Prinz Gholam

Prinz Gholam, 12. April (2005), C-Print, 60 × 49 cm, courtesy Prinz Gholam und Galerie Jocelyn Wolff, Paris

„In der ganzen Darstellung der Kreuzritter dieses Kreuzzuges, auf der merkwürdigerweise das Kreuz fehlt, außer bei den Verzierungen des entrüsteten Patriarchen links, findet sich eine Art obstinater Wiederholung des Namens des Malers, Eugène, glücklicherweise geborener ,Delacroix‘ (,Vom Kreuz‘). Er selbst setzt insgeheim Konstantinopel in Flammen. Auf dem Entwurf in Chantilly ist die Rötung des Himmels noch sehr viel ausgeprägter. Betrachten Sie den jungen Brandstifter, der erschöpft zu Boden gesunken ist und hinter den Beinen einer der Kaiserinnen sich mit der rechten Hand auf den Boden stützt, während er in seiner Linken noch eine Fackel über seiner Brust hält. Er ist verliebt, er ist von Leidenschaft erfüllt. Ist er Grieche oder Franzose? Jedenfalls ist er kein Soldat. Der Aufruhr, die Situation der Frauen und der Stadt, sollte all das es ihm nicht ermöglichen, Begierden zu befriedigen, die er wenige Tage vorher selbst noch für aberwitzig gehalten hätte? Was will er außerdem noch in Flammen setzen, bevor er sich dem Schlaf überläßt? Die Stadt Istanbul möchte er in Brand setzen, sie ihres neuen Namens Konstantinopel entkleiden, erobert von den Türken, zurückerobert von den Griechen, so wie sie von den Franzosen erobert worden war. Er will die Stadt Paris in Flammen setzen, deren Himmel hier über dieser Stadt liegt, die Revolution von 1830 möchte er neu entfachen, bewirken, daß die Freiheit abermals das Volk anführt. Deshalb tragen die Oriflammen nicht die erkennbaren Wappen großer Familien, sondern sind rot-schwarze Fahnen.“

„Er will das Bild verbrennen, dessen Sujet ihn begeistert und zugleich zur Verzweiflung bringt. […] Nicht um die Stadt zu zerstören, sondern um sie immer wieder neu zu entflammen, weil das innere Feuer, das sie verzehrt, sich nicht hinreichend bekundet, und weil er weiß, daß seine Farben Gefahr laufen zu verlöschen. Er will sich selbst gleich Sardanapal in einem Augenblick des ungeheuren Prunks verbrennen, die Finsternis der Welt anklagen und sie wie durch eine Fackel erhellen oder auch wie durch einen Leuchtturm. Die folgenden Verse von Baudelaire werden uns ermöglichen, die Hügel, die sich über Galata erheben, mit immergrünen Tannen zu bepflanzen, und Webers Musik wird dort unzählige Jäger und fahrende Ritter evozieren: ,Delacroix, Blutsee heimgesucht von bösen Geistern / Überschattet vom Wald immergrüner Tannen / Wo, unter trauerndem Himmel, seltsame Töne / Erschallen gleich einem erstickten Seufzer von Weber …‘“

— Pierre Bal-Blanc

Auszüge aus Michel Butor, „Der junge Brandstifter“, in: ders., Dialog mit Eugène Delacroix über den Einzug der Kreuzfahrer in Konstantinopel, übers. v. Helmut Scheffel, Köln: Tropen-Verlag 1998, S. 82–85. Ausgewählt für Prinz Gholam, geboren 1969 in Leutkirch, Deutschland, bzw. 1963 in Beirut, Libanon.

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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