Bili Bidjocka

Bili Bidjocka, The Chess Society (2017), webbasiertes Spiel, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Bili Bidjocka, The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage

(Ich glaube, es gibt eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen Schwarzen, der putzt), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Hochschule der Bildenden Künste Athen (ASFA) – Pireos-Straße („Nikos-Kessanlis“-Ausstellungshalle), documenta 14 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Stathis Mamalakis

Bili Bidjocka, The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Gottschalk-Halle (Universität Kassel), Kassel, documenta 14, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Mathias Völzke

In einer durch Identifikation mit Materialität gekennzeichneten Epoche liegt die Versuchung nahe, das Materielle aus seinem übergreifenden kulturellen und historischen Zusammenhang herauszulösen und auf den Aspekt der Ware zu reduzieren. Die Skulpturen und Installationen von Bili Bidjocka (geboren 1962 in Douala) hingegen werfen einen gesamthaften Blick auf Materialien, Objekte und Dinge, von der Basis, auf der sie existieren oder für die sie geschaffen wurden, bis hin zu den mit ihnen assoziierten Merkmalen und Beziehungen. Bidjockas Betrachtungen zum Thema Objekthaftigkeit stehen im Einklang mit den Überlegungen von Arjun Appadurai in seinem Buch The Social Life of Things (1986), in dem er postuliert, dass Dinge und Menschen nicht zwingend unterschiedliche Kategorien sind. Zwanzig Jahre später erklärt Appadurai in seinem Essay „The Thing Itself“, dass „alle Dinge flüchtige Ablagerungen dieser oder jener Eigenschaft sind, Fotografien, die die Realität der Bewegung verschleiern und deren Objekthaftigkeit einen kurzen Aufschub dieser Realität gewährt“.

In Bidjockas Kosmologie entspricht die Idee der Form und umgekehrt. Worte sind, wie Gedanken, sowohl Gefäße als auch deren Inhalt. Do Not Take It, Do Not Eat It, This Is Not My Body … (Berlin, 2014) beschäftigt sich mit der Frage, wie das biblische Wort zu Fleisch in Form von Brot wird. In Texten und Bildern seiner Körperteile erinnert der Künstler an die weit zurück reichende Geschichte der Verdinglichung des schwarzen Körpers, verweist aber auch auf eine verborgene Geschichte kannibalischer Aspekte in der Religion. In einer anderen Variante beschwört Do Not Take It, Do Not Eat It, This Is Not My Body … (Dakar, 2016) die Geister des Veranstaltungsortes, des ehemaligen Justizpalasts, und greift dabei auf Erde als Symbol für die vielschichtigen Verflechtungen zwischen Geschichten, Bedeutungen und Auren zurück.

In seiner für die documenta 14 produzierten Arbeit setzt sich Bidjocka mit dem Schachspiel auseinander und untersucht dieses als Objekt und Idee. Er erzählt vom Wissen, das Schach – als Spiel wie als Philosophie – in den 1500 Jahren seiner Geschichte verkörpert hat, und von den Epistemologien, die es auf seinem Weg durch den indischen Subkontinent, Persien, Afrika und die arabische Welt bis nach Europa und Nord- und Südamerika brachte. Das königliche Spiel steht hier als Inbegriff für repressive Epochen, Strategien, Herrschaftsinsignien und Strukturen und die nach wie vor daran gebundenen Sehnsüchte, in einer Zeit, in der ein politisches und ökonomisches Machtsystem das andere ablöst. Mit der für ihn typischen Sensitivität für die Poesie des Materials komponiert Bidjocka das Schachspiel als Mise en Scène hinter Vorhängen, die den Ort des Geschehens in Szene setzen und gleichzeitig unserem Blick zu entziehen suchen.

— Bonaventure Soh Bejeng Ndikung

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook