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Der Auslöschung widerstehen: Standing Rock, Öko-Genozid und Überleben

Die Luft ist nicht mehr, was sie einmal war.
Das Wasser ist nicht mehr, was es einmal war.
Die Erde ist nicht mehr, was sie einmal war.
– Rat der Stammesältesten und Medizinleute, Brief, datiert 2005

Das Dampfschiff Osceola auf dem Ocklawaha River, Florida (ca. 1886), Schwarz-Weiß-Fotografie, 25 × 20 cm. State Archives of Florida, Florida Memory, Tallahassee

Die Moderne hat ihre Formen, ihre Gesetze, ihre fatalen Fantasien, die in in ihrer Logik zur Auslöschung tendieren.1 Fünfhundert Jahre lang gehörten Ökozid und Genozid zur Dynamik der Moderne, trugen zu ihre energetischen Aufladung bei. Das Endergebnis ihrer Akkumulationen, so lernen wir heute, ist eine Abnahme des Lebens, die sich zusehends beschleunigt. Welche Folgen auch immer die sechste Aussterbewelle haben wird, sie wird sich als Selbstmord der Moderne erweisen.2 Wird dies aber öffentlich wahrgenommen? Sind wir bereits mit der Auslöschung in Berührung gekommen? Klimachaos, weltweite Umweltvergiftung sind heute Teil der Alltagserfahrung. Doch wer von uns bekommt das Verschwinden der Tier- und Pflanzenwelt, die Zerstörung ökologischer Gefüge, den Verlust des evolutionären Horizonts und von Zukunftsperspektiven aus nächster Nähe mit? Wie wird all dies aus der Erfahrung der Moderne heraus wirklich und gegenwärtig? Kann man sich diese Gewalt eingestehen, auf sie reagieren und dabei trotzdem modern bleiben? Gibt es so etwas wie eine gesellschaftliche Kehrtwende? In bestimmten Situationen, so wurde behauptet, können Ideen und Emotionen zu materiellen Triebkräften der Geschichte werden. Wenn sich ausreichend viele Leute mit dieser Katastrophe befassen, werden dann ihre leibhaftigen Bemühungen, dieses Wissen zu teilen und damit umzugehen, zu einer materiellen und politischen Kraft? In der Endphase kämpfen miteinander konfligierende Werte und Visionen darum, emporzukommen und zu überleben. Jetzt werden die Frontlinien neu gezogen, mit beeindruckender Klarheit. Halsstarrig setzen sich die Wächter sterbender Fantasien zur Wehr, rufen zum Widerstand auf, drehen sich mit ihren bösartigen Rekursionen immer weiter im Kreis. Aber Himmel, Land und Gewässer füllen sich mit einer wabernden Leere. Die Moderne ist an ihre Grenzen gekommen und hat keine Zukunft mehr. Welche Werte und Beziehungen, welche Künste, Fertigkeiten und Kulturen, werden die erwachenden Menschen wiederbeleben, entwickeln und nähren, um sie zu ersetzen?

Heute ist das Leben selbst der letzte Wetteinsatz und die Auslöschung der letzte Kontext allen ethischen und politischen Empfindens, Denkens und Tuns. Symptomatisch interpretiert ist heute jedes Dokument der Kultur ein Dokument des Öko-Genozids und des Aussterbens, wenn auch nur in der Verleugnung. Diese Nachricht ist noch nicht in den breiten politischen Diskurs vorgedrungen, und die Kritische Theorie hat sie bislang nur unzureichend verstanden. Zahlreiche Menschen haben es allerdings durchaus registriert, wächst doch in der Basis der Widerstand gegen den Krieg, den die Moderne gegen das Leben führt. Die indigenen Völker, die überall auf der Welt den Kampf gegen den Öko-Genozid anführen, haben es seit Langem wortstark und in Aktionen deutlich gemacht.3 Sind ihre Statements, Reden und Aufführungen nicht aus der Not geborene Darbringungen? Erzählen sie uns nicht, dass es ohne eine mehr-als-menschliche Wechselseitigkeit keine Rettung, keine Zuflucht, kein Überleben gibt?4 Steht uns denn nicht bereits alles zur Verfügung, was wir benötigen, um die herrschende Logik des Todes umzuformen? Mir kommt es vor, als warteten wir vergebens auf eine neue rettende Technologie oder einen neuen theoretischen Königsweg, eine neue technische Patentlösungen. Auch das Verblendungen modernistischer Natur. Die Moderne zu entwaffnen und abzuschalten ist eine schreckliche Aufgabe, aber so ist die Situation.

In den Signalen hinter den Signalen finden die Nachrichten einen Echoraum. Vom Aussterben zu sprechen, heißt letztlich, die Frage des Überlebens aufzuwerfen. Die gesellschaftlichen Vorgänge des Öko-Genozids stellen die Verbindung her zwischen dem massenhaften Artensterben und den fortdauernden Angriffen auf indigene Völker und Kulturen. Der Kampf der Wasser-Beschützer in Standing Rock, North-Dakota, USA, bedeutete ein wichtiges Ereignis für das aktuelle Wiedererstarken und den Widerstand der Indigenen. Er wirft ein Licht auf die Prozesse des Öko-Genozids in der Moderne. Was 2016 in Standing Rock geschah – und auch jetzt noch in der Folge geschieht – geht uns alle akut an, verlangt doch die Tatsache, dass indigene Völker ihr Recht geltend machen, mit ihrem angestammten Land und Wasser in einer wechselseitigen Beziehung zu existieren, unsere Anerkennung, Stellungnahme und Unterstützung. In den in Standing Rock organisierten Gebeten, Gedenkfeiern und sonstigen Veranstaltungen zeigt sich eine machtvolle Ablehnung modernistischer Dogmen und vor allem vielleicht eine Zurückweisung des Überlegenheitsgefühls des Menschen. Eine Konfrontation mit besagten Dogmen und dem Überlegenheitsdenken ist im Kontext des Sechsten Massenaussterbens und der Endphase der Moderne ein lebensnotwendiger Imperativ geworden. Standing Rock hat den kulturellen und politischen Raum dessen geöffnet, was man mit Donna Haraway als „Terrapolitik“ bezeichnen kann.5 Es liegt an uns allen, sicherzustellen, dass dieser Raum sich weiter öffnet, dass er Wirkung zeitigt und weitere Ereignisse nach sich zieht. Dies können wir tun, indem wir das Wiedererstarken und den Widerstand der Indigenen mit der Logik, die dem Krieg der Moderne gegen das Leben eingeschrieben ist, zusammendenken. Wir können es tun, indem wir zusammen über Aussterben, Überleben und die Dinge nachdenken, die für das menschliche und mehr-als-menschliche Leben in der Zukunft am dringlichsten sind. Und wir können es tun, indem wir die Schlussfolgerungen daraus auf eine Weise verinnerlichen und umsetzen, die eine andere Logik des Alltagslebens installiert und in Gang setzt.


Elegie für einen Albatros

Der amerikanische Künstler Chris Jordan startete 2009 eine Fotoserie, die er Midway: Message from the Gyre nannte. Auf dem Bild, das mich aus der Serie am meisten betroffen hat, ist der Sterbeort und der Kadaver eines Laysanalbatros-Jungen zu sehen.6 Die Fotografie fängt eine doppelte zeitliche Bewegung ein: Während der Kadaver auseinanderfällt, tritt die Unzerstörbarkeit des Plastiktreibguts, das seinen Magen füllte, mit schreiender Deutlichkeit zu Tage.

Plastik ist ein Indikatormaterial der Moderne. Wie Heather Davis anmerkt, „steht Plastik für die Verheißungen der Moderne, das Versprechen einer undurchdringlichen, vollkommenen, sauberen, glatten Überfülle.“7 Chemie und Konsum, Hand in Hand. Das zuckersüß gefärbte Traummaterial entpuppt sich jedoch als vergiftetes Geschenk. Acht Prozent des geförderten Erdöls gehen in die Plastikherstellung.8 Ein typisches Plastikprodukt enthält eines oder mehrere von 80.000 chemischen Additiven; an alles, womit es in Kontakt kommt, gibt es Giftstoffe ab oder dunstet sie aus: Luft, Wasser, Erde, Körper.9 Diese Toxine, die mit Unfruchtbarkeit und zahllosen anderen Krankheiten in Verbindung gebracht werden, reichern sich im Körpergewebe an und steigen die Nahrungskette nach oben. Das Fleisch der großen Meeresfische – Thunfisch, Lachs, Schwertfisch, Hai –, an dem so viele von uns Spitzenprädatoren Geschmack finden, steckt voll von derartigen Chemikalien. Plastikmaterialien absorbieren und akkumulieren zudem bei Kontakt beständige chlororganischen Schadstoffe aller Art, etwa DDT oder PCB, wodurch ihre Giftigkeit noch erhöht wird.10 Und sie bauen sich nicht biologisch ab. Auch wenn sie mit der Zeit in immer kleinere Teile zerfallen, bleiben ihre Moleküle intakt und reaktiv.

„Heutzutage“, schreibt Davis, „kann nicht mehr angenommen werden, dass irgendein Ort der Erde noch frei von Plastik ist. Und nicht eine Person, die in Kanada, den Vereinigten Staaten oder in vielen andern Ländern untersucht worden ist, war frei von chemischen Verbindungen, die aus Plastikmaterialien stammen.“11 Das Problem ist natürlich, dass die Plastikproduktion profitabel ist. Das Akkumulationsgesetz lautet denn auch: Alles was an Profit zu erzielen ist, soll auch eingeheimst werden. 2012 hat die petrochemische Industrie 280 Millionen Tonnen Plastik produziert. Erwartet wird, dass die Produktion bis 2050 auf 33 Milliarden Tonnen jährlich springt.12 Wie in der auf fossile Rohstoffe ausgerichteten Wirtschaft allgemein ist der Akkumulationsdrang nicht zu bändigen: Der Profit wächst, aber auch der Tod reichert sich in den Geweben und Organen des Lebens an.

Unsichtbare Gift-Wirkungen überschatten die sogenannte Große Beschleunigung der Moderne nach 1945.13 Solche Wirkungen zeigen sich in Jordans Fotografie – negativ und sublim. In Jordans Bild des besagten Laysanalbatros zeigt sich allerdings auch eine weit gröbere Form des Ökozids: Das Plastiktreibgut verrichtet sein tödliches Werk sehr unmittelbar als mechanische Zerstörung, als Stressfaktor, der die jungen Vögel schädigt, verhungern lässt, dehydriert und schwächt und sie für andere Lebensbedrohungen anfälliger macht. Albatrosse, die in der Regel mehr Plastik aufnehmen als andere Seevögel, sind heute die „Familie von Vögeln, die auf der Erde am meisten bedroht ist“.14 Aktuell stellt jedoch die Langleinenfischerei weltweit die größte Bedrohung für die Vögel dar. Die Todesrate durch Beifang wird beim Laysanalbatros auf 6.000 bis 10.000 Vögel jährlich geschätzt, und dies während der letzten fünfzig Jahre.15 Laysans legen lediglich ein Ei pro Jahr und meistens beginnen die Vögel erst in einem Alter von etwa zehn Jahren zu brüten.16 Fast die ganze Weltpopulation der Laysanalbatrosse brütet auf zwei entlegenen Eilanden in der Hawaii-Inselkette, den Leeward Inseln, die jedes Jahr 500.000 bis 600.000 Brutpaare beherbergen.17 Die Beifang-Todesrate ist also verheerend. Aber auch Plastik und Giftstoffe tragen zum Niedergang der Albatros-Populationen bei. Bei Untersuchungen an Schwarzfußalbatrossen wurden PCB- und DDT-Belastungen in einer Höhe nachgewiesen, die bei anderen Fisch fressenden Vögeln bekanntermaßen zu dünneren Eierschalen und Embryosterblichkeit führt.18 Im Norden der Hawaii-Inselgruppe, wo die Albatrosse auf Beutefang gehen, liegt die Subtropische Konvergenzzone oder der Nordpazifikwirbel. Sämtliches Plastik, das in den Nordpazifik geworfen, geweht oder gespült wird, treibt mit den Strömungen in dieses Gebiet und seine Bruchstücke landen in der Plastiksuppe des Großen Pazifikmüllflecks. Heute hat jeder Albatros eine Ladung Plastik in seinem Bauch. Diese Kunststoffe schwächen die Vögel zwar und versehren ihren Verdauungskanal, doch offenbar sterben deswegen nicht alle Tiere den Hungertod. Sie kämpfen jedoch, wie Thom van Dooren schreibt, „inmitten eines gefährlichen und giftigen Orts“ um ihr Überleben.19

Wie gelangt ein moderner Mensch dazu, sich über den Kampf des Albatros gegen seine Auslöschung Gedanken zu machen? Man muss schon die Mühe auf sich nehmen, sich kundig zu machen. Sich gründlich vertraut zu machen, sich auf das Thema einzulassen und sich dem Elend jeder vom Ökozid bedrohten Art zu öffnen, bedeutet, sich selbst zu verändern. Als Einstieg werden die Stadtmenschen inspirierende Ratgeber benötigen, die Geschichten sammeln und erzählen: Biologen, Filmemacher, Künstler und Schriftsteller. Jordans Arbeit hat mich auf zwei Bücher aufmerksam gemacht, die mich tief berührt haben: Ein Albatros namens Amelia (dt. 2004), geschrieben von dem Biologen und Meeresaktivisten Carl Safina und Flight Ways (2014) aus der Feder des Anthropologen und Umweltphilosophen Thom van Dooren. Safina zeichnet ein eindringliches Porträt eines Laysanalbatrosweibchens, von seinen Biologen Amelia getauft, das regelmäßig tausende Kilometer absucht, um Futter für sein Junges zu finden. Albatrosse haben als Langstreckenflieger, die fast ihr gesamtes Leben auf dem Meer verbringen, eine Körperform entwickelt, die „auf einzigartige Weise“ geeignet ist, „Energie aus dem Wettergeschehen [zu] nutzen“.20 Es handelt sich um große Vögel mit zwei Metern Flügelspannweite. Safina schreibt: „Sie leben in einer unsteten Welt des Windes und wilden Wassers, in der alles ständig in Bewegung ist.“21 Die Entfernungen, die sie zurücklegen, sind erstaunlich: „Ein fünfundfünfzig Jahre alter Albatros ist mindestens sechs Millionen Kilometer geflogen.“22 Festen Boden suchen Laysans lediglich auf, um Balztänze zu vollführen und neue Vögel in die Welt zu setzen.

In einer erstaunlichen Textperformance artenübergreifender Empathie bringt Safina jene Fischerei ins Spiel, die heute die größte Bedrohung für die Existenz des Albatros darstellt:

Früher hat Amelia die Köder von den Langleinen gepickt. Sie kennt das harte Gefühl der Haken in dem weichen Köder und hat auch schon gespürt, wie Haken an ihrem Schnabel gekratzt haben. Aber unter allen ihren Erfahrungen war nie jene Empfindung, die sich einstellt, wenn der Haken plötzlich hängen bleibt, wenn die Leine sich spannt, den Hals lang zieht, den Körper unter Wasser zerrt; nie musste sie in den steifen Ring des Hakens beißen, sich mit gespreizten Füßen zur Wehr setzen, nie erleben, wie ihre Flügel nicht mehr gehorchten und sie mit der sinkenden Leine unter Wasser gedrückt wurde; sie kennt nicht die rasche Zunahme des Drucks, das Gefühl von Wasser, das alle Luft aus dem Inneren drückt, die Schmerzen in den Ohren und den hohlen Knochen; die Atemnot und das Gefühl, dass zum ersten Mal keine Luft mehr da ist; Licht, das immer schwächer wird; die Drehungen und Zuckungen des Kopfes, das Hämmern des Herzens, wenn der Körper den Sauerstoff schnell aufbraucht. Sie weiß nicht, wie es ist, wenn das Gesichtsfeld schwindet, bis die Bewusstlosigkeit und die Bewegungen der automatischen Atmung einsetzen, bis der Brustkorb sich weitet und klares Wasser in die Lunge saugt, bis alles vorüber ist und nur noch der Weg zum Meeresboden bevorsteht. Ein Weg, der wahrlich lange dauert.23

Solche Worte, Bilder und Geschichten versetzen uns in die Lage, der traumatischen Gewalt der Auslöschung zu begegnen und sie auszuhalten, was uns überdies dazu bringen mag, die Maschinerie unserer modernistischen Gelüste und ihre Auswirkungen auf die Meere zu verstehen. Van Dooren, Deborah Bird Rose und andere Wissenschaftler_innen der Extinction Studies Working Group haben einen Korpus von Untersuchungen und einflussreichen Überlegungen geschaffen, die die Zerstörung der Biosphäre durch die Moderne thematisieren.24 In einem den Laysanalbatrossen gewidmeten Kapitel von Flight Ways äußert van Dooren die überaus wichtige Einsicht, dass eine Art eine kollektive Errungenschaft ist und nicht für selbstverständlich genommen werden kann. „Arten“, schreibt er, „finden nicht einfach statt, sondern müssen in jeder neuen Generation erzielt, in der Welt gehalten werden durch die Arbeit, Fertigkeit und Entschlossenheit individueller Organismen innerhalb realer Fortpflanzungs-, Nahrungs- und Brutpflegeverhältnisse.“25 Die Albatrosarten, stellt er fest,

erscheinen sowohl als immense evolutionäre Entwicklungslinien als auch als Ansammlung von vergänglichen und zerbrechlichen Einzelvögeln, die mit der profanen Arbeit beschäftigt sind, die Generationen zu verknüpfen. In gewissem Sinne sind Millionen Evolutionsjahre in jedem dieser Albatroskörper enthalten: fleischgewordene Vererbungen, Geschichten, Beziehungen.26

Van Dooren nennt diese Errungenschaften „Flugstrecken“ (flight ways), aber die Implikationen sind klar: Es handelt sich dabei, nicht weniger als bei uns, um Kulturen. Dazu gehören hochentwickelte Fertigkeiten zur Lebensbestreitung, aber auch einzelne Ausdrucks- und Kommunikationsformen, Gesänge und Tänze der Freude und der Trauer. Auch die Dichotomie (oder Hierarchie) von Kultur und Natur ist eine Konstruktion des menschlichen Überlegenheitsdenkens. Van Dooren:

Mitgefühl, Rücksicht, Sorge, ja selbst bestimmte ethische Aspekte sind niemals ein Privileg gewesen, über das die Menschheit allein verfügt. […] Diese affektiven Bindungen sind vielmehr Produkte einer langen und komplexen Erbschaft, die eine einfache Unterscheidung zwischen dem, was „biologisch“ und dem, was „sozial“ ist, untergraben.27

Wenn eine Spezies ausstirbt, verschwindet auf unwiederbringliche Weise eine ganze Kultur mit ihr, und an diesem Verlust leidet das ökologische Gefüge insgesamt. Zusammen mit zahlreichen anderen, darunter Gelehrte und Stammesälteste der indigenen Völker, fordert uns van Dooren auf, unsere Verantwortung gegenüber einer größeren Lebensgemeinschaft anzuerkennen. Leben und Kulturen der Arten sind in örtlichen ökologischen Gefügen eingebettet, die durchlässig sind für Zeit, Wandel, Störung und Schädigung. Diese Gefüge als Gemeinschaften aufzufassen und zu empfinden, bedeutet, die ethischen und politischen Belange über die Grenzen des modernistischen Überlegenheitsdenkens des Menschen hinaus auszuweiten. Gemeinschaften in diesem Sinne sind lebenserhaltende Verflechtungen von Lebewesen und Kulturen, die Wasser, Luft und Boden wie ein Gemeingut miteinander teilen. Das munus in communitas impliziert eine Gabe, die nach einer Antwort verlangt und, in einer wechselseitigen Bewegung, die über das Interesse eines Individuums oder einer Art hinausreicht, zurückgegeben werden muss.28 Wird die ökologische Verflechtung nur tief genug empfunden, wird sie zu einem Band der Fürsorge, zu einer Verpflichtung des Beschützens. Van Dooren erinnert uns daran, dass auch unsere eigene Entwicklungsgeschichte die Fähigkeit hervorgebracht hat, sowohl für unsere Mitmenschen als auch für andere mehr-als-menschliche Daseinsformen zu sorgen.

Wir Menschen sind die Neulinge in der großen Umstrukturierung des Lebens, die auf das letzte Massenaussterbeereignis vor 66 Millionen Jahren folgte. Der Asteroideneinschlag des Kreidezeit-Tertiär-Ereignisses (KT-Ereignis) füllte die Atmosphäre mit Rauch und Staub und löschte die Dinosaurier sowie 75 Prozent aller damals existierenden Arten aus. „Einige Vögel“, schreibt van Dooren,

schafften es durch diese dunkle Zeit. Mit ihnen überlebten auch ein paar Säugetiere, Reptilien, Pflanzen, Bakterien und andere Lebewesen. Aus diesen Individuen entwickelte sich die unglaubliche Diversität des heutigen Lebens auf unserem Planeten. Das ist die Lebensgemeinschaft, die auch uns als Art hervorbrachte, die Gemeinschaft, der wir angehören.29

Die Gemeinschaft der Erde und die verwandtschaftlichen Beziehungen, wie sie uns die Evolutionsbiologie vor Augen führt, stellen für viele indigene Völker kaum etwas Neues dar. In ihren Kulturen und Traditionen wird diese mehr-als-menschliche Ethik des wechselseitigen Wohlergehens schlicht als „Verwandtschaft“ (kinship) bezeichnet. Was Carl Safina bei seinen Feldstudien an Verwicklungen und Belastungen erlebte, weckte sein Gespür für die Zeiten durchmessende Verbindungen:

Es ist schwer zu begreifen, aus welch langen Abstammungslinien wir hervorgegangen sind, was für uralte Wesen wir alle hier auf der Erde sind. Aber dieses Atoll, diese Tierwelt, die Albatrosse vermitteln uns den Eindruck einer überlieferten, dauerhaften Kontinuität. Hier spürt man, dass die Geschichte der Arten in weit entfernter Vergangenheit begonnen hat und miteinander verwoben ist. Dass wir – wie Coleridges alter Seefahrer es uns sagen will – alle eine große Familie sind.30

Der Biologe, der auf dem Midway-Atoll schreibt – in nächster Nähe zu den Laysanalbatrossen und ihrem Kampf, sich einen Platz in der Welt zu behaupten – und über die Evolution nachdenkt, entdeckt die familiäre Verwandtschaft, die spürbaren Bande wechselseitiger Rücksicht und Sorge, die der alten Ethik des Mutualismus zugrunde liegen. Ist dies etwa ein Fall von Wiederverzauberung, wie sie durch ein Gründungstabu der Moderne verboten wurde?

Februar 2017. Ich schreibe aus dem sogenannten Florida, habe mein Lager am Land’s End in der Nähe von Flamingo aufgeschlagen, im Everglades National Park. Aus der Florida-Bucht kommende Wellen schlagen sanft gegen die Kalksteinküste und Braune Pelikane, Ibisse und Reiher kehren zu ihren Schlafplätzen in den Roten Mangroven zurück. Im Westen ziehen die Wolken langsam über einen rot-orangen Himmel. Hinter mir ruft ein Fischadler aus seinem Nest, das auf einem aufgegebenen Telefonmast sitzt. In all den Jahren, die ich im Süden dieser Halbinsel verbracht habe, ist mir noch nie eines der seltenen Salzwasserkrokodile zu Gesicht gekommen. Heute habe ich gleich drei erblickt, das eine schwimmend und zwei, die – bräunlich und auf unheimliche Weise prähistorisch – auf den schlammigen Ufern in der Nähe der Flamingo Marina dösten. Auf der Parkstation habe ich Fotos des neuen Spitzenprädators der Everglades gesehen: exotische Pythons, die von ihren Haltern ausgesetzt wurden. Die Schlangen töten und fressen neben zahllosen anderen heimischen Tieren Alligatoren. In der Dämmerung zünde ich ein Lagerfeuer aus Treibholz an und denke über die von der Moderne geknüpften schicksalhaften Netze nach, in denen manche Kreaturen ihren Platz finden, während viele andere für immer aus der Welt gedrängt werden.

Morgen werde ich zusammenpacken und nach Miami fahren, um meine Freundin, die Künstlerin und Aktivistin Rozalinda Borcilă abzuholen. Wir hatten vereinbart, uns zu treffen, um eine neue Pipeline für Fracking-Gas zu dokumentieren, die quer durch die empfindlichen Feuchtgebiete geschlagen wird und die bereits in Mitleidenschaft gezogenen Wassereinzugsgebiete und unterirdischen Flusssysteme der größeren Everglades weiteren Gefahren aussetzt. Gegen die Sabal Trail Pipeline regt sich Widerstand. Aber im Unterschied zu Standing Rock ist dieser Widerstand nahezu unsichtbar, er geht von kleinen, in der Öffentlichkeit unbekannten Camps aus, die fern von Städten und Ortschaften in entlegenen ländlichen Gegenden liegen. Wir möchten die Stimmen des Widerstands aufzeichnen und unsere Kompetenzen und unsere Zeit zur Verfügung stellen. In zwei Tagen werden wir Bobby C. Billy treffen, spiritueller Führer und einer der Clanchefs einer unabhängigen indigenen Gemeinschaft hier vor Ort. Wir möchten ihm zuhören und herausfinden, wie wir helfen können. Ich bin etwas früher hierhergekommen, in der Hoffnung, den Lärm in meinem Kopf ausschalten zu können, dem Alltagsdruck meines Lebens in Europa für eine Weile zu entfliehen und mich dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, wieder zu verbinden. Ich weiß nicht, was geschehen wird, oder wohin dies alles führen wird.

Zeitalter des Neuen Sterbens

Chris Jordan, CF000478, aus der Serie „Midway: Message from the Gyre“ (2009), pigmentierter Tintenstrahldruck, 63,5 × 76 cm

Der Umwelthistoriker Justin McBrien möchte das Anthropozän in Nekrozän, Zeitalter des neuen Sterbens, umbenennen.31 Die Geschwindigkeit, in der in der Endphase der Moderne das Leben zurückweicht, hat etwas Schockierendes. Eine Erhebung des World Wildlife Fund aus dem Jahr 2016 kommt zu dem Schluss, dass die Vogel-, Säugetier-, Reptilien-, Amphibien- und Fischpopulationen in den vergangenen vierzig Jahren um 58 Prozent zurückgegangen sind,32 wobei 90 Prozent der Haie und anderer großer Fische bereits verschwunden sind.33 Die menschengemachte Aussterberate beläuft sich auf schätzungsweise 100 Arten täglich.34 Wir erleben das sechste Massenaussterben. Erleben wir es tatsächlich? Dem Spektakel der Moderne, das alles sieht und den Anspruch erhebt, alles von Interesse sichtbar zu machen, ist es nicht gelungen, uns das schiere Ausmaß der gegenwärtigen Aussterbewelle vor Augen zu führen und unsere Herzen zu öffnen. Die Katastrophe jedoch findet statt und wir sind darin verwickelt. In einem offiziellen Statement anlässlich der COP 21, der Klimakonferenz der Vereinten Nationen 2015, schrieb der Rat der Stammesältesten und Medizinleute:

Die Luft ist nicht mehr, was sie einmal war. Das Wasser ist nicht mehr, was es einmal war. Die Erde ist nicht mehr, was sie einmal war. Die Wolken sind nicht mehr, was sie einmal waren. Der Regen ist nicht mehr, was er einmal war. Die Bäume, die Pflanzen, die Tiere, Vögel, Fische, Insekten und alle anderen sind nicht mehr, was sie einmal waren. Alles, was das Leben heiligt, verschwindet durch unser Handeln. Die Wahrheit ist, wir sind schon über den Klimawandel hinausgelangt und haben es mit dem reinen Überleben zu tun.35

Van Dooren stimmt dem zu:

Wenn wir die scheinbare Objektivität und Unparteilichkeit „eines Blicks aus dem Nirgendwo“ aufgeben und uns unseres Platzes als Säugetiere, als „ökologisch eingebetteter“ Wesen vergewissern und als mit den Mustern wechselseitiger Erhaltung und der Koevolutionen mit anderen Arten verwoben, dann kann die gegenwärtige Periode des Massenaussterbens nur als ein Anschlag auf das Leben selbst verstanden werden. Obwohl mit Sicherheit die Zukunft unserer eigenen Art auf dem Spiel steht, kann unsere Antwort auf die ethischen Implikationen des Massenaussterbens nicht durch die Brille eines allzu simplen Anthropozentrismus gesehen werden.36

Könnte demnach das leibhaftige Wissen um die Affekte und Effekte des Aussterbens zu einem Druckmittel werden, das uns über das modernistische Überlegenheitsdenken des Menschen hinausführt? Nur indem wir angesichts dieser Dringlichkeit alles überdenken, alles neu empfinden, und uns wieder unsere Zugehörigkeit zu einer globalen Gemeinschaft einer über die Jahrmillionen erlangten mehr-als-menschlichen Vielfalt gewahr werden, können wir zu einem neuen mutualistischen Paradigma gelangen. Oder vielmehr einem alt-neuen Paradigma, da, wie bereits festgestellt, zahlreiche indigene Völker nach einer solchen Ethik leben. Nicht zufällig beziehen viele Kämpfe gegen den Öko-Genozid heute ihre Energie von indigenen Vorbildern. Ihre Botschaften eines ortsgebundenen buen vivir oder „guten Lebens“ sollten nicht ignoriert werden. Natürlich können wir als moderne Stadtmenschen mit unseren völlig anderen historischen Erfahrungen und Haltungen nicht einfach die kulturellen Dispositionen und Zeremonien der indigenen Völker nachahmen. Dies wäre so falsch wie respektlos. Wir müssen eigene Wege finden, um den genannten Prinzipien der Verwandtschaft gemäß zu leben. Man mag auf vielerlei Pfaden zu hybriden Kulturen und Gesellschaftsformen gelangen, aber auf allen ist es notwendig, das von der Moderne angestachelte Verlangen nach stets Neuem fallen zu lassen. Praktisch haben die erforderlichen Hybridformen bereits ihr Modell in den aufkommenden Basiskulturen gefunden, die bei Nahrungsmitteln, Wasser und Energie Souveränität anstreben. Zudem sind in den interdisziplinären Konvergenzen von Wissenschaft, Environmental Humanities, Human-Animal-Studies, Kunst und indigenem Wissen hilfreiche intellektuelle Entsprechungen zu erblicken. Man denke an die Evolutionstheoretikerin Lynn Margulis und ihre Lehre von den Verflechtungen, wie sie von Donna Haraway und Anna Tsing neu gelesen wurde: Wir alle sind, jeder einzelne von uns, bereits aus vielen Arten zusammengesetzte Gemeinschaften.37 Unsere Körper sind bis in unsere Zellen und unsere DNA hinein endosymbiontische Gefüge aus Bakterien, Retroviren und Genen. In anderen Worten, „gemeinschaftlich“ ist nicht nur, was wir tun, sondern was wir sind. „Alles Wohlergehen beruht auf Wechselseitigkeit“, schreibt der Potawatomi-Botaniker Robin Wall Kimmerer.38

Bleibt allerdings noch, diesen ethischen Reflexionen über das Aussterben eine Politisierung und eine Terrapolitisierung angedeihen zu lassen. Ich möchte dafür an dem Begriff der Gemeinschaft (community) und seinen Ableitungen – Gemeingut oder Allmende (commons), den Nutznießern des Gemeinguts (commoners) und dem Nießbrauch desselben (communing) – festhalten, wobei dies politisch betrachtet Ziele und Visionen sind, und keine bereits errungenen Gegebenheiten der Gemeinschaftlichkeit. Bevor wir, was uns gemeinsam gehört, zurückfordern können, müssen wir uns durch die Unterteilungen arbeiten, die uns trennen. Es gibt menschliche Instanzen, die die ökologischen Gefüge zerstören, durch die sich menschliches und nicht-menschliches Leben erhalten kann. Möchte man diese erhaltenden Grundlagen – Wasser, Atmosphäre, Regenwälder oder Korallenriffe – als Gemeingut einfordern oder wiedergewinnen, verlangt dies eine aktive Trennung von und einen Abzug aus dem genannten System und seinen Macht-, Abhängigkeits- und Suchtverhältnissen. Politische Fronten aufzumachen und zu halten ist eine unbequeme aber notwendige Arbeit. Ich habe von der Moderne, ihren ökogenozidalen Dynamiken, ihrer Tendenz zur Auslöschung gesprochen. Aber wer ist die Moderne? Obgleich wir alle an der Moderne beteiligt sind, nehmen wir in ihr doch unterschiedliche Positionen ein; wir tragen ihre Kosten oder genießen ihre Vorzüge nicht zu gleichen Teilen. Wir sind nicht alle auf gleiche Weise für ihre Verbrechen verantwortlich. Es gibt einen neokolonialen, manchmal als globaler Norden bezeichneten Mainstream, der von dem Nutzen des Öko-Genozids profitiert und eine größere Verantwortung an der globalen Katastrophe trägt. Und es gibt die herrschenden Klassen, eine globale Oligarchie, die den Lauf der Moderne dominiert und den Parametern ihrer Logik gemäß steuert.39

Deshalb müssen diese dominierenden Logiken selbst geändert werden. Und sie sind bekannt. Sie sind benannt, und ihre Funktionsweisen sind offengelegt worden: Kapitalakkumulation und Imperialismus, Siedlerkolonialismus und Ausbeutungskolonialismus, weißes und männliches Überlegenheitsdenken, Überlegenheitsdenken der Heterosexualität und des Menschen. Dies so zu formulieren, mit der Betonung auf dem Drang zur Überlegenheit, stellt es meines Erachtens klar.40 Es handelt sich dabei um eine tief sitzende Logik der Vorherrschaft. Sie ist durch und durch gewalttätig und absolut nicht gutartig. Dieses entsetzliche Gebräu aus Regeln, Dogmen und Fantasien entwickelte sich zu dem Werte- und Identitätssystem, aus dem sich der globale Gesellschaftsprozess speist und das die Pressionen produziert, von denen wir terrorisiert werden. Wenn ich mich hier auf das Überlegenheitsdenken der menschlichen Spezies konzentriere, dann weil es die operative Rechtfertigung für Ökozid und Artenauslöschung darstellt und weil überall dort, wo sein Zugriff Risse aufweist, sich eine alternative Logik zeigt, die Logik eines mehr-als-menschlichen Mutualismus. Doch in Wirklichkeit müssen alle die Moderne dominierenden Fantasien zusammen bekämpft werden. Es gilt, ein Kultursystem insgesamt zu entwaffnen und zu demontieren, oder, in den Worten der Multispezies-Theoretikerin und Geschichtenverschränkerin Donna Haraway, „irgendwie in Beschlag zu nehmen und umzuformen“.41

Bobby hat uns gebeten, ihn im Lager von Leroy Osceola, am Tamiami Trail im Big Cypress Naturschutzgebiet zu treffen. Es sind nun schon neunzehn Jahre her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Wie damals auch, geht von ihm eine ruhige, sanfte und konzentrierte Energie aus. Wir sitzen an einem Tisch in einem großen Chickee [einer Art Pfahlhütte]; neben uns brennt ein Lagerfeuer. Die indigene Volksgruppe, der Bobby und Leroy angehören, sind die Original People dieses Landes. Bobby und Leroy sind Mitglieder ihres Rats, dessen Name ins Englische übersetzt wird als Council of the Original Miccosukee Simanolee Nation Aboriginal People. Rozalinda und ich versuchen, die Geschichte und Position dieser Gemeinschaft zu verstehen. Wir werden noch viele Tage benötigen, um das, was uns heute erzählt wird, zu begreifen.

Von den beiden Männern geht eine sehr unterschiedliche Energie aus. Wenn Bobby, der spirituelle Führer seiner Gemeinschaft, spricht, sind seine Worte wie Darreichungen, versuchen zu vereinnahmen. Häufig lächelt und lacht er. Seine Geschichten ziehen verschlungene Kreise und Kurven wie Vögel und kennen keine geraden Wege. Wenn Leroy, ein Künstler und Holzschnitzer, spricht, sind seine Worte direkter. Seine Aussagen sind klar und entschieden. Mit seiner Energie schlägt er Kerben in die Panzerungen des Englischen und macht die Gewalt der Geschichte hörbar.

Am Tisch sitzen auch Leroys Söhne und Familienmitglieder sowie Shannon Larsen, ein vertrauter Mitstreiter, der seit Jahrzehnten mit Bobby zusammengearbeitet hat. Bobby und Leroy erzählen uns präzise, so meine Wahrnehmung, wie der Öko-Genozid heutzutage im sogenannten Florida verübt wird. Einiges von dem, was sie berichten, klingt vertraut: die Unterbrechung der natürlichen Wasserströme durch zahllose Kanäle, durch den massiven Deich um den Lake Okeechobee und durch die Straßen und Highways, die brutal durch das größere Everglades-Gebiet geschlagen wurden; die Vergiftung des Wassers durch eine toxische industrielle Agrarwirtschaft, durch die Zuckerrohrfelder, die Zitrusplantagen und den massiven Gemüseanbau; der Ausbau der Infrastruktur, der Stromtrassen, Ölquellen und neue Pipelines mit sich bringt. Andere Aspekte der Geschichte sind eher überraschend: Der Everglades Nationalpark und das Big Cypress Naturschutzgebiet waren ursprünglich gegründet worden, um gefährdete Landschaften und Arten zu erhalten. Allerdings erlauben die Bundesbehörden den Original People nicht, weiterhin ihre Kräuter und Arzneipflanzen zu sammeln oder ihre unschädlichen Gärten in den Dorfgebieten ihrer Vorfahren anzulegen. Solche Verwaltungserlasse sind von verheerender Wirkung für die indigene Kultur. Überdies können der sogenannte Park und das Naturschutzgebiet mit ihren künstlichen Grenzen das Leben nicht schützen, denn dieses Leben hängt von einem Wassersystem ab, das weit entfernt, in den Quellen und Flüssen im Norden der Halbinsel beginnt. Das Wasser kann seine generativen Energien nicht mehr länger nach Süden in die Everglades transportieren, und bis dieses Problem angegangen wird, sind alle Erhaltungs- und Renaturierungsmaßnahmen zum Scheitern verurteilt. Das Graben all dieser Kanäle, sagt Bobby, ist als ob man die Venen seines Arms durchtrennte. So offensichtlich es ist, so wenig sind Spekulanten, Entwickler, Technokraten und Ingenieure in der Lage, es zu begreifen. Bobby und die Original People hätten ihnen das Problem erklären können, aber kein Mensch hat sich die Mühe gemacht, sie zu fragen.

Am schwierigsten zu verstehen ist eine Sache, die sich zunächst gar nicht erkennen lässt. Rozalinda und ich werden viele Tage mit Diskussionen und gemeinsamen Überlegungen zubringen und Bobby wiederholt fragen müssen, bevor das Gehörte Sinn zu machen beginnt. Das Stammes- und Reservationssystem selbst ist dabei, die Kultur der unabhängigen Original People zu untergraben. Die behördlich anerkannten Stämme, die vollständig in ein System des Siedlerkolonialismus integriert sind, sind selbst, wie Bobby und Leroy ausführen, ein zusätzlicher Faktor, der das Überleben dieser kleinen Gemeinschaft gefährdet. Während wir diesen Neuigkeiten zuhören – noch immer weitgehend außerstande, sie zu begreifen –, reißt das Dröhnen des Fernverkehrs auf dem nahen Highway nicht ab.

Bevor Rozalinda und ich aus Miami weggefahren sind, haben wir erfahren, das am Vortag in Marion County ein Aktivist namens James Leroy Marker von der Polizei niedergeschossen worden sei. Marker hatte sein Jagdgewehr benutzt, um an einer Stelle, wo die Sabal Trail Pipeline durch empfindliche Feuchtgebiete getrieben wird, Baugerät zu demolieren. Für diesen Akt defensiver Sabotage wurde er kurzerhand am hellichten Tag und mitten auf der Straße vom Staat ermordet, als würde er eine existenzielle Bedrohung für das gesamte Regime der fossilen Energie darstellen. Ihm wurde noch nicht einmal Gelegenheit gegeben, die Gründe für sein Vorgehen darzulegen. Der 66-jährige Vater war ein Einwohner von Everglades City; wo wir ein paar Tage später mit Bobby und Shannon eintreffen. Wie wir erfahren haben, galt Marker in seiner Gemeinschaft als liebenswürdiger und großzügiger Mensch.

Standing Rock, Widerstand und Survivance

Great Cypress Pass, Ocklawaha River, Florida (ca. 1880s, Detail), Schwarz-Weiß-Negativ, 10 × 12,5 cm. State Archives of Florida, Florida Memory, Tallahassee

Ein vordringliches Projekt kritischen Trauerns ist es, die Geschichte der Moderne als das zu verstehen, was sie ist: mehr als fünfhundert Jahre Öko-Genozid.42 Wir leben in der Welt, die daraus hervorgegangen ist: eine überaus ungleiche und hochgerüstete Welt, die sich noch immer im Griff bankrotter Dogmen befindet. Und wieder: In einem solchen Kontext bietet indigenes Wissen eine lebendige Kritik der Moderne und ihrer zerstörerischen Logik. Die Schriftstellerin und Kuratorin Candice Hopkins, eine Angehörige der Carcross/Tagish First Nation, zitiert in einem wichtigen Essay für den documenta 14 Reader den Begriff „Survivance“, der von dem Wissenschaftler und Ashinaabe, Gerald Vizenor, geprägt wurde. Survivance ist mehr als bloßes Überleben.

[Vizenor] spricht von „survivance“ – ein aktives Widerstehen, ein „Verwerfen von Unterdrückung und den penetranten Motiven der Tragödie, des Nihilismus, des Opfertums“. Der anhaltende Widerstand (und die bloße Existenz) indigener Völker arbeitet gegen die Maschine des Imperiums, gegen jenen Apparat, der erst ein Territorium begehrt, dann seine Rohstoffe plündert und schließlich aus allem – sogar den Menschen – Waren macht. Die Figur des survivant ist – im Gegensatz zum bloßen Überlebenden – vielleicht „eine Möglichkeit, in einer destabilisierenden, Vertrautes entrückenden, also eigenartigen Art und Weise über indigene Formen der Kontemplation und des Weltbewohnens nachzudenken“.43

Vor drei Jahren veröffentlichte die Historikerin und Aktivistin Roxanne Dunbar Ortiz An Indegenous Peoples' History of the United States.44 Mit diesem großartigen Werk verfügen wir nun über eine umfassende, Enteignung, Widerstand und Survivance der indigenen Völker in den Blick nehmende Darstellung, die die Operationen des weißen, auf dem Überlegenheitsdenken beruhenden Siedlerkolonialismus und des modernen Öko-Genozids in Nordamerika analysiert. Ihre Lektionen beleuchten Methoden und Ziele, mit denen die Indigenen gegenwärtig dafür kämpfen, ihr heimatliches Leben überall auf der Welt zu verteidigen. Seit dem zapatistischen Aufstand 1994 in Chiapas haben diese Kämpfe die sozialen Bewegungen gegen die neoliberale Globalisierung inspiriert und angetrieben. Heute sind Umwelt- oder Klimagerechtigkeit Gedankenfiguren, die den Öko-Genozid in einem antikapitalistischen, antikolonialen Bezugssystem sichtbar machen und seine Bekämpfung ermöglichen. Ich denke, die „Bewegung der Bewegungen“ muss noch viel weiter gehen und eine klare Ablehnung des Überlegenheitsdenkens des Menschen zum Ausdruck bringen. Wo positive Visionen zusammenfließen, geht es bereits in diese Richtung: Unter dem Banner von Wasser-, Nahrungsmittel- und Energiesouveränität entstehen hypride biophile Kulturen des Überlebens45 – und all dies läuft in Standing Rock zusammen.

Im April 2016 richtete LaDonna Brave Bull Allard, eine Sioux-Stammeshistorikerin und Älteste aus Standing Rock, auf dem Land ihrer Familie ein Gebetscamp ein. Von diesem ersten Lager ging eine Bewegung aus, die der Dakota Access Pipeline (DAPL) Widerstand leistete. Dieser Widerstand führte bald indigene Völker aus Nordamerika und darüber hinaus zusammen, schuf zahlreiche neue Bündnisse mit nicht-indigenen Gruppen und Bewegungen, und zog die Aufmerksamkeit und die Fantasie der Welt auf sich. „Wasser ist Leben“ (Mni Wiconi) wurde zum Slogan der Bewegung. Doch wie LaDonna Brave Bull Allard erklärt, gibt es eine lange Geschichte hinter diesem Slogan sowie der Geschichte und der Bewegung, die er beschreibt:

Am Zusammenfluss von Cannonball und Missouri, an der Stelle, wo heute unser gegen die Dakota Access Pipeline gerichtetes Camp liegt, war früher einmal ein Strudelbecken, das große kugelförmige Sandsteinformationen schuf. Der Fluss heißt mit seinem wahren Namen Inyan Wakangapi Wapka, Fluss der die heiligen Steine macht, und wir haben den auf dem Land meiner Familie gelegenen Ort des Widerstands Sacred Stone Camp genannt. Seitdem das US-Army Corps of Engineers die Mündung des Cannonball ausbaggerte und das Gebiet in den späten 1950ern zur Fertigstellung des Oahe Damms flutete, werden die Steine nicht mehr geformt. Man tötete damit also einen Teil unseres heiligen Flusses. Ich war noch ein junges Mädchen, als die Fluten kamen und unsere Grabstätten und Sonnentanzorte entheiligten. Unsere Ahnen sind in diesem Wasser.46

„Wasser ist Leben“ bedeutet, das Wasser als mehr-als-menschliches Gemeingut zurückzufordern in einer Zeit, von der die indigenen Völker nur zu gut wissen, dass sie eine Zeit des Öko-Genozids und des Aussterbens ist; eine Zeit, die Entscheidungen und entschlossenes Handeln erfordert. LaDonna Brave Bull Allard macht allerdings klar, dass dieser Slogan vor allem auf den US-Siedlerkolonialismus und die indigene Survivance anspielt:

Von den 380 archäologischen Stätten entlang der gesamten Pipelinestrecke von North-Dakota bis Illinois, denen die Entheiligung droht, liegen 26 hier am Zusammenfluss der beiden Flüsse. Das Gebiet ist ein historischer Handelsplatz, der nicht nur den Sioux Nations, sondern auch den Arikara, den Mandan und den Nördlichen Cheyenne heilig war. Es ist, wie bereits gesagt, das US Army Corps, das die Zerstörung dieser Stätten veranlasst hat. Die Regierung der USA vernichtet unsere wichtigsten kulturellen und spirituellen Areale. Und indem sie unseren Fußabdruck aus der Welt radiert, radiert sie uns als Volk aus. Diese Stätten müssen geschützt werden oder unsere Welt wird enden, so einfach ist das. Unsere jungen Leute haben ein Recht zu wissen, wer sie sind. Sie haben ein Recht auf Sprache, Kultur und Tradition. Das alles lernen sie nur, wenn sie mit unserem Land und unserer Geschichte in Verbindung stehen. Würden wir einer Ölfirma gestatten, sich durch unsere Geschichten, unsere Vorfahren, durch unsere Herzen und Seelen als die eines Volkes zu graben und sie zu zerstören, wäre dies dann kein Genozid? Heute sind auf diesem geheiligten Land 100 Stämme zusammengekommen, um im Gebet gemeinsam und solidarisch der schwarzen Schlange zu trotzen. Und es werden noch mehr kommen. Dies ist die erste Versammlung der Oceti Sakowin (Sioux-Stämme) seit der Schlacht von Greasy Grass (der Schlacht am Little Bighorn) vor 140 Jahren. Als wir das Sacred Stone Camp am 1. April bezogen, um die Pipeline durch Gebete und gewaltlosen Protest zu stoppen, wusste ich nicht, was geschehen würde. Aber unsere Gebete sind beantwortet worden. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass wir Teil einer größeren Geschichte sind. Wir sind immer noch hier. Wir kämpfen noch immer um unser Leben, 153 Jahre nachdem meine Ururgroßmutter Mary erleben musste, wie unser Volk sinnlos abgeschlachtet wurde [das Massaker von Whitestone Hill durch US-Truppen]. … Wir sind der Fluss, und der Fluss ist wir.47

Das Leben und der Sinn der Lakota-Kultur sind nicht zu trennen von dem Leben und der Geschichte des Landes und der Gewässer. Wenn man diese Beziehung anerkennt und respektiert, begreift man die Gewalt und das Sakrileg, die von einem Bulldozer ausgehen. Dieses Land und seine Gewässer zu zerstören oder sein Volk daraus zu vertreiben, ist Öko-Genozid. Es ist die offene Wunde, die körperliche Verletzung und das spirituelle Trauma, ein an so vielen indigenen Völkern begangenes Verbrechen, das auch durch die Akteure der Moderne betrauert und aufgearbeitet werden müsste.48

Im Lauf des Frühjahrs und Sommers 2016 schwoll die Zahl der am Standing Rock versammelten Wasserbeschützer von einer Handvoll auf Hunderte und dann Tausende an. Aus einem Hauptlager wurden drei. Der Mut, der dort demonstriert wurde, sowie der repressive Terror der gegen die Wasserbeschützer ausgeübt wurde, ist nun in aller Welt bekannt.49 Die von der Lakota-Jugendgruppe Rezpect our Water organisierten Langläufe, der Aufruf aus dem Sacred Stone Camp, die Reaktion, der Aufstand: all das hat diejenigen, die es voller Erstaunen und Anteilnahme auf der ganzen Welt gesehen haben, verändert. Die Gewalt des modernen Siedler-Nationalstaats marschierte auf infame Weise in Gestalt von gepanzerten Mannschaftswagen, Gummigeschossen, Wasserwerfern, Schlagknüppeln, Tränengas, Pfefferspray, Tasern, akustischen Waffen und Schockgranaten auf.50

Der erste Räumungsbefehl erging an das Oceti Sakowin, das größte Lager auf sogenanntem öffentlichen Land, mit dem 5. Dezember als Ablaufdatum.51 Aber Gewalt zeugt nicht immer Gewalt – gelegentlich wird der Kreis durchbrochen. Als das Räumungsdatum näherrückte, bekam der Widerstand in Standing Rock unerwartete Unterstützung von US-Veteranen, durch die das Gleichgewicht der Kräfte verschoben wurde. Empört von den aus dem Camp strömenden Nachrichten und Bildern, richteten Wesley Clark Jr., Veteran der US Army, und der einstige Marine Michael Wood Jr. einen Aufruf an Mitveteranen. Sie hatten den Plan, eine Armee aus menschlichen Schilden zu organisieren, die die Wasserbeschützer vor der militarisierten Exekutive schützen sollte.52 Der zunächst zögerliche Zuspruch verstärkte sich, als der Räumungstermin näherrückte. schätzungsweise 4.000 US-Veteranen trafen in den Lagern ein, die damit auf 10.000 Menschen anwuchsen.53 Ein Tag vor dem Ablaufdatum intervenierte das Armee-Corps und kündigte an, der DAPL das für den Durchtrieb der Pipeline unter dem Lake Oahe erforderliche Leitungsrecht nicht erteilen zu wollen, was einem einstweiligen Stopp des Projekts gleichkam.54 Anfang 2017 ließ Donald Trump das Vorhaben wieder starten und die Lager auflösen. Die ersten unvermeidlichen Öllecks folgten bald. Nichtsdestotrotz ist der Kampf nicht vorüber. Standing Rock befeuerte den Widerstand gegen andere Pipelines und neue extreme Energieinfrastrukturen auf dem Kontinent.55

Und es steckt noch mehr hinter der Geschichte, wie sich an dem Zusammenspiel zwischen den Veteranen und den Stammesältesten ersehen lässt. Wie Clark später in einem Interview erzählte, habe er erwartet, am Abend des 5. Dezember 2016 entweder im Gefängnis zu sitzen oder im Krankenhaus zu liegen. Nach der am 4. Dezember erfolgten Erklärung des Army Corps notierte er jedoch:

Die Stammesältesten sagten, Hör zu, wir wissen, dass ihr all diese Sachen geplant habt, aber wir wollen nur Frieden und Gebete. […] Die Weisungen der Stammesältesten waren ziemlich eindeutig. Höchstwahrscheinlich gab es bezahlte V-Leute sowohl im Camp als auch in unserer eigenen Gruppe, die von privaten, für die DAPL arbeitenden Sicherheitsfirmen gesteuert wurden. Aus der Sicht der Stammesältesten, wie sie sich mir vermittelte, wollten die V-Leute zur Gewalt auf der Brücke und an der Frontlinie anzetteln, die man dann als Aufstand bezeichnen konnte. Wir glaubten, sie hatten einen finanziellen Anreiz, das Ganze in Gewalt ausarten zu lassen, also waren Frieden und Gebet und Abstand zu den Sicherheitskräften zu halten das Beste, was wir tun konnten.56

Der Ältestenrat organisierte eine Vergebungszeremonie, in der an historische Verbrechen erinnert, Entschuldigungen ausgesprochen und Emotionen geteilt wurden. Clark sprach diese für unmöglich gehaltene und öffentliche Entschuldigung aus:

Wir kamen. Wir haben euch bekämpft. Wir nahmen euer Land. Wir unterzeichneten Verträge, die wir brachen. Wir stahlen Erze aus euren heiligen Hügeln. Wir sprengten die Gesichter unserer Präsidenten in euren heiligen Berg. Dann nahmen wir euch noch mehr Land und dann nahmen wir euch eure Kinder und dann versuchten wir, euch eure Sprache zu machen [sic] (zu nehmen) und versuchten die Sprache auszulöschen, die euch von Gott gegeben wurde, die euch der Schöpfer gab. Wir haben euch nicht respektiert, wir haben eure Erde verunreinigt, wir haben euch auf alle erdenklichen Arten verletzt, doch nun sind wir gekommen, um euch zu sagen, dass es uns leid tut. Wir stehen in euren Diensten und bitten um Vergebung.57

Wie Fotos dokumentieren, war dieses sorgfältig inszenierte und medial begleitete Ereignis von den Stammesältesten und den Veteranen als politische Kampfansage an die Vorherrschafts-Dogmen der Siedlermacht organisiert worden. Doch die Emotionen, die dort freigesetzt und transportiert wurden, waren und bleiben weit stärker als ein bloßes politisches Statement oder eine politische Strategie.

Während unserer fünftägigen Diskussionen, die wir im Februar mit Bobby führen, lernen Rozalinda und ich, dass es zahlreiche Aspekte indigenen Wissens gibt, die sich nicht in die siedlerkoloniale Sprache, ins Englische, übersetzen lassen. Englisch ist viel zu sehr in das Trauma ökogenozidaler Gewalt verwickelt, in die begrifflichen Abstraktionen, die die Einzäunung, Ausbeutung und Auslöschung stützen. Schon in der Verwendung von Ausdrücken wie „Florida“, „Eigentum“, „Gesetz“ oder „Stamm“ reproduziert sich und klingt ein System der Gewalt an, das die Council People ablehnen. Im Lauf unserer Diskussionen unterbricht uns Bobby etliche Male korrigierend und macht auf dieses Problem aufmerksam. Er unterweist uns, auf den Ausdruck „Florida“ zu verzichten und lehrt uns den indigenen Namen für die Halbinsel:

Ihr könntet sagen, wir haben die Original People dieses Landes besucht und sie erzählten uns, der Name dieses Landes ist Echabonmic. Das haben wir von ihnen gehört. Sie haben uns also aufgefordert, von nun an diesen Namen zu verwenden. Denn der „Staat Florida“ tötet Leben.

Es hat eine Weile gedauert, bis uns die Misere und Unsichtbarkeit der Council People in ihrem ganzen Umfang klar wurde. In unseren Gesprächen kommen wir überein, dass unsere Arbeit nicht auf etwas hinauslaufen sollte, das Bobby und seine Stammesangehörigen repräsentieren würde. Wir haben keineswegs die Absicht, für sie zu sprechen, noch denken wir, dass unsere Zusammenarbeit irgendetwas mit einem Kunstwerk oder -projekt zu tun hat. Uns ist klar, und es wird uns immer bewusst bleiben, dass jede Schilderung dieses Volkes eine Darstellung bleibt, die durch ein und von einem Siedler-Außen geformt ist. Wir sind keine Experten für diese Gemeinschaft und werden auch in Zukunft keine Insider sein. Nach Echabonmic sind wir nicht als Sozialwissenschaftler zurückgekehrt, sondern als anteilnehmende Menschen.

Während der Zeit, die wir dort verbringen, wird uns trotzdem zunehmend klar, dass die Council People uns auf spezifische Weise um Hilfe bitten. Immer wieder erzählen sie uns, dass sie Verbündete suchen, Gruppen, insbesondere indigene Gruppen, außerhalb der USA – „alle, die nicht die Vereinigten Staaten sind“, wie Bobby es formuliert. Mag auch die Unsichtbarkeit für die herrschende Kultur bis weit ins 20. Jahrhundert eine nützliche Überlebensstrategie gewesen sein, sind die Council People nun zu der Ansicht gelangt, dass ihr weiteres Überleben von der Anerkennung von außen abhängt. Sie hoffen auf diese Weise, mit internationaler Gesetzgebung und Druck von außen auf die US-Regierung einwirken zu können. Wir kommen überein, zu überlegen, wie wir ihnen am besten über unsere Netzwerke, die in akademische, kulturelle und Aktivisten-Kreise reichen, helfen können. Wir bieten auch an, mit ihnen an Videodokumenten zu arbeiten und sie als „Botschaften“ zu gestalten, mit denen sie sich und ihre Sache vorstellen können.

Aber die Dinge liegen nicht so einfach. Die Council People pflegen eine orale Kultur: „Auge in Auge und Atem auf Atem.“ Bobbys Mitteilungen sind langsam und nicht-linear, nicht einfach zusammenzufassen. Zudem arbeiten Rozalinda und ich mit Wörtern, mit englischen Wörtern. Das Sprachproblem sitzt uns fortwährend im Nacken. Bobby, dessen indigener Name Ishagape lautet, setzt uns auseinander, dass das Problem nicht nur in der kolonialen Überfrachtung der in der Sprache der Eindringlinge benutzten Wörter liege. Es gebe auch unterschiedliche energetische Aufladungen. Würde er die indigenen Wörter für Dinge verwenden, seien diese Wörter lebendig und transportierten Energie. Eine indigene Person, die diese Energien fühle, würde „sofort verstehen“, auch wenn sie eine andere indigene Sprache spreche. Doch sobald er die englischen Wörter für die gleichen Dinge verwende, sei die Lebendigkeit und Energie verschwunden. Wir können das Problem zwar nicht lösen, sind uns aber seiner zumindest bewusst. Ishagapes auf Englisch aufgenommene Botschaften vorzustellen oder zu übermitteln ist ein Kompromiss, der die gegenwärtige Macht der herrschenden neokolonialen globalen Sprache anerkennt, wobei genau diese Macht den Kern des Problems bildet. Die Energien des Widerstands, der Resilienz und der Survivance kommen außerhalb der herrschenden Sprache und modernistischen Kultur zum Tragen, müssen aber bisweilen, wenn auch unvollkommen, in ihr ausgedrückt werden.

Beunruhigende Vergebung

Rodungen und kontrollierte Feuer am Ocklawaha River, in Vorbereitung des Baus des Cross Florida Barge Canal, Eureka, Florida (ca. 1960er Jahre), Schwarz-Weiß-Fotografie, 20 × 25 cm. State Archives of Florida, Florida Memory, Tallahassee

In ihrem Kommentar zur Antrittsrede des früheren US-Präsidenten Barack Obama schreibt Roxanne Dunbar-Ortiz, „die Bejahung der Demokratie erfordert die Verleugnung des Kolonialismus, aber damit ist er noch lange nicht aus der Welt.“58 Während der europäischen Invasion Nordamerikas drangen Wellen landhungriger Siedler in einen Kontinent vor, der bereits von hunderten unterschiedlichen indigenen Völkern besiedelt war. Die unter dem Vorzeichen der weißen Überlegenheit erfolgende Kolonialisierung – und später die Geburt und der Aufbau der Vereinigten Staaten – erforderte die Enteignung und gewaltsame Vertreibung dieser Gemeinschaften sowie die Einfuhr afrikanischer Sklaven und zahlloser weiterer vertraglich zur Zwangsarbeit gedungener und verschleppter Menschen.59 „Bringt den Indianer um, rettet den Mann,“ war die Formel für den kulturellen Genozid, die in den Ursprungsmythen der Vereinigten Staaten stets von Neuem umkodiert wurde. Diese von amerikanischen Politikern bis heute unverändert beschworenen Mythen deuten den Diebstahl und den Terror der Gründungszeit als Manifest Destiny (unabwendbare Schicksal) um, als göttliche Rechtfertigung einer neuen und exzeptionellen Demokratie.60 Die Mythen der Moderne erfüllen die gleiche Funktion, im globalen Maßstab: Sie stellen den Öko-Genozid beharrlich und mutwillig als Fortschritt dar, der die Vorstellungen von Freiheit und Glück befördert. Diese Überlegenheitsfantasien werden fortwährend in kulturellen Äußerungen kodiert. Als soziale Tatbestände können solche kulturellen Äußerungen freigelegt und symptomatisch interpretiert werden. Darin liegt die kritische Arbeit der Entkolonialisierung, eine unabdingbare Arbeit der Trauer, der Aufarbeitung und der Gegenerinnerung.

Am 12. Juli 2007 eröffneten in Neu-Bagdad, Irak, zwei Kampfhubschrauber der 1. Kavallarie-Division der US-Armee das Feuer auf Zivilisten. Dabei kamen neun Menschen ums Leben, darunter zwei Journalisten der Agentur Reuter, zwei Kinder wurden verletzt. 2010 brachte Wikileaks ein siebzehn Minuten langes, geheimes Bordvideo des Massakers unter dem dem Titel „Collateral Murder“ an die Öffentlichkeit.61 An der Mischung aus hochtechnisiertem Tötungshergang und Unterhaltung, die sowohl an dem interpellierenden Bildmaterial als auch an dem aufgezeichneten Gespräch zwischen Piloten und Schützen ersichtlich wurde, entzündete sich ein internationaler Skandal. Die AH-64 Kampfhubschrauber, gefertigt von Boeing, das unter den weltgrößten Unternehmen an 76. Stelle rangiert, werden „Apache“ genannt.62 Die „Apache“ lösten die unter dem Namen „Cheyenne“ bekannte Vorgängergeneration der Armee-Kampfhubschrauber ab. Wie die Lakota-Sioux waren auch die eigentlichen Apachen und Cheyenne in der Endphase der sogenannten Indianerkriege des 19. Jahrhunderts das Ziel des 7. Kavallerie-Regiments der US-Armee. Das 7. Kavallerie-Regiment war eines der Hauptinstrumente der genozidalen Befriedung in den Great Plains der Vereinigten Staaten. Das Regiment, das noch immer existiert, war aktiv an der amerikanischen Invasion in Afghanistan und Irak beteiligt. Die beiden an dem Massaker von 2007 beteiligten Kampfhubschrauber trugen den Codenamen Crazyhorse 1/8 und Crazyhorse 1/9. Crazy Horse war ein Kriegshäuptling der Oglala-Lakota, der den indigenen Widerstand gegen den US-Siedlerkolonialismus organisierte. Zusammen mit Sitting Bull führte er die Niederlage von Custers 7. Kavallerie am Little Bighorn herbei. Nachdem er sich im darauffolgenden Jahr ergeben hatte, wurde er von Wachen der US-Armee ermordet. Sitting Bull wurde 1890 von Indianerpolizisten, die ihn verhaften sollten, niedergeschossen.63 Offenbar werden die Namen von indigenen Völkern und Kriegern, sind diese erst einmal eliminiert oder neutralisiert, als Trophäen und Symbole für die Macht des Siedlerkolonialismus vereinnahmt.

23 Jahre nach dem Ende der Indianerkriege gab das US-Schatzamt den Indian Head Nickel oder Buffalo Nickel aus. Die Ziele – Indianer und Bisons – des Öko-Genozids wurden nun zur Dekoration für Münzgeld, dem Medium indifferenter Gleichwertigkeit und grenzenloser Akkumulation. Wie Dunbar-Ortiz vermerkt, versah das US-Navy-Seal-Mordkommando, das im Mai 2011 Osama bin Laden tötete, sein Ziel mit dem Codenamen „Geronimo“.64 Wer ist hier der Terrorist? Die Sieger versuchen den Diskurs zu kontrollieren, doch ihre eigenen linguistischen (und andere) Widersprüche entlarven sie. In Standing Rock ahmten militarisierte örtliche Polizeikräfte die Posen und die Gewalt militärischer Besatzer nach. Im Jargon von US-Soldaten und Generälen wird besetztes Feindesland als „Indianerland“ bezeichnet.65 Die Kontinuität liegt auf der Hand und ebenso ihre Logik. Doch trotz der Wahl Trumps ist in der Endphase der Moderne die herrschende Logik in einer Krise. Wir befinden uns in einer gefährlichen Phase. Dennoch, das Bewusstsein wächst, die Lernkurve geht nach oben. Offensichtlich haben sich viele Veteranen eingehend genug mit dieser Geschichte befasst, um öffentlich die Seiten zu wechseln. Während der Vergebungszeremonie in Standing Rock trug Wesley Clark Jr. die Uniform des 7. Kavallerie-Regiments.

Auf einem weitverbreiteten Bild von der Vergebungszeremonie in Standing Rock am 5. Dezember 2016 ist zu sehen, wie ein Stammesältester der Lakota-Sioux die Entschuldigung von Wesley Clark Jr. entgegennimmt.66 Den Berichten zufolge handelte es sich um Leonard Crow Dog, einen hoch angesehenen spirituellen Führer der Sicangu-Lakota, der lange mit dem American Indian Movement (AIM) in Verbindung stand. Er war einer der Organisatoren des Trail of Broken Treaties, eines Marschs „der gebrochenen Verträge“ auf Washington D.C. Angeführt vom AIM und einer Koalition indigener Gruppen besetzten die Demonstranten 1972 sechs Tage lang das Verwaltungsgebäude des Bureau of Indian Affairs. Ein für den Marsch vorbereitetes „Positionspapier mit zwanzig Punkten“ wurde den Vereinten Nationen vorgelegt. Mehr als dreißig Jahre später wurde es zur Grundlage der UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker von 2007.67 Im Februar 1973 erreichte eine aus AIM-Mitgliedern bestehende Karawane die vier Stunden südlich von Standing Rock in der Pine Ridge Reservation, South Dakota, gelegene Ortschaft Wounded Knee. Man hatte sie gerufen, um die traditionell ausgerichteten Stammesangehörigen vor der zunehmend brutalen Herrschaft des von der US-Regierung gestützten Stammesvorsitzenden Richard Wilson zu schützen. Während Wilsons Amtszeit terrorisierte seine private paramilitärische Truppe, die sogenannte GOON-Squad, die Traditionalisten und AIM-Unterstützer. In den 1970er Jahren wurden mehr als fünfzig Menschen, die sich seinem Regime widersetzt hatten, ermordet, darunter auch Pedro Bissonette, der Direktor der Bürgerrechtsorganisation der Oglala-Sioux, eben jener Gruppe, die zusammen mit Stammesältesten das AIM nach Pine Ridge eingeladen hatte.68 Die AIM-Aktivisten und ihre Oglala Sioux-Gastgeber wurden von Federal Marshals, FBI-Agenten, Scharfschützen, Hubschraubern und fünfzehn gepanzerten Mannschaftswagen umstellt.69 Während der einundsiebzig Tage andauernden Besetzung hielt Leonard Crow Dog Sonnenaufgangsgebete ab und sorgte für eine Wiederbelebung des Geistertanzes an der Stelle, an der 1890 das Massaker von Wounded Knee stattgefunden hatte.70 In dieser Gräueltat des 19. Jahrhunderts hatten Soldaten des 7. Kavallerie-Regiments der US-Armee 300 friedlich lagernde Männer, Frauen und Kinder der Miniconjou Lakota und Hunkpapa-Lakota ermordet.71 Angesichts der sich ausbreitenden Geistertanzbewegung waren damals Soldaten und Siedlerbürokraten fast in Panik geraten. Der Lakota-Geistertanz, eine Zeremonie kultureller Trauer, bei der der verblichenen Ahnen und ihrer abgeschlachteten Bisonverwandten gedacht wurde, „versprach die indigene Welt, wie sie vor dem Kolonialismus bestand, wiederherzustellen, die Eroberer verschwinden und die Büffel zurückkehren zu lassen.“72 Jerome Crow Dog, Leonard Crow Dogs Urgroßvater, war 1889 ein Führer der Geistertanzbewegung gewesen.73 1973, das erste Mal nach mehr als achtzig Jahren, schloss sich der Kreis, und der Geistertanz wurde auf heiligem Boden wieder zu neuem Leben erweckt.74 „Das Land gehört nicht uns“, sagte Leonard Crow Dog im vergangenen Dezember bei der Vergebungszeremonie in Standing Rock, „wir gehören dem Land“.75

Hinter oder in diesem Bild der Darbringung und der Solidarität stecken noch weitere Spannungen, die nicht ignoriert werden können. Trotz Clarks öffentlicher Entschuldigung ist der Veteran, als politisiertes Identitätsgebilde, einer kritischen Dekonstruktion weitgehend entkommen. Das US-Militär war seit seinen Anfängen ein Werkzeug des vom weißen Überlegenheitsdenken geprägten Siedlerkolonialismus. Seine institutionelle Kultur wurde von der Erfahrung des Genozids an den indigenen Völkern Nordamerikas geprägt, und dies ist auch weiterhin prägend für die Methoden der imperialistischen Invasionen und Interessendurchsetzungen auf der ganzen Welt. Es handelt sich um eine Verleugnung der Tatsachen, wenn zwar die Geschichte [des Genozids] anerkannt wird, der Veteran, als kollektive Subjektposition, jedoch keine Entkolonialisierung erfährt. Wenn der Armeeveteran beschworen wird und öffentliche Bewunderung erfährt, wird damit eine umfassende, tief sitzende Kultur der Gewalt legitimiert.76 Und darin äußert sich ein Einverständnis mit dem gesamten Apparat des modernen Nationalstaats: das Einverständnis mit seiner Fiktion von Demokratie; seiner Durchsetzung von Gesetz, Ordnung und Bürgerpflichten; und seinen Konstrukten von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit. Manch einem kam es vor, als habe im Gefolge dieser neuen Veteranen auch der US-Staat Einzug in Standing Rock gehalten.77 Immerhin hatten sich schon hunderte indigene Armeeveteranen in den Camps aufgehalten, hatten seit Monaten gearbeitet, gebetet und an Zeremonien teilgenommen. Aus Gründen, die mit dem Erbe des Siedlerkolonialismus zu tun haben, haben anteilsmäßig mehr Indigene in der US-Armee gedient als Angehörige anderer Gruppen; tatsächlich sind sie systematisch und gezielt rekrutiert worden.78 Mit der plötzlichen Ankunft von Clarks 4.000 Veteranen erschien die amerikanische Fahne in allem Glanz und Gloria und nicht, wie es bis dato der Fall war, als ein Symbol, das, in einer Geste der Verweigerung, verkehrt herum im Wind flatterte.79 Die Figur des Armeeveteranen ist vielschichtig und ambivalent; für die verschiedenen Gruppen hat sie verschiedene Bedeutungen.80 Problematisch sind die unhinterfragten Konnotierungen, die sie in der Mainstream-Siedlerkultur besitzt. Angesichts all dieser Aspekte scheint die Versöhnung, wie sie so überaus emotional in der Vergebungszeremonie inszeniert wurde, verfrüht gewesen zu sein.

Natürlich ist es enorm großzügig von den indigenen Stammesältesten, die Entschuldigungen der Siedlerveteranen anzuhören und anzunehmen. Und zweifelsohne gibt es bei vielen Angehörigen der Täter-Nationen ein starkes Bedürfnis nach Vergebung. Aber solange der US-Militärveteran als Identitätsgebilde in solchen Inszenierungen überlebt, wird das, was Dunbar-Ortiz als „unbewusstes Manifest Destiny“ bezeichnet, ungebrochen fortbestehen.81 Doch das sind falsche Formen des Überlebens. Diese von der Moderne geprägten Kulturen sollten sterben, müssen sterben, und das Nachdenken darüber, wie dieses Sterben herbeigeführt werden sollte und was dafür notwendig ist, wird mit Sicherheit schmerzhaft sein und Unbehagen bereiten. Denn damit der Siedlerkolonialismus sterben kann, müssen die Siedler gehen. Sie müssen ihren Besitzanspruch auf das, was sie gestohlen haben, aufgeben, müssen mehr als nur eine symbolische Anstrengung unternehmen, das intergenerationelle Trauma, das durch ihre Gewalt ausgelöst wurde, wieder einzurenken. Beunruhigend?

Die Wiederherstellung einer viel größeren Landfläche, wie sie für das mehr-als-menschliche Wohlergehen der indigenen Kulturen und Traditionen angemessen ist; Reparationen in einer Höhe, die eine volle und nachhaltige Souveränität gewährt; und eine weitreichende Änderung der nationalen und internationalen Gesetzgebung, um den gesetzlichen Schutz auf heilige Landstriche, Gewässer und ökologische Gemeinschaften auszuweiten: All dies erfordert mehr als nur eine Entschuldigung oder auch nur die Bezeugung großen Mutes bei einem kurzen Besuch. Und doch, nicht weniger als das würde gerade noch die minimalen Voraussetzungen für eine Versöhnung herstellen. Ich möchte das Engagement, das Veteranen wie Clark bewiesen haben, oder die – beeindruckenden – Schritte, die sie unternommen haben, nicht verunglimpfen oder schmälern. Aber der Weg ist noch lang. Die Entkolonialisierung erfordert eine Entwaffnung der neokolonialen Macht, zu Hause wie im Ausland; dieses Ziel verträgt sich nicht mit einem Mainstream-Nationalismus, der weiterhin der militärischen Kultur der USA mit ihrer Doktrin von der „Überlegenheit auf allen Ebenen“ dienstbar ist und sie verherrlicht. Das Problem hat in der öffentlichen Diskussion zu wenig Aufmerksamkeit erfahren. Dass es verschwiegen wird, reflektiert bereits, wie sehr die Militarisierung der amerikanischen Gesellschaft unter einer auf Angst und Sicherheit setzenden Politik als etwas Normales angesehen wird. So wirkungsvoll das Bild der Vergebung als politisches Theater und politische Intervention auch gewesen sein mag, es bleibt zu einfach.

Die Original Miccosukee Simanolee Nation82

Im sogenannten Florida, im Schatten der Touristenmekkas, in den beschädigten, von Landwirtschaftsgroßbetrieben, Zementfabriken und gescheiterten Infrastrukturprojekten bedrängten Feuchtgebieten kämpft ein indigenes Volk ums Überleben. Der wohlhabende Stamm der Seminolen, die Seminole Tribe of Florida, Inc., ist weltbekannt, und die besser Informierten werden vielleicht noch den kleineren und weniger mächtigen Stamm der Miccosukee in Florida kennen. Die beiden Gruppen wurden jedoch in den 1950er und 1960er Jahren in das bundesbehördlich organisierte System der Stämme und Reservationen eingegliedert. Damit bot sich eine Möglichkeit, angestammte Landrechte erlöschen zu lassen und eine ältere und traditionellere indigene Gemeinschaft unterzuordnen. Kaum jemand weiß, dass diese traditionelle Gemeinschaft, die sich auf Englisch „Council of the Original Miccosukee Simanolee Nation Aboriginal People“ nennt, es ablehnte, sich in das besagte koloniale Stammessystem einzugliedern und statt dessen entschlossen war, ihre Kultur, Sprache, Clans und Zeremonien beizubehalten wie es ihr vom Schöpfer aufgetragen worden war. Da die Original People of the Council bereits wussten, wer sie sind und wie sie leben sollten, haben sie die sogenannte Anerkennung, die sie über das föderale System der Stämme und Reservationen erlangt hätten, nicht gesucht. Da sie wissen, dass sie zu dem Land gehören und nicht von ihm getrennt werden können und dass das Land kein Eigentum ist und niemanden gehören kann, sind sie keine Vereinbarungen über sogenannte Landnutzungsrechte mit der US-Regierung eingegangen. Im sogenannten Florida sind die Original People bis heute das einzige indigene Volk, das noch in der Clanordnung sowie den traditionellen Zeremonien gemäß lebt und das Recht, dies auf dem Land zu tun, auf dem es schon seit Langem lebt, niemals abgetreten hat. Doch inzwischen ist ihre Existenz auf schlimmste Weise bedroht.

Die People of the Council sind die ursprünglichen Sachwalter der Halbinsel, und diese traditionelle Beziehung zu ihrem Land haben sie bis heute beibehalten. Sie leben jedoch ohne einen gesicherten Anspruch auf Land und ohne die Verwaltungsinsignien einer legalen Existenz. Vierzig Jahre lang, zwischen 1818 und 1858, führte die US-Regierung einen sporadischen Vertreibungs- und Vernichtungskrieg gegen sie; das intergenerationelle Trauma, das sie als Volk zu tragen haben, hat bis heute kaum eine Anerkennung erfahren. Da der von Siedlern und Industrie veranlasste Ökozid auch weiterhin die Feuchtgebiete und Wassereinzugsgebiete ruiniert, sind die Fische und Tiere, auf die die People of the Council als Nahrungsmittel angewiesen sind, verschwunden oder mit so viel Gift belastet, dass sie nicht mehr gegessen werden können. Mit der Einrichtung des Everglades Nationalparks und des Big Cypress Naturschutzgebiets sind die Original People aus Gebieten vertrieben worden, in denen sie schon seit Generationen gelebt und um die sie Sorge getragen haben. Heute gestatten ihnen eben diese sogenannten Naturschutzgebilde nicht, ihre Arzneikräuter zu sammeln und ihre Gärten zu bestellen. Sie sind darüber hinaus durch das föderale System der Stämme und Reservate selbst bedroht. Im 19. Jahrhundert nötigte die US-Regierung den noch Widerstand leistenden indigenen Völkern durch Terror und Zwang ein politisches und institutionelles System auf, das ihnen fremd war. Die sogenannten Stämme und Reservate stellten im Sinne des Siedlerkolonialismus ein System der Teilung und Kontrolle dar. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dieses System unter dem Versprechen ökonomischer Entwicklung auch im sogenannten Florida eingeführt. Der Stamm der Seminolen sagt von sich, er sei ein unbezwungenes Volk. So jedenfalls vermarktet er sich. Doch eigentlich sind es die Original People, die trotz der Vernichtungskriege niemals bezwungen wurden, die das bundesbehördliche System der Stämme und Reservate ablehnten und die außerhalb und unter Missachtung dieses Systems leben. Kanäle, Straßen und Pipelines, Parks und Naturschutzgebiete, industrielle Landwirtschaft unter Einsatz von Chemikalien und das System der Stämme und Reservate sind in Echabonmic heute die treibenden Kräfte eines Öko-Genozids.

In Opposition zu diesen Wirkkräften halten die Original People entschieden an ihren kulturellen Traditionen fest und kämpfen erbittert gegen die ökologische Verheerung der Halbinsel. Seit Jahrzehnten schon ist der spirituelle Führer und Clanchef Ishagape (Bobby C. Billie) dabei, den Widerstand gegen die „schleichende Gewalt“ des Öko-Genozids zu organisieren. Seine Mitarbeiter und er sind unermüdlich damit befasst, das Land und die Gewässer vor der Zerstörung durch neue Straßen, Kanäle, Stromtrassen, kontraproduktive Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen und, in den letzten Jahren, gegen sogenannte grüne Infrastruktur und eine im Bau befindliche überdimensionierte Gaspipeline zu schützen. Im März 2017 führte er einen beschwerlichen viertägigen „Spirit Walk“ an, um Pläne für eine neue als Fahrradweg für städtische Naturtouristen getarnte Straße zu blockieren. Angesichts des Klimachaos, des Artensterbens und anderer nicht mehr zu ignorierender Anzeichen einer planetaren Katastrophe hat sich Ishagape wie zahlreiche andere Stammesälteste und Medizinmänner und -frauen auch, dazu entschlossen, Menschen nicht indigener Herkunft direkt anzusprechen und mit ihnen über die Zerstörungskraft der Moderne zu reden. Auf zahlreichen Foren und in vielen Statements, darunter in einem an den Pariser Klimagipfel gerichteten Brief, hat er klar geäußert, dass es nicht mehr nur um den Klimawandel allein geht. Wir alle haben es jetzt mit einer Frage des Überlebens zu tun. Er hat gegen die Zerstörung von Begräbnisstätten und anderen traditionellen heiligen Plätzen gekämpft und Zeremonien abgehalten, um die Folgen solcher Untaten zu heilen. Als das sogenannte Florida 2013 den 500. Jahrestag der Entdeckung durch einen Eroberer wie Juan Ponce de Leon beging, erinnerte Bobby Außenstehende an die Geschichte genozidaler Gewalt in diesem Staat und verlangte, dass das Castillo de San Marcos, die spanische Festung in St. Augustin, abgerissen werden solle. Die People of the Council betrachten sich als die ursprünglichen Sachwalter des von ihnen Echabonmic genannten Landes und sie nehmen diese Verantwortung ernst.

Die neue Terrapolitik

„Moderne indigene Völker und Gemeinschaften“, schreibt Roxanne Dunbar-Ortiz, „sind Gesellschaften, die durch ihren Widerstand gegen den Kolonialismus geformt wurden, einen Widerstand, der ihnen half, ihre Gepflogenheiten und Geschichten lebendig zu halten. Dass sie als Völker überlebt haben ist atemberaubend, aber kein Wunder.“ Weiterhin schreibt sie: „Einen Genozid zu überleben ist Widerstand.“83 In der Zeit des sechsten Massenaussterbens ist es nicht mehr länger zulässig, Genozid und Ökozid getrennt zu denken; in der Endphase der Moderne sind diese Prozesse miteinander verknüpft und rühren aus der gleichen Logik und Fantasie des Überlegenheitsdenkens. Die Gabe, die dieser Gewalt entgegensteht, erscheint heute als munus, als „Gabe, die man gibt, nicht als Gabe, die man erhält“: Erweiterung der Gemeinschaft und Rückforderung von Allmenden, die sich auf eine mehr-als-menschliche Wechselseitigkeit erstreckt.84 Der Widerstand gegen den Öko-Genozid erfordert die Ablehnung des Überlegenheitsdenkens, auch im Hinblick auf die menschliche Spezies. In Standing Rock, in Echabonmic und an unzähligen anderen Orten auf der Welt organisieren indigene Völker diesen Widerstand und führen ihn an. Nachdem Trump erneut bekräftigt hatte, die Formen extremer Energiegewinnung (und das damit sicherlich verbundene weiße Überlegenheitsdenken) von Staatswegen unterstützen zu wollen, wurde Standing Rock gewaltsam geräumt. Gleichwohl sind die Energien, Intentionen und Haltungen, die sich in Standing Rock entwickelten, nicht unter Kontrolle oder zum Schweigen gebracht. Sie sind virulent und werden sich verbreiten und verstärken. Während die internationale Enteignungskampagne einen Sieg nach dem anderen erringt, offenbaren jene, durch deren Mut Standing Rock befeuert wurde, ihre Widerstandsfähigkeit. Sie tragen ihre Erfahrung an all jene Orte des sogenannten Nordamerika, wo neue Pipelines gebaut werden. Ende März 2017 wurden die Feuer in einem neuen von Standig-Rock-Veteranen errichteten Gebets- und Spirit-Camp in Echabonmic angezündet. Ishagape hielt die Zeremonien ab.

Athen, Januar bis Mai 2017

 

Aus dem Englischen übersetzt von Dirk Höfer

Chief Leonard Crow Dog legt seine Hand auf den Kopf von Wesley Clark Jr. Während einer Vergebungszeremonie mit US-Militär-Veteranen, Standing Rock Sioux Reservation, South Dakota, Dezember 2016

Der vorliegende Essay hat seinen Ursprung in einem Vortrag, den ich am 16. Januar 2017 im Rahmen des CCC Research Based Master Program an der Hochschule für Kunst und Design in Genf gehalten habe. Er hat von den Reaktionen und Einsichten zahlreicher Personen profitiert, darunter Gabriella Calchi Novati, Marisa Cornejo und Quinn Latimer. Mein besonderer Dank gilt Ishagape, Leroy Osceola, Shannon Larsen und Rozalinda Borcilă.


1 Dieser Essay kann als Ergänzung gelesen werden zu „Den Ökozid-Genozid-Komplex beschreiben“, einem in der vorhergehenden Ausgabe der documenta 14-Veröffentlichung South as a State of Mind erschienenen Text. Am Ende dieses Vorgängertextes reflektiere ich mein Verhältnis zum Leben und der gewaltsamen Geschichte des sogenannten Florida. Hier setze ich diese Reflexion fort und berichte von meinem Versuch, ihn in der Gegenwart als ethische und politische Praxis zu aktualisieren. „Sogenanntes Florida“, weil ich, wie im vorliegenden Text weiter unten dargelegt wird, von Ishagape (Bobby C. Billie), einem Stammesältesten und spirituellen Führer der Original Miccosukee Simanolee Nation, unterwiesen wurde, den indigenen Namen und nicht die koloniale Bezeichnung der Siedler für die Halbinsel zu verwenden. Siehe Gene Ray, „Den Ökozid-Genozid-Komplex beschreiben: Indigenes Wissen und kritische Theorie in der finalen Phase“, South as a State of Mind #8 [documenta 14 #3], Herbst/Winter 2016. Online: http://www.documenta14.de/de/south/895_den_oekozid_genozid_komplex_beschreiben_indigenes_wissen_und_kritische_theorie_in_der_finalen_phase.

2 Biologen sind sich zunehmend darin einig, dass das menschengemachte Artensterben einen Umfang erreicht, der mit den fünf vorhergegangenen und geologisch nachgewiesenen Massenaussterbeereignissen vergleichbar ist. Folglich hat sich der Begriff sechstes Massenaussterben nicht nur unter Wissenschaftlern, sondern offenbar auch bei einem breiten Publikum etabliert. Siehe Edward O. Wilson, Die Zukunft des Lebens, übers. v. Doris Gerstner, Berlin: Siedler 2002; Franz J. Broswimmer, Ecocide: A Short History of the Mass Extinction of Species, London: Pluto Press 2002; Elizabeth Kolbert, Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt, übers. v. Ulrike Bischoff, Berlin: Suhrkamp 2015; Ashley Dawson, Extinction: A Radical History, New York: OR Press 2016; Edward O. Wilson, Die Hälfte der Erde. Ein Planet kämpft um sein Leben, übers. v. Elsbeth Ranke, München: C. H. Beck 2016.

3 Ich verwende den Ausdruck „Öko-Genozid“, um zu verdeutlichen, dass Ökozid und Genozid ineinander verschränkte Prozesse und Tendenzen der Moderne sind. Die, soweit ich es übersehe, bislang prägnanteste Erörterung dieser Verschränkung findet sich in Damien Short, Redifining Genocide: Settler Colonialism, Social Death and Ecocide, London: Zed 2016. Um über das Überlegenheitsdenken des Menschen hinauszukommen, ist es zudem wichtig, die zwischen den Begriffen „Genozid“ und „Ökozid“ implizierte Hierarchie abzulehnen. „Öko-Genozid“ signalisiert demnach, dass Menschengemeinschaften nicht vor ökologischen Gefügen kommen oder Vorrang haben, und dass die Verteidigung von Menschen nicht dringlicher ist als die Verteidigung anderer Arten oder Artengemeinschaften. Siehe auch Donald A. Grinde, Bruce E. Johansen, Ecocide of Native America: Environmental Destruction of Indian Lands and Peoples, Santa Fe, New Mexico: Clear Light Publishers 1995.

4 Den wunderbaren Ausdruck „mehr-als-menschlich“ habe ich bei David Abram entlehnt und kann dem darin anklingenden Tadel für das Überlegenheitsdenken des Menschen nur von ganzem Herzen beipflichten. Abram verwendet die noch etwas weitergehende Wendung „mehr-als-menschliche Matrix“ in: Becoming Animal: An Earthly Cosmology, New York: Vintage 2010, S. 7.

5 Siehe Donna J. Haraway, Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene, Durham: Duke University Press 2016, S. 11f.

6 Die Fotografie ist wie die gesamte Serie, in der tote Vögel, deren Inneres mit Plastikteilen gefüllt ist, dokumentiert werden, auf Chris Jordans Online-Galerie zu finden. www.chrisjordan.com/gallery/midway/#CF000478%2019x25 (abgerufen am 18. Juli 2017).

7 Heather Davis, „Life & Death in the Anthropocene: A Short History of Plastic“, in: Heather Davis, Etienne Turpin, (Hg.), Art in the Anthropocene: Encounters Among Aesthetics, Politics, Environments and Epistemologies, London: Open Humanities Press 2015, S. 349.

8 Ebd., S. 350.

9 Ebd.

10 Ebd., S. 351.

11 Ebd., S. 350.

12 Ebd., S. 349.

13 Die Große Beschleunigung bezieht sich auf die seit 1945 im globalen Maßstab erfolgende rasend schnelle Ausbreitung gesellschaftlicher Prozesse und Technologien. Siehe J. R. McNeill, Peter Engelke, The Great Acceleration: An Environmental History of the Anthropocene since 1945, Cambridge, Massachusetts: Belknap Press of Harvard University Press 2014.

14 Thom van Dooren, Flight Ways: Life and Loss at the Edge of Extinction, New York: Columbia University Press 2014, S. 22, 29. Siehe auch Julie Decker, Gyre: The Plastic Ocean, London: Booth-Clibborn Editions and Anchorage Museum 2014, S. 34.

15 Van Dooren, Flight Ways, S. 29. Siehe auch die Erörterung der Langleinenfischerei und der Überlebenschancen des Albatros in Carl Safina, Ein Albatros namens Amelia. Aus dem Leben eines Sturmvogels, übers. v. Sebastian Vogel, Hamburg: Marebuchverlag 2004, S. 254–94.

16 Van Dooren, Flight Ways, S. 24.

17 Safina, Ein Albatros namens Amelia, S. 41.

18 Van Dooren, Flight Ways, S. 31.

19 Ebd., S. 32

20 Safina, Ein Albatros namens Amelia, S. 18.

21 Ebd., S. 17.

22 Ebd.

23 Ebd., S. 255.

24 Siehe online http://extinctionstudies.org/. Siehe auch Deborah Bird Rose, Wild Dog Dreaming: Love and Extinction, Charlottesville, Virginia: University of Virginia Press 2011.

25 Van Dooren, Flight Ways, S. 37.

26 Ebd., S. 34.

27 Van Dooren, Flight Ways, S. 40.

 

28 Über munus als Gabe, die onus (Verpflichtung), officium (Aufgabe) und donum (eine eine Gegengabe erfordernde Gabe) beinhaltet, siehe Roberto Esposito, Bios: Biopolitics and Philosophy, Minneapolis: University of Minnesota Press 2008. „Wenn man den munus akzeptiert hat, ist man verpflichtet den onus in Form von Gütern oder Diensten (officium) zurückzugeben“ (S. xiii). Mein Dank gilt Gabriella Calchi Novati, die mich auf diese eingehende Darstellung des Mutualismus aufmerksam gemacht hat.

29 Ebd., S. 177

30 Safina, Ein Albatros namens Amelia, S. 62.

31 Justin McBrien, „Accumulating Extinction: Planetary Catastrophism in the Necrocene“, in: Anthropocene or Capitalocene?: Nature, History, and the Crisis of Capitalism, hrsg. v. Jason W. Moore, Oakland, California: PM Press 2016, S. 116–37.

32 World Wildlife Fund, Living Planet Report 2016: Risk and resilience in a new era, Gland: WWF 2016, S. 12. Online: www.awsassets.panda.org/downloads/lpr_living_planet_report_2016.pdf.

33 Jeremy B. C. Jackson, „Ecological Extinction and Evolution in the Brave New Ocean“, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, Bd. 105, Supplement 1, 12. August 2008: 11458-11465. Online: www.pnas.org/content/105/Supplement_1/11458.full.

34 Da die Wissenschaft noch lange nicht alle Lebensformen auf der Erde beschrieben hat, beruhen Schätzungen der Aussterberate auf der hochgerechneten Gesamtzahl der Arten – dabei kommt es zu großen Schwankungen. Die bei Dawson, Extinction (S. 9) und Broswimmer, Ecocide (S. 1) angegebene Zahl von hundert Arten täglich stammt offenbar aus Edward O. Wilsons Buch Der Wert der Vielfalt (übers. v. Thorsten Schmidt, München: Piper 1995); sie sollte höchsten als grobes Instrument betrachtet werden, das dem Verstand hilft, sich ein eigentlich unvorstellbares Ausmaß an Verlusten zu veranschaulichen. In seinem letzten Buch über das Aussterben fasst Wilson das Problem der Schätzungen und ihres Zustandekommens in zwei eindeutige Aussagen zusammen: „Vergleiche zwischen Entwicklungs- und Aussterberaten verschiedener Pflanzen- und Tierarten sind schwierig. Doch alle verfügbaren Indizien führen zu den selben beiden Schlussfolgerungen. Erstens, das sechste Massenaussterben ist im Gang; und zweitens, Auslöser dafür ist die Aktivität des Menschen.“ Wilson, Die Hälfte der Erde, S. 63.

35 Indigenous Elders and Medicine Peoples Council, „Beyond Climate Change to Survival on Sacred Mother Earth“, Zusatz des an die Vereinten Nationen gerichteten Statements zu Fukushima, 21. September 2014. Online: www.spiret.org/wp-content/uploads/2014/09/COUNCIL_FORMAL_STATEMENT_UN_CLIMATE_SUMMIT.pdf.

36 Van Dooren, Flight Ways, S. 42. Bei den in der Passage zitierten Werken handelt es sich um Donna Haraway, Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature, New York: Routledge 1991, und Val Plumwood, „Animals and Ecology: Towards a Better Integration“, Australian National University, Open Research Library, 2003. Online: www.openresearch-repository.anu.edu.au/handle/1885/41767.

37 Siehe Haraway, Staying with the Trouble; und Anna Lowenhaupt Tsing, Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus, übers. v. Dirk Höfer, Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2018.

38 Robin Wall Kimmerer, Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge, and the Teachings of Plants, Minneapolis: Milkweed Editions 2014, S. 15, 20.

39 Aus einem kürzlich von Oxfam herausgegebenen Bericht geht hervor, dass im Januar 2017 die acht wohlhabendsten Männer der Welt so viel Vermögen besaßen wie die 3,6 Milliarden Individuen, die zur ärmeren Hälfte der Menschheit gehören. Deborah Hardoon, An Economy for the 99%. Online: www.oxfam.org/sites/www.oxfam.org/files/file_attachments/bp-economy-for-99-percent-160117-en.pdf.

40 Leser von Jacques Derrida mögen die entfremdende Terminologie bevorzugen, die er über Jahrzehnte entwickelt hat, um die vertrackte Logik der Vorherrschaft in der westlichen (modernistischen) philosophischen Tradition bloßzulegen und zu erschüttern. Was er schließlich als „Karnophallologozentrismus“ bezeichnete, bot entscheidende kulturelle Unterstützung und Deckung für „einen Krieg zwischen den Arten“, einen anthropozentrischen „gnadenlosen Krieg[s] gegen das Tier“ „in Form einer pax humana“. Siehe Derrida, Das Tier, das ich also bin, übers. v. Markus Sedlaczek, Wien: Passagen Verlag 2016, S. 151, 153, 155. Natürlich spielt das, was wir Dinge nennen, bei der Dekonstruktion und kulturellen Abschaffung dieser Logik der Überlegenheit eine Rolle; wenn sich jemand findet, der inspirierter und talentierter ist, das Alltagsleben durch eine andere Beschreibung oder ein anderes Vokabular zu verändern, mache ich ihm gerne Platz. Es geht darum, solche Entfremdungen im Denken, Tun und Fühlen ins Werk zu setzen.

41 Haraway, Staying with the Trouble, S. 35.

42 Siehe Gene Ray, „Loss, Love, and Mourning in the Time of Eco-Genocide“. Online: www.academia.edu/30435761/Loss_Love_and_Mourning_in_the_Time_of_Eco-Genocide.

43 Candice Hopkins, „Der vergoldete Blick: Reichtum und Wirtschaft an der kolonialen Front“, in: Quinn Latimer und Adam Szymczyk (Hg.), The documenta 14 Reader, München: Prestel 2017, S. 235–36.

44 Roxanne Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, Boston: Beacon Press 2015.

45 Viele Graswurzelbewegungen, von der Permakultur über Transition Towns zu Saatgut-Nachbauern, arbeiten an ihrem eigenen Begriff von Allmende, „Sorge um die Erde“, Nachhaltigkeit und Resilienz. Siehe zum Beispiel online: www.resilience.org/. Roxanne Dunbar-Ortiz, Lorraine Le Camp und Jodi A. Byrd beurkunden unterdessen wichtige Kritik an bestimmten Allmende-Diskursen. Wenn die gutgemeinten Bestrebungen, „die Allmenden wieder einzufordern“ und gestohlenes Land „wieder zu indigenem zu machen“, ihre Projekte nicht auf dem Wissen um den kolonialen Terror und den Landraub der Siedler gründen, dürften sie Gefahr laufen, in einen neuen „Terranullismus“ abzugleiten. Die Unterstützung lokaler indigener Kämpfe sollte ein integraler Bestandteil der Allmendepraxis sein, wie zahlreiche Allmendeverfechter anerkennen. Siehe Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, S. 230–31. „Ernährungssouveränität“ ist ein von La Via Campesina und anderen Gruppen und Netzwerken entwickelter Begriff, der die „Nahrungsmittelsicherheit“ ablehnt, wie sie von den Konzernen mit Verfügungsgewalt über die industriellen Monokulturen und ihren Unterstützern – den Staaten, der UN – propagiert wird. Für die Ernährungssouveränität eintretende Aktivisten fordern stattdessen eine ortsbezogene, gemeinschaftlich organisierte Nahrungsmittelproduktion an der Basis, die auf den traditionellen Verfahrensweisen nachhaltiger Agroökologie beruht. Online: www.viacampesina.org/en/index.php/main-issues-mainmenu-27/food-sovereignty-and-trade-mainmenu-38. Der Paradigmenwechsel von Sicherheit zu Souveränität, der die modernen Dogmen von Wachstum und persönlichem Glück angreift, erstreckt sich auf den Wasserverbrauch und die Energieproduktion und eröffnet auf lokaler Ebene Auswege aus der fossilen Ökonomie. Im Entstehen begriffene biophile Kulturen brauchen diesen erdenden Blick auf die Prozesse, in denen der elementare Metabolismus des Menschen mit dem Planeten lokal organisiert wird.

46 LaDonna Brave Bull Allard, „Why the Founder of Standing Rock Sioux Camp Can’t Forget the Whitestone Massacre“, in: YES! Magazine, 3. September 2016. Online: www.yesmagazine.org/people-power/why-the-founder-of-standing-rock-sioux-camp-cant-forget-the-whitestone-massacre-20160903.

47 Ebd.

48 Mit der ihr eigenen Kraft und Eloquenz führt die Dichterin und Romanschriftstellerin Linda Hogan in ihrem Bericht aus Standing Rock ähnliche Argumente an. Siehe Linda Hogan, „Why We Are Singing for Water – In Front of Men with Guns and Surveillance Helicopters“, in: YES! Magazine, 4. Oktober 2016. Online: www.yesmagazine.org/people-power/to-the-standing-rock-sioux-who-are-singing-for-water-20161004. Siehe auch Grind und Johansen, Ecocide of Native America; sowie Sara van Gelder, „The Big Difference at Standing Rock Is Native Leadership All Around“, in: YES! Magazine, 11. September 2016. Online: www.yesmagazine.org/people-power/the-big-difference-at-standing-rock-native-leadership-all-around-20160911.

49 Siehe die von Michelle Latimer (Métis und Algonquin) und Sarain Fox (Anishinaabe) produzierte exzellente Dokumentationsreihe Rise. Online: www.viceland.com/en_us/show/rise.

50 „Standing Rock Special: Dallas Goldtooth on Police Violence & Repression of Movement Against DAPL“, in: Democracy Now!, 24. November 2016. Online: www.democracynow.org/2016/11/24/standing_rock_special_dallas_goldtooth_on.

51 Jenni Monet, „Army Corps Issues Eviction Notice to Standing Rock Sioux Tribe“, in: YES! Magazine, 26. November 2016. Online: www.indiancountrymedianetwork.com/news/native-news/army-corps-issues-eviction-notice-to-standing-rock-sioux-tribe/.

52 Four Arrows, „The Loving Contagion of Courage: Veterans Standing for Standing Rock“, in: Truthout, 1. Dezember 2016. Online: www.truth-out.org/opinion/item/38558-the-loving-contagion-of-courage-veterans-standing-for-standing-rock.

53 Phil McKenna, „2016: How Dakota Pipeline Protest Became a Native American Cry for Justice“, in: InsideClimate News, 27. Dezember 2016. Online: www.insideclimatenews.org/news/22122016/standing-rock-dakota-access-pipeline-native-american-protest-environmental-justice.

54 Julia Carrie Wong, „Dakota Access pipeline: US denies key permit, a win for Standing Rock protesters“, in: The Guardian, 5. Dezember 2016. Online: www.theguardian.com/us-news/2016/dec/04/dakota-access-pipeline-permit-denied-standing-rock.

55 Sarah van Gelder, „How Standing Rock Has Changed Us“, in: YES! Magazine, 7. December 2016. Online: www.yesmagazine.org/people-power/how-standing-rock-has-changed-us-20161207.

56 Sarah van Gelder, „Why I Kneeled before Standing Rock Elders and Asked For Forgiveness“, in: YES! Magazine, 21. Dezember 2016. Online: www.yesmagazine.org/people-power/why-i-kneeled-before-standing-rock-elders-and-asked-for-forgiveness-20161221.

57 Valerie Taliman, „Veterans Ask for Forgiveness and Healing in Standing Rock“, in: Indian Country Media Network, 7. Dezember 2006. Online: indiancountrymedianetwork.com/news/veterans/veterans-ask-forgiveness-and-healing-standing-rock/.

58 Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, S. 116.

59 Ebd., S. 2: „Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist eine Geschichte des Siedlerkolonialismus – die Gründung eines Staates, der auf der Ideologie der weißen Überlegenheit, der verbreiteten Praxis der Versklavung von Afrikanern und einer Politik des Genozids und des Landraubs beruhte.“

60 Roxanne Dunbar-Ortiz liest die Beschwörung dieser Mythen aus Barack Obamas Antrittsrede von 2009 heraus. Ebd., S. 115. An anderer Stelle merkt sie bissig an: „Alle Präsidenten, die auf [Andrew] Jackson folgten, traten in dessen Fußstapfen.“ Ebd., S. 108.

61 WikiLeaks, „Collateral Murder“, 5. April 2010. Online: www.collateralmurder.wikileaks.org/.

62 Online: www.boeing.com/defense/ah-64-apache/.

63 Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, S. 154.

64 Ebd., S. 56. Geronimo war ein Kriegshäuptling der Apachen und organisierte in den 1880er Jahren entlang der amerikanischen-mexikanischen Grenze den indigenen Widerstand gegen den Siedlerkolonialismus.

65 Ebd., S. 57

66 Die Fotografie, aufgenommen von Josh Morgan, wurde von The Huffington Post online veröffentlicht. Siehe Jenna Amatulli, „Forgiveness Ceremony Unites Veterans And Natives At Standing Rock Casino“, in: The Huffington Post, 5. Dezember 2016. Online: www.huffingtonpost.com/entry/forgiveness-ceremony-unites-veterans-and-natives-at-standing-rock-casino_us_5845cdbbe4b055b31398b199.

67 Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, S. 185.

68 Für Kontext und Details siehe Ward Churchill, Jim Vander Wall, Agents of Repression: The FBI’s Secret Wars Against the Black Panther Party and the American Indian Movement, Boston: South End Press 2001.

69 Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, S. 185–91. Siehe auch Peter Matthiessen, In the Spirit of Crazy Horse, London: Harvill 1992, S. 58–102.

70 Leonard Crow Dog, Richard Erdoes, Crow Dog: Four Generations of Sioux Medicine Men, New York: HarperCollins 1995.

71 Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, S. 153–57.

72 Ebd., S. 153.

73 Crow Dog, Erdoes, Crow Dog.

74 Ebd. Siehe auch Mary Crow Dog with Richard Erdoes, Lakota Woman, New York: Grove Press 2011.

75 Valerie Taliman, „Veterans Ask for Forgiveness and Healing in Standing Rock“, in: Indian Country Media Network, 7. Dezember 2016. Online: www.indiancountrymedianetwork.com/news/veterans/veterans-ask-forgiveness-and-healing-standing-rock/.

76 Man erinnere sich zum Beispiel daran, dass die American Legion und andere Veteranenverbände 1995 den Angriff auf die im Nationalen Luft- und Raumfahrtmuseum des Smithonian Instituts in Washington D. C. geplante Enola-Gay-Ausstellung anführte. Die Ausstellung ist zensiert und völlig verharmlost worden, da sie die US-Bürger mit der kritischen historischen Auseinandersetzung über die im Jahr 1945 getroffene Entscheidung, Massenvernichtungskernwaffen gegen zwei japanische Städte einzusetzen, bekannt gemacht hätte und da der „als ‚Abschnitt 4: Ground Zero‛ bekannte emotionale Vortex der Ausstellung viele Amerikaner zum ersten Mal mit den verheerenden Fotografien und Relikten, die das Leiden der zivilen Opfer der Bombenabwürfe dokumentierten, konfrontiert hätte.“ Gene Ray, Terror and the Sublime in Art and Critical Theory: From Auschwitz to Hiroshima to September 11, New York: Palgrave Macmillan 2011, S. 55.

77 Rozalinda Borcilă, privater Emailaustausch, 12. Januar 2017.

78 Siehe Kevin Gover, „American Indians Serve in the U.S. Military in Greater Numbers than any Ethnic Group and Have Since the Revolution“, in: The Huffington Post, 22. Mai 2015. Online: www.huffingtonpost.com/national-museum-of-the-american-indian/american-indians-serve-in-the-us-military_b_7417854.html. Siehe auch Winona LaDuke mit Sean Aaron Cruz, The Militarization of Indian Country, East Lansing, Michigan: University of Michigan Press 2012.

79 Four Arrows, AKA Don Trent Jacobs, ein Mitglied von Veteranen für den Frieden, veröffentlichte diese Bemerkungen bezüglich des Status der US-Fahne in den Lagern von Standing Rock Anfang November: „Als ich anlässlich meines ersten Sonnentanzes von Rick Two Dogs gebeten wurde, die vier um den Tanzplatz angeordneten amerikanischen Flaggen zu hissen und ich ihm nervös von meinen Vorbehalten erzählte, eine Regierung/Nation zu würdigen, die noch immer illegale Kriege führt und noch immer Genozid an unserem Volk verübt, sprach er mit den Geistern. Sie sagten ihm, wir könnten die Flaggen verkehrt herum hissen. In Anerkennung und zum Zeichen dieses allgegenwärtigen Leids hängen sämtliche Fahnen in den Standing Rock Camps nun verkehrt herum.“ Four Arrows, „A Veteran’s Day Dispatch from Standing Rock“, in: Truthout, 11. November 2016. Online: www.truth-out.org/speakout/item/38350-a-veteran-s-day-dispatch-from-standing-rock. Auch historisch steht die verkehrt herum wehende US-Fahne mit der Amerikanischen Indianerbewegung in Verbindung. Siehe Matthiessen, In the Spirit of Crazy Horse, S. 36–37.

80 Siehe zum Beispiel: Four Arrows, „A Veteran’s Day Dispatch from Standing Rock“, in: Truthout, 11. November 2016. Online: www.truth-out.org/speakout/item/38350-a-veteran-s-day-dispatch-from-standing-rock. Siehe auch Four Arrows, „The Loving Contagion of Courage: Veterans Standing for Standing Rock“, in: Truthout, 1. Dezember 2016. Online: www.truth-out.org/opinion/item/38558-the-loving-contagion-of-courage-veterans-standing-for-standing-rock. Beachtenswert sind auch Louise Erdrichs Überlegungen zu den Veteranen in „Holy Rage: Lessons from Standing Rock“, in: The New Yorker, 22. Dezember 2016. Online: www.newyorker.com/news/news-desk/holy-rage-lessons-from-standing-rock.

81 Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, S. 3.

82 In dem Versuch zusammenzufassen, was mir in Echabonmic erzählt wurde und was ich, wie ich glaube, gelernt habe, war ich bestrebt, mich so nahe wie möglich an die Worte und Aussagen Ishagapes zu halten. Gleichwohl ist diese Zusammenfassung die Darstellung eines Außenstehenden. Wie Ishagape berichtet, sind die Geschichten seines Volkes, außer in Fragmenten noch immer nicht aus dessen Erfahrung und Perspektive erzählt worden. Ich hoffe, dass diese Verdrängung der Geschichte bald angesprochen und kuriert wird. Zwischenzeitlich ist dies ein Versuch, die Situation in ihren Grundzügen wiederzugeben. All das was die Welt nicht weiß, aber wissen muss über diese kleine indigene Gemeinschaft, die 2017 um ihr Überleben, ihre Survivance, kämpft. Der folgende Abschnitt wurde zusammen mit Rozalinda Borcilă verfasst. Ishagape hat ihn durchgesehen und seine Veröffentlichung an dieser Stelle gutgeheißen. Einige gesammelte Protestnoten des Council of the Original Miccosukee Simanolee Nation Aboriginal Peoples finden sich online: https://twac.files.wordpress.com/2013/03/bobbiebillievivaflorida500.pdf, and http://spectrabusters.org/wp-content/uploads/2014/07/Update-December2013-Triditional-Seminolee.pdf. Siehe auch Sherri Mitchell, “The Right to Be Self-Defined and Self-Determined,” Native News Online.net, August 6, 2015. Online: http://nativenewsonline.net/opinion/the-right-to-beself-defined-and-self-determined.

83 Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, S. 7 und xiii.

84 Esposito, Bios, S. xiv.

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