iQhiya

iQhiya, The Commute II (2016), Performance, Kapstadt, Foto: Gerald Machona

In den 1920er Jahren prägten Pädagogen den Begriff des „heimlichen Lehrplans“. Nun, wäre dieser Lehrplan nicht gar so heimlich, ich könnte ihn sehr gut erklären – doch scheint es sich immer knapp hinter greifbaren, klar umrissenen Inhalten zu verbergen. Seine Wirkung zeigt sich in der fortwährenden Reproduktion von Strukturen, Mustern und endlosen Versionen von Dingen, die ebendiese Strukturen und Muster erneut reproduzieren und perpetuieren.

Ich möchte hier keine Beschreibung dieses Phänomens versuchen, doch ich glaube für iQhiya sagen zu können, dass wir die Existenz dieses geheimen Lehrplans allesamt spüren, wenn wir unter uns sind. Wir alle verstehen, jede auf ihre Weise und in ihrer besonderen Position, seine Bedeutung – nicht weil wir ihn sehen können, sondern weil er sich uns immer wieder in den Weg stellt.

Dieser Lehrplan zeigt sich in vielerlei Gestalt – er spricht aus Menschen, Institutionen, Apparaten, die bei jeder Gelegenheit sich und andere nach ihm ausrichten, ob sie ihn nun sehen können oder nicht. Wir werden in ihn hineingeboren, und sich daraus zu befreien, ist ein mühsamer und schmerzvoller Prozess.

Ob man seine dunkle Seite nun durch Tränengas oder Gummigeschosse kennenlernt, durch Sticheleien in der Schule wegen der eigenen Haare oder durch die Erfahrung physischer Gewalt, durch glasig-blaue Augen, die durch einen hindurchstarren, oder durch die Betroffenheit und Überraschung in Sätzen wie „Sie haben das gemacht?“ oder „Sie haben das geschrieben?“: Der heimliche Lehrplan vermittelt vielen Menschen das Gefühl, schlichtweg nicht zu existieren.

Wie bereits gesagt: Wenn wir von iQhiya – einem Kollektiv aus elf ehemaligen Studentinnen der University of Cape Town in Südafrika – unter uns sind, mögen wir uns einig sein, die Auswirkungen dieses Lehrplans am eigenen Leib verspürt zu haben. Doch wir sind uns auch bewusst – wenn wir (an-)gesehen oder angesprochen werden –, dass er uns alle zu ähnlichen Versionen eines bestimmten Menschentyps macht.

Vielleicht war es also die Verlogenheit dieses zynischen und nicht greifbaren Lehrplans, die uns zusammengebracht und ermutigt hat, jenseits seiner Grenzen (voneinander) zu lernen und miteinander zu arbeiten, zu diskutieren, zu streiten und aufzutreten. iQhiya versucht, schwarzen Künstlerinnen in Südafrika einen anderen Lehrplan zu bieten – einen, der sich den strukturellen Ungerechtigkeiten (Lektionen) jenes geheimen Lehrplans entgegenstellt, den wir alle, in unseren unterschiedlichen Erfahrungen mit Institutionen, aufgedeckt haben.

— Thuli Gamedze

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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