Elegie für Annie Pootoogook (1969–2016)
von Candice Hopkins

Annie Pootoogook, Annie at the Sobey Awards 2006, Cape Dorset, 2006, Farbstift, Tinte, 66 × 51 cm. Courtesy Feheley Fine Arts, Toronto, © Dorset Fine Arts

Annie Pootoogooks Heimat war die Arktis nahe dem Nordpol. Der Name ihrer Siedlung ist, auf Inuktitut, der Sprache der Inuit, Kinngait, auf Englisch Cape Dorset. Annie ist vor einigen Tagen verstorben. Die Polizei fand ihren leblosen Körper ans Ufer eines Flusses angespült, der durch Kanadas Hauptstadt Ottawa fließt. Sie wurde 47 Jahre alt.

Als Annies Zeichnungen sich ihren Weg zu einem weiter südlich beheimateten Publikum zu bahnen begannen, war zunächst oft nicht klar, was man von ihnen halten sollte. Sie waren gleichzeitig intim und alltäglich, sie waren roh, emotional, berührend, manchmal erotisch, tragisch und komisch. Sie dokumentierten Stillleben, etwa das schwarze Brillengestell ihrer Großmutter Pitseolak Ashoona, die ebenfalls Künstlerin war, mit der gleichen Sorgfalt und Detailgenauigkeit wie die häuslichen Szenen einer im Sommerzelt schlafenden Familie. Die unzähligen Stunden, die Annie damit verbrachte, Ashoona in ihrem Zimmer beim Zeichnen zu beobachten, bildeten die Grundlage ihrer frühen künstlerischen Ausbildung. Später nahm sie narrative Fäden ihrer Großmutter wieder auf, schuf Zeichnungen, die persönlich und autobiografisch waren, zu einem Zeitpunkt, als viele Drucke und Zeichnungen von Kinngait-Künstler_innen noch um Jagdmotive, Tierszenen, das Leben im Reservat und die Inuit-Mythologie kreisten, Szenen, die sich bei Sammler_innen weiter im Süden großer Nachfrage erfreuten.

Annie gewährte uns mit ihren Zeichnungen Zugang zu ihrem Leben in all seiner Komplexität. Sie dokumentierte ihre Familie, wie sie „Die Simpsons“ im Fernsehen sah, wie sie den Wetterbericht über das Transistorradio hörte; sie zeichnete ihren Freund, wie er sie zu schlagen versuchte, ein Kind, wie es zur Freude seiner Eltern seine ersten Schritte machte; und viele einzelne Objekte – einen Kugelschreiber und einen Bleistift, einen BH, einen Campingkocher, um nur einige wenige zu nennen. Viele ihrer Zeichnungen sind Auseinandersetzungen mit den verheerenden Folgen von Alkoholismus und Suizid, allgegenwärtigen Erscheinungen im Norden, wo die Gemeinden noch immer nach Heilung suchen für die offenen Wunden des kolonialen Erbes und den radikalen Bruch im Leben derer, die einst im Rhythmus mit dem Land gelebt haben.

Annie wurde zu Lebzeiten große Anerkennung zuteil. Ihre Zeichnungen waren Teil der 17. Biennale of Sydney (2010) und zahlloser Einzel- und Gruppenausstellungen in ganz Kanada. Die Verleihung des Sobey Art Award 2006, des wichtigsten kanadischen Preises für Künstler_innen unter vierzig, machte sie weithin bekannt. Kurze Zeit später wurde sie zur documenta 12 (2007) eingeladen. Ihre Teilnahme sorgte landesweit für Schlagzeilen und machte ihre Community stolz.

Annie war immer bescheiden. Sie war gütig und großzügig. Vor einigen Jahren zog sie nach Ottawa, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch was als Neuanfang geplant war, führte zu einem unzeitigen Ende. Annie rang mit dem Erfolg, den ihre Arbeit ihr einbrachte – eine Zeit lang schien es, als wollten alle ein Stück von ihr, während sie doch nur dieser Aufmerksamkeit zu entkommen suchte, ihr und ihren persönlichen Dämonen, die ihr immer ein wenig zu dicht auf den Fersen zu sein schienen.

In der Arktis gibt es eine bekannte Erzählung über eine Kreatur halb Frau, halb Fisch. Ihr Name ist Sedna. Nach dem Willen ihres Vaters sollte Sedna im Ozean den Tod finden – er versuchte sie zu ertränken zur Strafe dafür, dass sie jemanden geheiratet hatte, den er nicht billigte. Doch seine Grausamkeit – er schnitt ihre Finger einen nach dem anderen ab, während sie sich an den Rand seines Bootes klammerte – machte sie zur Mutter des Meeres: Aus ihren Fingern erwuchsen die ersten Robben, Walrosse und Wale.

Ich stelle mir vor, dass Annie jetzt gemeinsam mit Sedna schwimmt und dass sie einander Kraft geben.

Aus dem Englischen von Eva Wilson

Gepostet in Notizen am 28.09.2016
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