Shibli thematisiert nichts), wobei sich das zentrale Problem um Heimat und (geistige wie geografische) Grenzen dreht. Die Künstlerin weiß, dass Unterdrückung, Zensur und Desinformation nicht nur eine Sache der Sieger_innen sind. Sie hat gelernt, dem Pathos des Opfers zu misstrauen, um tiefer in die verworrene Realität des Umgangs mit Unterdrückungssituationen vordringen zu können.

Ahlam Shibli arbeitet, jeseits aller Nachrichtensysteme, an einem besseren Verständnis der Gegenwart. Das Dramatisieren von Informationen, Teil des heutigen „Fake-News“-Milieus, erfordert eine größere Aufmerksamkeit für Alltägliches, für die Mechanismen der Aneignung, die die unmittelbare Erfahrung eines Landes bestimmen – in Zeiten des Friedens (und der Teilhabe an kollektivem Eigentum) ebenso wie in Zeiten des Krieges.

— Jean-François Chevrier

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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