Rosalind Nashashibi und Nashashibi/Skaer

Rosalind Nashashibi, In Vivian’s Garden (2016), Öl auf Leinwand, 60 × 90 cm, courtesy Rosalind Nashashibi und Murray Guy, New York

Rosalind Nashashibi dreht ihre Filme immer in Augenhöhe. Niemals weicht ihr Blick nach oben oder unten ab. Jede Einstellung ist wie ein Augenlid, das sich öffnet und schließt. Das Gefilmte wird zum Gesicht: lebende Materie, lebendige Oberflächen. Das 16-mm-Format verstärkt den Eindruck des Blinzelns, von Pulsschlägen. In Nashashibis Filmen sind Körper, Objekte und Blicke alle von derselben Ökonomie des Atmens getragen. Genauer: Atmen bestimmt das Tempo (und ist der Ort) ihres Filmschaffens. In diesem Sinne setzt sich die 1973 in Croydon geborene und heute in London lebende Künstlerin auch mit dem Thema Einengung beziehungsweise „Einfriedung“ auseinander. Städte, Stadtviertel, Fassaden, Häuser: Räume, ebenso beengt wie die darin lebenden Menschen. Sie zu betreten oder zu verlassen ist nicht einfach.

In Nashashibis Electrical Gaza (2015) verschafft uns der Wechsel hin zur Animation eine Atempause – die Möglichkeit, genauer hinzusehen. Plötzlich erscheint jede noch so kleine Bewegung wie ein Geschenk, wie ein Neubeginn. Die Einengung ist noch gegeben, doch das Bild kann neuen Atem holen: ein kurzer Moment der Dissoziation von der Last der Bilder. Ist Animation wie ein weit geschlossenes Auge? Eine andere Art zu atmen: Im Soundtrack von Electrical Gaza hören wir den regelmäßigen Atem eines Menschen. Kurze, aber stetig wiederkehrende Einschnitte, die den Film unterbrechen und strukturieren.

— Clara Schulmann


Im Jahr 2013 zeigte eine Ausstellung in Paris neben meinen Arbeiten auch Werke der schweizerisch-jüdischen Malerin Renée Levi. Sie antwortete auf meinen Film Carlo’s Vision (2011) mit großen, ovalen Klecksen in brauner Farbe, die sie mit einem Mopp zügig aufbrachte. Diese überraschende Reaktion verwies auf die Möglichkeiten des Arbeitens mit beiden Medien – immerhin ähneln die zeitlich abgestimmten Entscheidungen, die ich beim Filmen treffe, jener Art von Gegenwärtigkeit, die ich beim Anblick von Gemälden empfinde.

Es kann kein Zufall sein, dass sich mein neuer Film für die documenta 14 mit einer anderen jüdischen Malerin großformatiger Abstraktionen beschäftigt, die – ebenfalls rothaarig und einst in Basel beheimatet – nur wenige Jahre zuvor die gleiche Ausbildung absolvierte. Vivian Suter und ihre Mutter Elisabeth Wild leben als Künstlerinnen im selbst gewählten Exil in Panajachel, Guatemala. Beide sind wie zwei mädchenhafte Schwestern, die einmal Mutter, einmal Tochter füreinander sind – und zuweilen auch für mich.

— Rosalind Nashashibi


Unsere aktuelle Zusammenarbeit Why Are You Angry (Rosalind Nashashibi und Lucy Skaer, 2017) setzt sich mit Gauguins Bildern tahitischer Frauen auseinander. Das Projekt, dessen Titel und Posen direkt auf die Werke des Malers Bezug nehmen, untersucht die Probleme und Möglichkeiten, die sich aus seinem spezifischen Blick auf Frauen ergeben. Der Film pendelt zwischen inszenierten und spontanen Aufnahmen tahitischer Frauen vor ihrem Zuhause, bei der Arbeit und in unserem gemieteten Apartment.

— Nashashabi/Skaer

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook