Das Parlament der Körper

Die Öffentlichen Programme der documenta 14 – das Parlament der Körper – sind entstanden aus den Erfahrungen des sogenannten „langen Sommers der Migration“ in Europa, der nicht nur ein Versagen der repräsentativen demokratischen Institutionen der Moderne, sondern auch ein Versagen ethischer Praktiken der Gastfreundschaft offenbarte. Das Parlament lag in Trümmern. Das wahre Parlament jedoch kam auf der Straße zusammen, als Versammlung der nicht-repräsentierten Körper ohne Papiere, die sich Sparmaßnahmen und fremdenfeindlicher Politik widersetzten.

Das Parlament der Körper wendet sich gegen die Individualisierung von Körpern ebenso wie gegen ihre Verwandlung in eine Masse und genauso gegen die Verwandlung der Öffentlichkeit in ein Marketingziel. Wider wesenhafte Ursprünge, wider verdinglichte Grenzen und Identitätspolitiken eröffnet das Parlament der Körper einen Raum für kulturellen Aktivismus, er findet neue Affekte und schmiedet synthetische Bündnisse zwischen dem weltweiten Kampf für Souveränität, dem Kampf um Anerkennung und dem Kampf ums Überleben. In Anlehnung an mikropolitische Selbstorganisationen, gemeinschaftliche Praktiken und künstlerische Experimente ist das Parlament der Körper ein kritischer Apparat, der sowohl die Ruinen demokratischer Institutionen als auch die traditionellen Formate von Ausstellungen und öffentlichen Programmen queeren wird. Es bringt Künstler_innen, Aktivist_innen, Theoretiker_innen, Performer_innen, Kinder, Arbeiter_innen, Migrant_innen und viele andere Agent_ innen zusammen, um gemeinsam und als Kollektiv an den Bedingungen für einen radikalen Wandel der Öffentlichkeit und an einer Vielzahl neuer Formen von Subjektivität zu arbeiten. Das Parlament der Körper ist weder eine Bank noch eine Datensammlung, weder „Volk“ noch Konzern.

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Baubeginn des Parlaments der Körper in Athen war sieben Monate vor Ausstellungseröffnung. Es begann im September 2016 mit 34 Freiheitsübungen im Städtischen Kunstzentrum Athen im Parko Eleftherias. Seit September 2016 konstituierte sich das Parlament durch die Bildung von sechs Offene-Form-Gesellschaften: der Noosphärischen Gesellschaft (koordiniert mit Angelo Plessas), die alternative Bewusstseinstechnologien untersucht; der Apatride Gesellschaft des politischen Anderen (koordiniert mit Nelli Kambouri, Margarita Tsomou und Max Jorge Hinderer Cruz), die antikoloniale Diskurse und Praktiken, die weltweite Migration und den aktuellen Wandel des Nationalstaates in den Blick nimmt; der Gesellschaft der Freund_innen von Sotiria Bellou, die sich dem starken Anwachsen von queerer und transfeministischer Politik und dem Schreiben einer kritischen queeren Genealogie des Südens widmet (entwickelt mit dem AMOQA, Athens Museum of Queer Arts); der Gesellschaft für das Ende der Nekropolitik (koordiniert mit Georgia Sagri), die nach Wegen und Möglichkeiten sucht, die Todestechnologien kapitalistischer Kolonialgeschichte zu verstehen und ihnen entgegenzuwirken; der Gesellschaft der Freund_innen von Ulises Carrión (koordiniert mit Arnisa Zeqo), die ausgehend von den Taktiken des mexikanischen Künstlers kulturelle Strategien und Praktiken nicht-institutionalisierter Kunst untersucht; und der Kooperativistischen Gesellschaft (koordiniert mit Emanuele Braga und Enric Duran), die sich mit den Themen Kreislaufwirtschaft, „communing“ und der Bildung von Künstler_innen-kooperativen auseinandersetzt.

Die Offene-Form-Gesellschaften orientieren sich am Modell der 1788 in Frankreich gegründeten Société des amis des noirs (Gesellschaft der Freunde der Schwarzen), die sich für die Abschaffung des Sklavenhandels und den Aufbau sozialer und freundschaftlicher Bande zwischen Bürger_innen und rechtlich und politisch ungleich Gestellten einsetzte. Sie verfolgte ihre Ziele mit Nachdruck, schrieb und veröffentlichte Bücher, Drucke, Plakate und Flugblätter zur Abschaffung der Sklaverei und organisierte öffentliche Vortragsreihen und Theateraufführungen in ganz Europa. Im Herzen von Kolonialreichen fungierten Gesellschaften zur Abschaffung der Sklaverei als ein gegenkulturelles öffentliches Programm, um die epistemologische, diskursive, politische und dichterisch-fantasievolle Alternative zum Kolonialregime zu entwickeln. Ähnlich haben die Offene-Form-Gesellschaften des Parlaments der Körper zum Ziel, als Herzstück des Ausstellungsapparats innerhalb einer komplexen, globalen, neoliberalen Ökonomie im Kontext wachsender neokolonialer und neofaschistischer Diskurse zu agieren. Die Behandlung, die Griechenland seit Beginn des neuen Jahrhunderts widerfährt, kündigte bereits den aktuellen Wandel globaler westlicher Politik an.

Seit Januar 2007 besteht ein wechselseitiger Austausch zwischen diesen einzelnen Gesellschaften, der Reibung und einen Dialog zwischen den verschiedenen Sprachen und Praktiken erzeugt. Drei Wochen nach der Eröffnung der Ausstellung in Athen versammelte sich das Parlament der Körper erstmals in Kassel, wo es zu einer antifaschistischen, transfeministischen und antirassistischen Koalition aufrief. Es griff W. E. B. Du Bois’ Frage „Wie fühlt es sich an, ein Problem zu sein?“ als mögliche Interpellation auf, die sich heute unter Berücksichtigung des von dem afrikanischen Philosophen Achille Mbembe als das „Schwarzwerden der Welt“ bezeichneten Prozesses an die „99 Prozent“ des Planeten wendet.

Bei dieser Veranstaltung trafen die Athener Gesellschaften des Parlaments auf die Gesellschaft der Freund_innen von Halit, die erste Gesellschaft des Kasseler Parlaments, die sich gegen institutionalisierte Formen von Rassismus wendet und nach dem 2006 in Kassel von Neonazis ermordeten Halit Yozgat benannt ist. Im Juni 2017 werden weitere neue Gesellschaften gegründet werden, darunter die Gesellschaft der Freunde von Lorenza Böttner, die nach dem mit Mund und Füßen zeichnenden Maler und Performer Lorenza benannt ist. Sie wird sich für körperliche und neurologische Vielfalt und gegen die Unterdrückung von Behinderung einsetzen.

Als Institution im Werden ohne Verfassung bewohnt das Parlament der Körper Orte umstrittener Geschichten, deren Erinnerungen uns zwingen, hegemonische und romantisch verklärte Erzählungen des demokratischen Europa zu hinterfragen. Sein Sitz in Athen ist das Städtische Kunstzentrum im Parko Eleftherias – ein Gebäude, das während der griechischen Diktatur von 1967 bis 1974 als Hauptquartier der Militärpolizei diente. In Kassel versammelt sich das Parlament der Körper in der Rotunde des Fridericianum. Das unter Friedrich II. erbaute Gebäude wurde 1779 als Bibliothek und eines der ersten öffentlichen Museen in Europa eröffnet. Im Jahr 1810 verwandelte der westfälische König und jüngste Bruder Napoleons, Jérôme Bonaparte, die Rotunde des Fridericianum für kurze Zeit in den ersten Parlamentssaal Deutschlands. In den 1930er Jahren diente das Gebäude auch als Versammlungsort der Nationalsozialistischen Partei, bevor es bei den Bombenangriffen auf Kassel 1941 und 1943 bis auf die Grundmauern niederbrannte. Seit 1955 ist es der symbolträchtigste Ort der documenta.

Während der gesamten Laufzeit der documenta 14 wird das Parlament der Körper mit seinen Gesellschaften als dissonante und zugleich synchrone Praxis der Vielstimmigkeit und Verschiedenartigkeit sowohl in Athen als auch in Kassel aktiv sein. Nomadisch und performativ arbeitet das Parlament der Körper als staatenlose Heterotopie mittels Vervielfachung und Verlagerung und agiert nicht nur innerhalb der Ausstellungsräume, sondern auch innerhalb der städtischen Räume (Theater, Vereine, Ateliers, Plätze ...), die mit neuen Formen von Souveränität jenseits der Norm experimentieren.

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