The Transit of Hermes (Die Durchreise des Hermes)
von Ross Birrell

Ross Birrell, Apparition (Hermes), Standbild aus der Videodokumentation, 2016

To all lovers of the horse and the wide open spaces;
And to many friends – of whatever race, nationality or creed –
Who did their utmost to make rough places smooth.
—Aimé Félix Tschiffely, Tschiffely’s Ride (1933)

So liest sich die Widmung in einem autobiografischen Bericht über einen 10,000 Meilen langen Ritt zu Pferd von Buenos Aires nach New York. Der schweizerisch-argentinische Reiter Aimé Félix Tschiffely unternahm die Reise zwischen 1925 und 1928 auf zwei Criollo-Pferden namens Mancha und Gato. Tschiffelys bemerkenswerte Ausdauer führte ihn auf eine mühsame aber entschlossene Route, auf der er sowohl Grenzgebiete als auch Kriegszonen Richtung Norden durchquerte – eine Reise, die unzählige Migrationswege heutiger Zeit antizipierte. Sein Buch wurde im selben Jahr veröffentlicht, in dem Hitler in Deutschland die Macht ergriff und eine Biopolitik des Rassenhasses umsetzte. Tschiffelys Worte hallen heute nach, wenn wir Zeug_innen sowohl des Wiederauflebens einer Biopolitik der Intoleranz gegenüber dem Anderen als auch des Erstarkens nationaler Grenzen quer durch Europa und Nordamerika werden.

The Athens-Kassel Ride – ein mobiles, partizipatorisches, menschlich-pferdeartiges, 100 Tage andauerndes Ensemble – ist ein 3000 km langer Wanderritt durch Europa, der die zwei Städte der documenta 14 miteinander verbindet. Inspiriert von Tschiffelys Reise, verweist The Athens-Kassel Ride auf eine Biopolitik von „whatever being“ – auf kommende Gemeinschaften „of whatever race, nationality or creed“. Und diese Gemeinschaft umfasst auch Tiere, in diesem Fall Pferde, als „Gefährtenspezies“. Der Trupp von vier Wandereiter_innen, die die Reise unternehmen (Tina Boche, Peter van der Gugten, Zsolt Szabo und David Wewetzer), reiten im Sinne der Rekener Charta, die um die „Freiheit, die Welt mit Pferden zu bereisen“ und die Erhaltung der „historischen Post- und Handelsrouten“ wirbt, sowie um das Recht, „auf diesen zu reisen wie in alten Zeiten, und dabei die Grenzen von heute zu überqueren“. Der Ritt beginnt am Sonntag, den 9. April 2017 in Athen. Von dort bestreiten die Reiter_innen ihren Weg Richtung Norden auf einer „Landstreicher-Route“ durch Griechenland, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland, die dabei Schengenstaaten und Staaten außerhalb des Schengener Abkommens durchquert und eine Diagonale durch Europa zeichnet.

Die Wanderreiter_innen setzen auf der Route verschiedene Pferderassen ein: Criollo, Haflinger, Kabardiner und Karabagh. Sie werden von einem sechsjährigen Arravani-Hengst namens Hermes begleitet. Arravani ist ein griechisches „Gangpferd“, das für seine Eleganz und Ausdauer bekannt ist. Die Zahl der Arravanis ist heute leider rückgängig. Seine letzten verbliebenen Herden befinden sich in Griechenland und Deutschland. Hermes kommt aus dem arkadischen Berggebirge des Peloponnes und ist nach dem griechischen Gott des Handels und Diebstahls, der Musik und der Grenzüberquerungen benannt. Der mythologische Hermes ist auch der Gesandte und Bote der Götter und eine zentrale Figur im Denken von Michel Serres, dessen Schriften (zusammen mit denen von Giorgio Agamben, Étienne Balibar, John Berger, Jacques Derrida, Donna Haraway und Rainer Maria Rilke) bei der Entwicklung von The Athens-Kassel Ride mitgereist sind. Auf seiner Reise von Athen nach Kassel ist Hermes nicht nur im Transit zwischen Griechenland und Deutschland – einer Linie folgend, die die historischen und gegenwärtigen Spannungen von Europa nachzeichnet – sondern auch zwischen Mythos und Materialität, Wirtschaft und Politik, Philosophie und Handeln, Menschen und Tieren.

Hermes ist sodann ein Kurier, ein Vermittler, ein tierischer Gesandter, ein engelsgleicher Bote. Aber das Ziel seiner Nachricht (was immer sie auch sein mag) ist nicht Kassel. Noch ist Athen sein Ausgangspunkt. Das Ziel liegt im Relais, in der Koexistenz der Gefährt_innen: in der Gemeinschaft von Reiter_innen und Pferden, die, durch das Projekt des Ritts „die Bewegung … nicht in eine andere Sache oder an einen anderen Ort, sondern in sein eigenes Statt-Finden selber – in seine Idee”1 verkörpert.


The Athens-Kassel Ride wurde 2017 von Ross Birrell konzipiert und in Zusammenarbeit mit den erfahrenen Wanderreitern Peter van der Gugten und David Wewetzer (Mitglieder der Weitreitergilde) entwickelt. Das Projekt wird von der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland e.V. (VfD) unterstützt.

Bild: Courtesy des Künstlers und Ellen de Bruijne Projects. Mit Dank an Peter van der Gugten und Konstantinos Kourmpelis.

Aus dem Englischen von Elinor Lazar

1 Giorgio Agamben, Die kommende Gemeinschaft, übersetzt von Andreas Hiepko (Berlin: Merve Verlag, 2003), S. 10.

 

 

Gepostet in Notizen am 05.03.2017
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