Benjamin Patterson
(1934–2016)

Benjamin Patterson, What is on My mind? (1992), Performance, Galerie Schüppenhauer, Köln, foto: Wolfgang Träger

I.
falte weltkarte auf boden aus. kreise mit füller, bleistift usw. stadt ein, in der die performance stattfindet. platziere stachel des kontrabasses im kreis.

Aktionspartituren wie diese aus Variations for a Double Bass (1961) – verspielt, jenseits allen Gekünstels und fern von kommerziellen Absichten – machten mich zunächst auf Fluxus im Allgemeinen und schließlich auf Benjamin Patterson (geboren in Pittsburgh 1934, gestorben in Wiesbaden 2016) im Besonderen aufmerksam. Obwohl Patterson auf mehreren wichtigen Ausstellungen in Nord- und Südamerika, Europa und Asien vertreten war, blieb seine Arbeit eine Randerscheinung in einem Kanon, der den weniger pointierten Formen künstlerischen Schaffens sehr viel Raum gibt.

Pattersons Werk und Persönlichkeit waren von feinsinnigem Humor und subtilen, aber dennoch tiefschürfenden politischen Gedanken geprägt. Beide Eigenschaften kommen in Arbeiten wie Concrete Poem no. 6 (2005), aus Beton gegossen mit dem in Umkehrschrift eingeprägten Titel darin, aber auch in seinen zahlreichen Gedichten, Partituren und Texten zur Geltung. Methods and Processes (1962) etwa enthält die folgenden Anweisungen: „an die zahl 6 denken; wie ein hund bellen; zweimal an die zahl 6 denken; aufstehen (nicht an die zahl 6 denken); hinsetzen; an die zahl 6 denken; wie ein hund bellen.“ Kunst ad absurdum. In My Grand 70th Birthday Tour (2004) lud der Künstler seine Freunde ein, das Ereignis mit „Ben cocktails“ auf dem Gipfel des Fudschijama zu begehen.

Seine Stellungnahmen zur Weltlage – Untitled (A Case for Bombing Pause) (1962), Pan Am (1990), Say Your Prayer (1990), um nur einige wenige zu nennen – gingen mit der persönlichen Bereitschaft zum politischen Engagement einher. Patterson beteiligte sich am Marsch auf Washington von 1963, und er war überzeugt, dass es nichts Wichtigeres gab als die Mitwirkung in der Bürgerrechtsbewegung. Er sei über die Maßen enttäuscht gewesen, dass seine Ansichten von Fluxus-Kolleg_innen in den Vereinigten Staaten nicht geteilt wurden, schreibt die Kuratorin Valerie Cassel Oliver in ihrem Essay „The Curious Case of Benjamin Patterson“. Zum ersten Mal „empfand er die körperliche Realität seines Schwarzseins inmitten seiner linksliberalen Freunde“.

Kurz vor seinem Tod entwarf Patterson eine Installation und Performance ausgehend von Aristophanes’ Die Frösche (405 v. Chr.) und der eigenen frühen Arbeit Pond aus dem Jahr 1962. Dieses nun posthum realisierte Konzept sieht vor, den Nationalgarten in Athen und die Karlsaue in Kassel mit einer „Symphonie der quakenden Frösche“ zu erfüllen. Pattersons „Klang-Graffiti“, das sich aus Aufnahmen von quakenden Fröschen und einem menschlichen Chor ausgebildeter Frosch-Imitator_innen zusammensetzt, ist angereichert mit einer Vielzahl verborgener politischer Botschaften.

— Bonaventure Soh Bejeng Ndikung

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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