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Das Parlament der Körper

Andreas Angelidakis, Demos, Installation, 2016, Maße variabel,

Foto: Stathis Mamalakis

Öffentliche Programme

Das Parlament der Körper

Angesichts der Krise, in der die moderne Utopie vom „öffentlichen Raum“ im Rahmen der Europäischen Union (in die die documenta 14 institutionell eingebettet ist) steckt, und angesichts des beispiellosen Anwachsens von Bewegungen, die in den Künsten, Kulturen und Gesellschaften Gegen-Mächte bilden, weigern sich die Öffentlichen Programme, diskursive Nebenveranstaltung einer Großausstellung zu sein. Stattdessen wird die documenta 14 zu einem Parlament der Körper. Sie entwickelt sich als performative Struktur, die nicht allein die traditionelle Trennung von Ausstellung und öffentlichen Begleitprogrammen in Frage stellt, sondern auch den Gegensatz zwischen Kassel und Athen, zwischen Epistemologien des Nordens und des Südens, zwischen dem Normativen und dem unterworfenen Wissen und seinen Praktiken, ebenso wie zwischen ethnischen Hierarchien und denen von Gender, Sex und Klassen.

Was heißt öffentlich sein? Wie wird ein Körper öffentlich? Worin bestehen die politischen Voraussetzungen der Repräsentation? Ist Repräsentation die einzige Form demokratisch-politischer Aktion? Kann der Gesellschaftsvertrag neu geschrieben werden? Kann man sich eine Ausstellung als Parlament der Körper vorstellen, als Ensemble von Beziehungen zwischen belebten und unbelebten Wesen, die Handlungsmacht durch Zusammenarbeit hervorbringen?… Mehr

Das Parlament der Körper zwingt Bruno Latours „Parlament der Dinge“, sich den feministischen, queeren, anti-kolonialistischen und indigenen Kritiken zu stellen und Menschen und Nicht-Menschen, Objekte und gesellschaftliche Artefakte, Institutionen und soziale Ensembles als Körper zu begreifen, die eine gemeinsame bio-kulturelle, sexualisierte und ethnisierte Geschichte teilen. Das Parlament der Körper wendet sich gleichermaßen gegen die Individualisierung von Körpern wie gegen ihre Verwandlung zur Masse. Körper, lebendige und nicht-lebendige, tierische und menschliche, sind Singularitäten. Folglich ist das Parlament der Körper weder Bank noch Datenerfassungsanlage, weder „Volk“ noch Konzern.

Inspiriert von mikropolitischer Selbstorganisation, kollaborativen Praktiken und radikalen pädagogischen und künstlerischen Experimenten, ist das Parlament der Körper ein kritischer Apparat, der sowohl die Ausstellung wie auch die Öffentlichen Programme auf seltsame Weise queeren wird. Es bringt Künstler_innen, Aktivist_innen, Theoretiker_innen, Performer_innen, Kinder, Arbeiter_innen, Migrant_innen und viele andere zusammen, um gemeinsam und als Kollektiv an den Bedingungen für eine radikale Transformation der Sphäre des Öffentlichen zu arbeiten, an der Konstruktion sozialer Verbindlichkeiten und an einer Vielzahl heterogener Formen der Subjektivität jenseits der Identitätspolitik und nationalen oder staatlichen Eingrenzungen.

Der griechische Begriff métoikos („die, die ihren Wohnort wechseln“; er leitet sich von méto, „wechseln“, und oikos, „Wohnort, Haus“, her und bezeichnet auch Sklaven und Fremde) wird für das Parlament der Körper wichtig, weil es sich aus Besucher_innen und Migrant_innen, Reisenden und Flüchtlingen zusammensetzt – die entweder zeitweilig oder dauerhaft über keine volle politische Anerkennung durch nationale und bestehende Regierungsparlamente verfügen.

Das Parlament der Körper ist kritische Vorrichtung einer kollektiven Einbildungskraft und ein Ort für kulturellen Aktivismus und für die Konstruktion anderer Arten der Produktion, der Reproduktion und der Verwaltung von Wissen und Leben, von Sichtbarkeit und Affekt; es umfasst entrechtete Körper, unterworfenes Wissen und künstlerische Praktiken.

Coda

Das Parlament der Körper ist Experimentieren, nicht Repräsentation.
Das Parlament der Körper ist das Wuchern von Prozessen um die Produktion der Subjektivität herum, nicht Identitätspolitik.
Das Parlament der Körper ist Ministerium ohne Hoheitsgewalt, aber ausgestattet mit Handlungsmacht.
Das Parlament der Körper ist das Freie Ensemble ohne Staat.
Das Parlament der Körper ist Protokoll für die Erfindung der Freiheit.

Programm von Oktober 2016 bis Februar 2017

Zwischen Oktober 2016 und Februar 2017 wird das Städtische Kunstzentrum im Athener Parko Eleftherias Entstehungs- und Tagungsort des Parlaments der Körper sein. Hier werden schrittweise Sprachen, Praktiken, kritische Debatten und Gedankengebäude eingeführt, um gemeinsam mit dem Athener Publikum ein Feld für Aktionen und kritische Interventionen zu entwickeln. Wenn die Ausstellung eröffnet, wird sich das Parlament der Körper an andere Veranstaltungsorte und in andere Räume in Athen und Kassel verlagert haben und dort Aktionen, Filmvorführungen, Performances, Gespräche und Begegnungen unter die Menschen bringen.

Ziel des Parlaments der Köper ist es, eine öffentliche Sphäre für Experimente in Athen zu schaffen (die später dann nach Kassel wandern wird), in der einige der kritischen Einflussfaktoren der documenta 14 Ausstellung kollektive Form innerhalb der Stadt annehmen können. Während der Monate bis zur Ausstellungseröffnung in Athen und Kassel sind Künstler_innen, Kritiker_innen, Musiker_innen, Theoretiker_innen, Schriftsteller_innen und Aktivist_innen eingeladen, am Aufbau des Parlaments der Körper mitzuwirken.

Kann man das Museum gegen seine eigenen kolonisierenden und patriarchalen Regime der Sichtbarkeit in Stellung bringen? Wie erreichen wir eine kritische Handlungsmacht innerhalb einer Ausstellungsökonomie im Kontext des globalen Neoliberalismus? Kann die Spannung zwischen Athen und Kassel als Raum der Kritik genutzt werden, um über alternative künstlerische und aktivistische Projekte jenseits des Rahmens des Nationalstaates nachzudenken? Das Parlament der Körper wird sich gegen essenzielle Ursprünge, verdinglichte Grenzen und eine Identitätspolitik wenden und so als Raum für kulturellen Aktivismus fungieren, neue Affekte hervorrufen und synthetische Allianzen eingehen zwischen den verschiedenen Kämpfen, die weltweit um Souveränität, Anerkennung und Überleben geführt werden.

Das Parlament der Körper thematisiert Vertreibung und Enteignung, die Annullierung politischer Grenzen, Exil und Asyl, Ruinen und Anti-Monumente, Heterochronologien und eine „andere Moderne“, Institutionenkritik und neuen Institutionalismus, libertären Kommunalismus, Kommunalisierung und Konföderalismus, Queer-Disability-, Crip- und transfeministische Politik, Restitution, Schizoanalyse, Grüne Guerilla, Öko-Sexualität, Hunger, Nekropolitik, Alternativtechnologien des Bewusstseins, Post-Indigenismus, Archäoakustik, antikolonialistische Praktiken, Blockfreiheit und radikale Pädagogik. Das Parlament der Körper ist dissonanter Chor, dirigierte Übung in Heteroglossie und Heterogenität.

Das Programm erstreckt sich über einen Zeitraum von zwölf Monaten und wird von einer Reihe kollektiver Apparate realisiert.

Aufruf zur Unterstützung des AMOQA

Die Öffentlichen Programme der documenta 14 bekunden ihre Solidarität mit ihrer Partnerinstitution, dem AMOQA (Athens Museum of Queer Art), und teilt seinen Aufruf zur Unterstützung hier…

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Öffentliche Programme

Die Offene-Form-Gesellschaften

1787 gründeten elf Freunde die Society for Effecting the Abolition of the Slave Trade (Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei) in England. Ihr Ziel war es, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie versklavte Afrikaner_innen in England, in den Kolonien und auf den Plantagen behandelt wurden. Sie plädierten für eine neue Gesetzgebung, die den Sklavenhandel abschaffen und dies auch in Übersee durchsetzen sollte. Darüber hinaus beabsichtigte man, Gebiete in Westafrika auszuweisen, in denen Afrikaner_innen leben konnten, ohne Gefahr zu laufen, gefangen genommen und in die Sklaverei verkauft zu werden. Diese Vorstöße wurden energisch vertreten und vorangetrieben, indem Bücher gegen die Sklaverei geschrieben und veröffentlicht, Drucke, Plakate und Pamphlete in Umlauf gebracht, öffentlich zugängliche Vortragsveranstaltungen ausgerichtet und Schauspiele in englischen Dörfern und Städten zur Aufführung gebracht wurden. Ein Jahr später gründete sich dann in Frankreich die Société des Amis des Noirs (Gesellschaft der Freunde der Schwarzen), die wie ihr englischer Vorläufer verfuhr. Beide Gruppierungen waren als „Gesellschaft von Freunden“ organisiert und beförderten die sozialen und freundschaftlichen Bande zwischen jenen, die rechtlich und politisch als Ungleiche betrachtet wurden. Zwei Jahre später, 1791, entwickelte sich der Sklav_innenaufstand in der Kolonie Saint-Domingue auf der Karibikinsel Hispaniola zur ersten großen Revolution der Antisklaverei. Indem sie als Kulisse für die Sklav_innenrevolten in den Kolonialreichen dienten, fungierten die Gesellschaften als gegenkulturelle öffentliche Programme, die dazu beitrugen, eine epistemologische, diskursive, politische und poetische Vorstellungswelt zu schaffen, die sich von derjenigen der kolonialen Regime unterschied.… Mehr

Revolution hebt mit Lesen und Schreiben an. Revolution beginnt mit Theater und öffentlichen Reden. Revolution entsteht bei Debatten und im Austausch. Am Anfang der Revolution steht die Freundschaft.

Innerhalb des Kontextes vom „integrierten Weltkapitalismus“ des 21. Jahrhunderts unterstützen die Öffentlichen Programme der documenta 14 in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Bildenden Künste in Athen die Bildung einer Reihe von Gesellschaften, die sich die Transformation der politischen Vorstellungskraft zum Ziel setzen.

Inspiriert von einer Methode der „Offenen Form“, wie sie der Künstler und Architekt Oskar Hansen entworfen hat, und zugleich angeregt von potenziellen spontanen Treffen, die sowohl gesellschaftlichen als auch politischen Wandel in Gang bringen, funktionieren die Offene-Form-Gesellschaften wie selbstlernende, selbstorganisierende Mikroöffentlichkeiten, die ihre eigenen Aktivitäten entwickeln.

Das Städtische Kunstzentrum im Parko Eleftherias wird die Mehrzahl der Gesellschaften in Athen beherbergen, wenngleich sie in der Stadt frei agieren und auch andere Orte kontaminieren können, angefangen bei der Prevelakis Hall im Polytechnion bis hin zu Archiven, Cafés und Kinos oder anderen unerforschten Stadtgebieten. Die Gesellschaften entwickeln ihre Aktivitäten von Oktober 2016 bis zur Eröffnung der Ausstellung in Athen im April 2017. Im Zuge dessen werden sie sich kontinuierlich zur Infrastruktur dieser Ausstellung herausbilden.

Die Gesellschaften treffen mindestens einmal im Monat im Rahmen diverser Aktivitäten zusammen: Seminare, Filmvorführungen, Workshops, Rundgänge, Lesungen sowie Interventionen von Künstlerinnen und Künstlern. Alle Aktivitäten der Gesellschaften sind für die Öffentlichkeit frei und unentgeltlich zugänglich. Jeder kann in den jeweiligen Gesellschaften Mitglied werden. Die Mitglieder teilen Wissen und Praktiken (Bibliografien, Referenzen und Archive) und entscheiden über die zukünftigen Veranstaltungen der jeweiligen Gesellschaft. Es ist jedoch nicht notwendig, Mitglied einer Gesellschaft zu sein, um an ihren Veranstaltungen teilnehmen zu können.

Jede Gesellschaft bestimmt ihre zeitliche Vorgehensweise selbst, ebenso die Formen, die ihre Aktionen annehmen. Für eine Gesellschaft gibt es keine fest gefügte Ontologie. Eine Gesellschaft ist Ergebnis ihrer eigenen performativen Praxis. Demnach ist es einer Gesellschaft auch gestattet, sich zu wandeln – gemäß ihren Mitgliedern, ihren Aktionen oder ihren Bündnissen mit anderen Kollektiven oder Gesellschaften. Im Laufe der Zeit können zusätzliche Gesellschaften entstehen, oder Gesellschaften können sich zusammenschließen und eine andere Hybridinstitution bilden.

Mutierend und performativ konstituieren die Gesellschaften gemeinsam die Affektseele des im Werden begriffenen Parlaments der Körper.


Sechs Gesellschaften wird das Städtische Kunstzentrum im Parko Eleftherias beherbergen:

Ab Oktober 2016:
- die Apatride-Gesellschaft des politischen Anderen (koordiniert von Max Jorge Hinderer Cruz, Nelli Kambouri und Margarita Tsomou)
- die Gesellschaft für das Ende der Nekropolitik (koordiniert von Paul B. Preciado)
- die Noosphärische Gesellschaft (koordiniert von Angelo Plessas)

Ab Dezember 2016:
- die Gesellschaft der Freund_innen von Sotiria Bellou (koordiniert von Paul B. Preciado in Zusammenarbeit mit AMOQA – Athens Museum of Queer Arts)
- die Gesellschaft der Freund_innen von Ulises Carrión (koordiniert von Arnisa Zeqo in Zusammenarbeit mit Pierre Bal-Blanc und Hendrik Folkerts)

Ab Januar 2017:
- die Gesellschaft für kollektive Halluzination (koordiniert von Hila Peleg und Ben Russell)

Die Gesellschaft für das Ende der Nekropolitik

Zu Beginn dieses Jahrhunderts entwickelte der afrikanische Denker Achille Mbembe eine dringliche dekolonialistische Kritik an Michel Foucaults Konzept der „Gouvernementalität“, dem Prozess also, durch…

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Öffentliche Programme

Die Apatride-Gesellschaft des politischen Anderen

Die Apatride-Gesellschaft des politischen Anderen:
Integrierter Weltkapitalismus und der Ithageneia-Zustand

Koordiniert von Max Jorge Hinderer Cruz, Nelli Kambouri und Margarita Tsomou

Auf Griechisch benutzt…

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Öffentliche Programme

Die Noosphärische Gesellschaft

Die Noosphärische Gesellschaft:
Rituale und Versuche, das Bewusstsein zu verändern

Koordiniert von Angelo Plessas

„Da wir Wissen und Weisheit aus der Cybersphäre ziehen, werden wir uns irgendwann in…

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Öffentliche Programme

Die Gesellschaft der Freund_innen von Ulises Carrión

Koordiniert von Arnisa Zeqo

Je m’appelle Ulises
et toi comment t’appelles-tu?

Die Gesellschaft der Freund_innen von Ulises Carrión macht das Werk und die Taktiken des mexikanischen Künstlers Ulises…

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Öffentliche Programme

Die Kooperativistische Gesellschaft

Die Welt braucht Kooperation. Die Krise der letzten zehn Jahre war eine Vertrauenskrise: Schulden, Kredite, Finanzderivate – Mittel, mit denen das Kapital im Neoliberalismus politische Kontrolle herstellt…

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Öffentliche Programme

34 Freiheitsübungen

Wir laden Sie ein, im September 2016 Teil des Parlaments der Körper zu werden, einer öffentlichen Veranstaltung der documenta 14 im Städtischen Kunstzentrum Athen im Parko Eleftherias. Was in dieser Zeit hier stattfindet, ist weder eine Konferenz, noch eine Ausstellung.

Wir vermeiden gewohnte museologische Bezeichnungen, die Unterschiede zwischen Gespräch und Performance, Theorie und Handeln, Kritik und Kunst festlegen. Stattdessen laden wir 45 Mitwirkende ein, ihre Freiheit in einem Gebäude auszuüben, welches vor nicht allzu langer Zeit, in den Jahren der griechischen Diktatur, Hauptquartier der Militärpolizei war. Mit Foucault verstehen wir Freiheit weder als persönlichen Besitz, noch als Naturrecht, sondern als eine Form des Handelns. Wir treiben durch die Geschichte. Da ist ein Raum. Da sind ein paar Körper. Da sind einige Stimmen. Aber was heißt es, hier und jetzt beisammen zu sein? Was können wir tun? Wer und was zeigt sich? Welche Stimmen kann man hören, und welche bleiben stumm? Wie lässt sich Öffentlichkeit anders gestalten?… Mehr

Im Parlament der Körper finden Sie weder Stühle, noch eine feste Architektur. Wir wollen die Setzung des Publikums als ästhetische Besucher_innen oder neoliberale Konsument_innen vermeiden. Wir haben die Demokratiefiktion des amphitheatralen Halbkreises verworfen. Mit dem Architekten Oskar Hansen berufen wir uns auf das politische Potenzial der „offenen Form“. Die formbare Architektur von Andreas Angelidakis aus 68 Ruinenblöcken (Ruinen eines demokratischen Parlaments?) lässt sich in unendlichen Variationen zusammensetzen und immer wieder umbauen. Sie schafft vielfältige Übergangsräume für das Parlament der Körper. Tag für Tag sind Sie eingeladen, an diesem politischen Theater mitzubauen und in ihm Ort, Hierarchie, Sichtbarkeit, Maßstäbe usw. infrage zu stellen.

Diese 34 Freiheitsübungen sollen eine queere antikoloniale Symphonie Europas seit den 1960er Jahren ergeben, mit Dialogrollen und Auftritten für die dissidenten, heterogenen, ungehörten Erzählungen. Zunächst verknüpfen wir die linksradikale Tradition mit dem antikolonialen Selbstbestimmungskampf indigener Bewegungen in Europa. Die Stimme von Antonio Negri – Mitbegründer der Gruppe Potere Operaio (Arbeitermacht) im Jahr 1969 und Mitglied der italienischen Autonomia Operaia – trifft auf die von Niillas Somby, der im Norden Norwegens für die Selbstbestimmung der Sámi kämpft. Beiden wurde in den 1970er Jahren Terrorismus der einen oder anderen Art vorgeworfen.

Wir verzichten auf die gewohnte Gegenüberstellung von Diktatur und Demokratie, um so das Versagen der Demokratisierung unter dem Regime des Neoliberalismus besser zu verstehen – am Beispiel Griechenlands, aber auch Spaniens, Argentiniens oder Chiles: Wie kam es, dass der freie Markt mit der Freiheit verwechselt wurde? Zwar gelten die 1980er Jahre als eine Zeit des Niedergangs für gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen, in der ein neuer demokratischer Konsens auf kapitalistischer Grundlage ideologische Gegensätze durch Wirtschaftswachstum ersetzte. Doch tatsächlich konnten antikoloniale, feministische, homo- und transsexuelle Initiativen sowie Aids-Aufklärungskampagnen gerade in dieser Zeit die Brüche im hegemonialen westlichen Diskurs herausarbeiten. Wäre es möglich, daran anknüpfend eleftheria (Freiheit) wider die kapitalistische Idee der Freiheit zu denken? Zunehmend greifen wir im Lauf der zehn Tage zeitgenössische Sprachen des Widerstands auf – die kurdische Revolution in Rojava, die Stimmen von queeren, transgeschlechtlichen oder anderen Sexarbeiter_innen sowie von Migrant_innen in der Türkei, in Griechenland, Mexiko oder Brasilien, die zeitgenössischen indigenen Kämpfe für Landrückgaben, die neuen politischen und künstlerischen Ansätze zur Erfindung anderer Formen von Affekt, Wissen und politischer Subjektivität, beispielsweise Ökosex, Queer-Indigenismus oder radikale Performativität. Insgesamt entsteht eine ganz andere politische und poetische Landkarte Europas als jene, die wir von der Europäischen Union kennen.

#0 Einführung

von Adam Szymczyk, Paul B. Preciado und Andreas Angelidakis
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#1

von Linnea Dick

Linnea Dick ist die Tochter von Pamela Bevan und Beau Dick. Sie führt den Kwakwaka'wakw-Namen Malidi mit der Bedeutung „immer einen Sinn und Weg im Leben finden“. Ihre Vorfahren sind Kwakwaka'wakw…

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#2

von Antonio Negri

Antonio Negri ist Professor für Staatstheorie an der Universität Padua. Er wirkte aktiv an den Debatten und Kämpfen linksradikaler italienischer Arbeiter_innen in den 1960er und 1970er Jahren mit und…

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#3

von Niillas Somby

Niillas Somby ist ein Streiter für die Selbstbestimmung der Sámi, Journalist, Videograf und Fotograf. Er war einer von sieben Hungerstreikenden im Zuge der Alta-Kontroverse (1982) und verlor bei einer…

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#4 Educación cívica / Civic Education (Staatsbürgerkunde)

von Sergio Zevallos

Educación cívica (Staatsbürgerkunde) versucht, in Anlehnung an Bodybuilding-Übungen soziale Koexistenz von Körpern zu „trainieren“. Wir sind alle Zivilist_innen: Sogar Soldat_innen besitzen eine…

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#5 Freedom as Market Value. Freedom as Practice of Resistance

von Judith Revel

Was bedeutet frei sein heute, da sämtliche Anforderungen des Marktes offenbar auf die Notwendigkeit hinauslaufen, freie, kreative, autonome, aufwärtsstrebende Individuen hervorzubringen? Worin besteht…

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#6 Memory under Construction: Towards a Public Memory of Torture in Greece

von Kostis Kornetis

Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2001 entwickelte sich in Argentinien ein körperpolitisch geprägter Diskurs, der vehement zur Auseinandersetzung mit der schmerzvollen diktatorischen Geschichte…

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#7 Your Neighbor’s Son: The Making of a Torturer

Your Neighbor’s Son: The Making of a Torturer (Deines Nachbarn Sohn: Erziehung eines Folterers), Jørgen Flindt Pedersen und Erik Stephensen, Dänemark 1981, 52 Min.
Filmvorführung

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#8 This is not the Place. Four Visits to Villa Grimaldi: A Chilean Center for Torture and Detention

von Diana Taylor

In den vergangenen zehn Jahren hat Diana Taylor die berüchtigte Villa Grimaldi in Chile gemeinsam mit Überlebenden der Folter, aber auch alleine mit einer Audio-Führung besucht. Was bedeutet es, sich…

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#9 Between Terror and Revelry. Collective Strategies of Resistance during Dictatorships in Argentina and Brazil

von Ana Longoni

Die Diktaturen Brasiliens (1964–1985) und Argentiniens (1976–1983) waren Teil der Operación Condor – einer rechtswidrigen, zwischen mehreren lateinamerikanischen Regimes abgestimmten Unterdrückung…

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#10 DJ set

von Lies van Born
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#11 Torture and Freedom Tour of Athens

von Vangelis Karamanolakis, Tasos Sakellaropoulos, Kostis Karpozilos und Katerina Labrinou

(Athenrundgang zu Folter und Freiheit)

Ein gemeinsamer Rundgang durch die Athener Innenstadt in Zusammenarbeit mit dem Archiv für Zeitgenössische und Soziale Geschichte (ASKI) sucht nach den historischen…

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#12 The Chronicle of the Dictatorship (1967–74)

von Pantelis Voulgaris

The Chronicle of the Dictatorship (1967–74) (Chronik der Diktatur, 1967–1974), Pantelis Voulgaris, Griechenland, 37 min.
Filmvorführung

Εpitaph for Democracy (Grabinschrift für die Demokratie)
(21:30–23:00…

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#13 Epitafios II

von Angela Brouskou – Theatro Domatiou und MiniMaximum ImproVision

Epitafios II ist ein Gemeinschaftsprojekt von Berufsschauspieler_innen, Musiker_innen, Studierenden, Performer_innen und dem Publikum. Ein Teppich aus Objekten und menschlichen Körpern bedeckt den Boden…

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#14 Ojo de gusano: Don’t Look Down

von Regina José Galindo

Cayeron en Guatemala
Cayeron en Honduras
Cayeron en Nicaragua
Cayeron en El Salvador
Cayeron en Panamá
Cayeron en Venezuela
Cayeron en Perú
Cayeron en Colombia
Cayeron en Uruguay
Cayeron en Paraguay
Cayeron en…

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#15 Chronotopes / Dystopic Geometries / Terrifying Geographies

von Νeni Panourgia

Michail Bachtin zufolge bindet der Chronotopos die zeitlichen und räumlichen Bezüge einer Erzählung an den ideologischen und politischen Kontext, aus dem sie hervorgegangen sind. Dadurch erst erhält…

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#16 Lingua Tertii Imperii

von Daniel García Andújar

Demokratie ist zu einer Frage der Ästhetik geworden, die Bühne der Öffentlichkeit nunmehr eine Art inszeniertes Videospiel oder eine Operette mit einigen wenigen einstudierten Rollen. Diese Operette…

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#17 Red Star, Crescent Moon / after Sohail Daulatzai

von Naeem Mohaiemen

In Black Star, Crescent Moon (Schwarzer Stern, Halbmond, 2012) schildert der Forscher Sohail Daulatzai schwarzen Internationalismus seit den 1950er Jahren als eine Geschichte von Überschneidungen mit…

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#18 Soundscapes of Detention: Music and Torture under the Junta (1967–74)

von Anna Papaeti

Obwohl die Folter in der Zeit der griechischen Militärherrschaft (1967–1974) eingehend untersucht wurde, obwohl sie auch in wichtigen Gerichtsverhandlungen in Straßburg (1968–1969) und in Griechenland…

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#19 Attempt. Come.

von Georgia Sagri

(Versuch es. Komm.)

Versuch es.
Komm.
Unbestimmt.
Sei der Nichtbezugspunkt.
Stetig,
und als Zustand der Entstehung.
Spiel.
Spiel weiter mit dem Takt.
Vibrier mit mir, lass das Chaos ein.
Es ist eine Einladung.
Komm.
Als…

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#20 Transgressive Listening

von Stathis Gourgouris

Stathis Gourgouris ist Professor am Institute for Comparative Literature and Society der Columbia University, New York. Er ist Autor von Synaesthetics of the Polity (erscheint 2018), The Perils of the…

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#21 Outlawed Social Life

von Candice Hopkins

U'mista bedeutet in der Sprache Kwak'wala die Wiederkehr von etwas oder jemandem, der, die oder das als verloren oder geraubt galt. In Alert Bay und Cape Mudge haben First Nations-Gemeinden entlang der…

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#22 I Owe You Everything

von Clémentine Deliss und Chief Robert Joseph

Das Projekt I Owe You Everything lädt zeitgenössische Denker_innen, Dichter_innen und Aktivist_innen dazu ein, einen öffentlichen „Akt des Schenkens“ als kritisch-poetisches Ritual zu gestalten…

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#23 Interior Effects as an Outcome of War

von Bonita Ely

Wir laden Sie ein, in diesem Workshop mit der Künstlerin Bonita Ely über die anhaltenden, von einer Generation zur nächsten weitergegebenen Folgen nicht erkannter, unbehandelter posttraumatischer Belastungsstörungen…

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#24 They Glow in the Dark

von Panayotis Evangelidis

They Glow in the Dark, Panayotis Evangelidis, Griechenland, 2013, 69 Min.
Filmvorführung und Diskussion mit Regisseur Panayotis Evangelidis…

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#25 An Evening with Annie Sprinkle and Beth Stephens and Wet Dreams Water Ritual

Eine Einladung, die Freuden und Gefahren des Wassers mitzuerleben. In Zusammenarbeit mit Künstler_innen, Aktivist_innen, Musiker_innen, Sexarbeiter_innen, Flüchtlingen sowie anderen Menschen und Nicht-Menschen.

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#26 The Waltz of the Dirty Streets

von Adespotes Skyles

Diese Performance ist durch all jene beeinflusst, die zu einem Zeitpunkt, an einem Ort, auf irgendeine Art und Weise auf das, was sie herabgesetzt hat, mit tausdenden von Fragen reagiert haben. Durch all…

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#27 Decolonizing Memory: Vita Futurities in the Americas

von Macarena Gómez-Barris

In diesem Vortrag stellt Gómez-Barris die Frage, wie wir unsere Erinnerung entkolonisieren und alternative, antikapitalistische Lebensentwürfe zur Geltung bringen können. Insbesondere geht es ihr um…

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#28 Rojava is a Women’s Revolution: Jineology as Women’s Science

von Hawzhin Azeez

Die Revolution in Rojava im westlichen Kurdistan ist unter linken Gruppen und Organisationen international beliebt. Trotz des immensen sozialpolitischen Nutzens und der kolossalen, grundlegenden Veränderungen…

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#29 Trans*: Bodies and Power in the Age of Transgenderism

von Jack Halberstam

Halberstams neuste Forschung beschäftigt sich mit der exponentiellen Ausweitung der öffentlichen Diskussion um Transgeschlechtlichkeit im vergangenen Jahrzehnt in den USA und Europa. In seinem Buch Trans*…

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#30 #Direnayol (#Resistayol)

von Rüzgâr Buşki

#Direnayol (#Resistayol), Dokumentarfilm von Rüzgâr Buşki, Türkei, 2016, 60 Min.
Filmpremiere

In Istanbul trifft sich eine Gruppe von Freunden, um einen Film über die türkische Trans- und Sexarbeiter-Aktivistin…

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#31 Voices of Trans and Queer Politics in the Mediterranean

mit Rüzgâr Buşki, Gizem Oruç, Şevval Kılıç, Margarita Tsomou, Maria Mitsopoulou aka Maria F. Dolores, Anna Apostolelli und Tina Voreadi

Stimmen der Transgender- und Queer-Politik im Mittelmeerraum, mit:

Rüzgâr Buşki, Multimedia-Künstler und Produzent, Mitglied von Kanka Productions
Gizem Oruç, Musikerin, Produzentin und Multimedia-Künstlerin…

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#32 Queer Indie Gig, HTH Green to Blue Shock Treatment

von Prasini Lesvia

Prasini Lesvia ist ein queeres Musikprojekt, das von Alkis Papastathopoulos ins Leben gerufen wurde. Dieser nicht-radikale Einfall kam Ende 2012 als ein Zwang zur Mitteilung von Herzschmerz auf, außerdem…

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#33 DJ set

von Gizem Oruç

Gizem Oruç (aka 6zm) ist Musikerin, Produzentin und Multimedia-Künstlerin. Sie hat einen Master-Abschluss in Chemie an der Boğaziçi-Universität erworben und begann danach, an der Technischen Universität…

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#34 The Epic of Eleftheria

von Irena Haiduk und Eirini Vakalopoulou

Im Osten und Fernen Osten, im Süden und im tiefen Süden, jenseits des Nordens und im fernen, tiefen Westen ist Geschichte hauptsächlich eine mündliche Kulturtechnik. Die Dichterin ist Zeugin. Sie hält…

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