Der Syrer, der die Revolution wollte
von Abounaddara

Der Syrer, der die Revolution wollte, ist kein Oppositioneller. Er – oder sie – ist keine Angehörige des Oppositionssystems, das nichts anderes ist als das Ergebnis eines Machtkampfes im Syrien Assads. Er – oder sie – ging nicht auf die Straße, um das Regime zu stürzen, sondern vielmehr, um laut zu rufen: „Diebe, Diebe!“, und: „Das syrische Volk lässt sich nicht demütigen!“, und: „Es gibt keinen Gott außer Gott.“ Und er – oder sie – forderte nicht das Unmögliche, sondern das Recht auf Würde. Diese Forderung wurde dem Innenminister des Regimes klar und deutlich vorgelegt, worauf der mit einer Warnung antwortete: „Das ist eine Demonstration, schämt euch!“ (Zu sehen in einer Videoaufzeichnung der Proteste vom 17. Februar 2011 im al-Hariqa-Viertel von Damaskus: https://www.youtube.com/watch?v=h_fisTzuz9E.)

Wir haben es hier mit einem Bürger oder einer Bürgerin zu tun, der oder die das Erbe der Knechtschaft abstreifen will, das ihm oder ihr die besiegten und geschlagenen Vorfahren hinterlassen haben. Die Videoaufnahmen der Proteste vom März 2011 beweisen, dass er oder sie hoffte, dies erreichen zu können, ohne sich das Regime mit seinen Unterstützern zum Feind zu machen. Er oder sie forderte den Präsidenten – den jungen Doktor – auf, hochzuhalten, was rechtens sei, und rief dabei die ganze Zeit: „Eins, eins, eins … Das syrische Volk ist eins!“ Er oder sie forderte keineswegs den Sturz des Regimes; so lange nicht, bis dieses Regime sie wie „Infiltratoren“ oder „Agenten“ behandelte, Verleumdungen, die vom Regime geprägt und in Umlauf gesetzt wurden.

Diese Syrerinnen erhoben sich gegen ihre Knechtschaft, gegen ihre „freiwillige Knechtschaft“, die historische und geopolitische Wurzeln hat. Dabei gilt, dass die Mehrheit einem und nur einem Einzigen unterworfen ist. Doch es genügt nicht, dass sie ihm gehorsam ist, sie muss ihm auch gefällig sein; sie dient ihm nicht nur, sie will ihm dienen, wie weiland Étienne de La Boëtie (1530–1563) bemerkte.

Kraft der Zuordnung, die aus dem syrischen Revolutionär einen Agenten oder Infiltrator machte, ließ das Regime seinen Körper durch Tod oder Inhaftierung auf unbestimmte Zeit verschwinden. Unterdessen begann die Opposition die syrische Revolutionärin zu mimen, und aus ihren Reihen engagierten die Medien sodann Stellvertreter, die dessen Rolle übernehmen sollten.

Wie aber lässt man nun den Körper des abwesenden Syrers auferstehen, um trotz Regime, Opposition und Medienmacht für die Freiheit zu kämpfen?

Unter dem Vorwand, zu seiner Verteidigung anzutreten und sich gegen das Regime zu wenden, neigen die Massenmedien dazu, uns zu suggerieren, dass der syrische Körper ein ganz und gar erniedrigter sei. Ein solches Bild ist jedoch problematisch, weil es von Aktivistinnen oder Kämpfern gezeichnet wird, die seit dem Hereinbrechen der Revolution die professionellen Journalist_innen abgelöst haben. Folglich erwecken sie den Anschein, es handelte sich um ein einseitiges Bild oder gar um eine Verschwörung, die gegen das vaterländische und unerschütterliche Regime Assads gerichtet ist. Darüber hinaus werden diese Bilder nicht aufs Tapet gebracht, um als Beweise für Verbrechen zu dienen, die vor einem ordentlichen Gericht verwendet werden könnten, wie etwa einst die Bilder von den Nazi-Verbrechen oder anderen zuvor.

Und nicht zuletzt werden diese Bilder auf einem Markt verteilt, der vom Profitstreben regiert und von Werbeagenturen beherrscht wird. „Gewinner“ ist, wer die größte Anzahl von Blicken akkumulieren kann; und da die pornografischsten Clips auch am häufigsten angesehen werden, wetteifern die „Gewinner“ darum, Bilder von Misshandlungen zu übertragen, die allesamt unter demselben Motto stehen: „Seht, was dieser Mörder den armen Syrern angetan hat.“

Das hat zur Folge, dass damit dem Mörder mehr gedient ist als dem Opfer, dessen Erniedrigung und Demütigung die ganze Zeit über banalisiert werden. Das Verbrechen selbst gerät zu nichts anderem als einer weiteren Betrachtungsweise. Der Syrer wurde vom Achtung gebietenden Revolutionär verwandelt in ein Opfer, das bloß Bedauern auslöst oder Ekel erregt.

Abgesehen von der Frage, wie wichtig es heute scheinen mag, Bilder von Regimeopfern in einem Gerichtssaal zu präsentieren – Bilder etwa wie die des übergelaufenen Militärfotografen „Caesar“ –, markiert die Vermarktung dieser Bilder als Medienmaterial – eine Entscheidung, die getroffen wird von einem Land oder Ländern, die tief in den syrischen Konflikt verwickelt sind – eine Form von politischem Opportunismus. Dies stellt eine weitere Verletzung der Würde dieser Opfer und ihrer Familien dar. Ein solches Vorgehen verweigert den Syrer_innen das Recht, die an ihnen begangenen Verbrechen in einer Form abzubilden, die ihrem eigenen politischen Projekt angemessen bleibt.

Deshalb brauchen wir ein alternatives Bild, das den Körper des abwesenden Syrers sichtbar macht; ein Bild, das nicht die Menschenwürde verletzt oder das Recht streitig macht, das eigene politische Geschick in die Hand zu nehmen. Doch wie kann uns das gelingen?

Es gibt einzelne Menschen, die das auf unterschiedliche Weise versucht haben. Doch individuelle Anstrengungen müssen vergeblich bleiben angesichts der öffentlichen und privaten Institutionen, die – im Namen der Verteidigung von Freiheit und Gerechtigkeit – das Recht der Syrer_innen auf ein Bild der Würde verletzen, genauso wie das Regime und der IS die Würde der Syrer_innen im Namen der Verteidigung des Vaterlandes oder der Religion verletzen.

Es muss ein Machtausgleich installiert werden, der es den Syrer_innen gestattet, ihr eigenes Bild wieder neu zu begründen, und zwar abseits der Polit- und Medienmächte, die sie zu repräsentieren vorgeben. Um dies zu erreichen, ist eine öffentliche Debatte über die Unantastbarkeit des Körpers und das Recht auf Selbstbestimmung in diesem Medienzeitalter vonnöten.

In der Zwischenzeit ist die Welt gefordert, diese Rechte zu respektieren. Es gilt die Würde zu wahren und es muss endlich abgelassen werden von dem Prinzip, dass der Zweck die Mittel heilige, das von den Machthungrigen und den Händlern im Tempel befördert wird.

Es ist nicht recht und richtig, wenn ein französischer Fernsehsender sich weigert, Bilder der Opfer der Terroranschläge von Paris zu zeigen, mit der Begründung, man wolle das Recht dieser Opfer auf ihre Menschenwürde wahren, solange er sich nicht schämt, einen selbst produzierten Dokumentarfilm zu senden, in dem gezeigt wird, wie ein syrischer Junge in einem Gefängnis des Regimes vergewaltigt wird. Es ist keine würdige Geste, wenn YouTube Videos des IS entfernt, weil sie für Bürger_innen reicher Staaten anstößig und widerlich sind, während Videos, die für Syrer_innen anstößig und widerlich sind, unberücksichtigt bleiben. Und man treibt mitnichten gute Politik, wenn der Syrer, der die Revolution wollte, nun auf den Bildschirmen dieser Erde zu nichts als einem erniedrigten Körper gemacht wird, während er – oder sie – unten am Boden den Kampf doch nicht aufgibt und dabei auf die Rückendeckung der Welt zählt.

Aus dem Englischen von Andreas L. Hofbauer

Dieser Text erschien erstmalig in der Zeitung Al-Hayat am 30. Januar 2016. Das Original auf Arabisch finden Sie unten.

السوري الذي أراد الثورة

السوري الذي أراد الثورة ليس بالمعارض. هو لا ينتمي إلى منظومة المعارضة التي أنتجها الصراع على السلطة في سورية الأسد. لم ينزل إلى الشارع ليسقط النظام، بل ليهتف : ”حرامية حرامية”، ”الشعب السوري ما بينذّل”، ”لا إله إلا الله”. لم يطلب المستحيل، بل طالب بحقه في العيش الكريم وردد ذلك بوضوح على مسمع وزير داخلية النظام الذي أتاه محذراً : "هي مظاهرة، عيب !" (فيديو مظاهرة حي الحريقة في دمشق في 17 شباط 2011).

هو مواطن أراد الخروج من العبودية التي ارتضى بها إرثاً عن السلف المهزوم. ويبدو جلياً في فيديوهات مظاهرات آذار 2011 أنه كان يأمل الخروج منها دون استعداء النظام وأنصاره. فقد كان يطالب رئيسه الدكتور الشاب بإحقاق الحق هاتفاً : ” واحد واحد واحد الشعب السوري واحد”. ولم يخلص إلى المطالبة بإسقاط النظام إلا بعد أن عامله هذا الأخير بصفته "مندساً” أو "عميلاً”.

هو إذاً ثائر على عبوديته، تلك ”العبودية المختارة” الناتجة عن عوامل تاريخية وجغراسياسية حيث ”تخضع الأكثرية لواحد أحد، لا تخضع له فقط، وإنما تخدمه، لا تخدمه فقط، إنما تريد أن تخدمه"، حسب قول المغفور له إتيان دو لا بويسي (1530-1563).

ولما كان النظام يرى في السوري الثائر مندساً أو عميلاً، ولا يطيق أن يكون غير ذلك في الصورة التي يحتكر والسلطة، فقد ارتأى تغييب جسده بالقتل والسجن في حين انتحلت المعارضة شخصيته وكرّس الإعلام ممثلين له من أهل المعارضة.

ما السبيل، والحال هذه، لاستحضار جسد السوري المغيب من أجل الخروج من العبودية بمنأى عن النظام والمعارضة والإعلام ؟

يميل الإعلام السائد إلى تصوير الجسد السوري ذليلاً بحجة الدفاع عنه ضد النظام. غير أن هذه الصور غالباً ما تبدو إشكالية لأنها من صنع نشطاء أو متحاربين حلّوا محل المراسلين المحترفين بعد اندلاع الثورة، مما يجعلها تبدو وكأنها تعبر عن وجهة نظر أحادية الجانب أو حتى مؤامرة تستهدف نظام الأسد الممانع. زد أنها لم تُعرض مسبقاً على القضاء بصفتها قرائن، على خلاف صور الجريمة النازية وغيرها. أخيراً لا آخراً، يتم نشر هذه الصور في إطار سوق تنافسي يحكمه قانون الربح والخسارة أو شركات الإعلان، مما يعني أن الشاطر هو من يستقطب العدد الأكبر من المشاهدين الكرام. ولما كانت الصور التي تستقطب العدد الأكبر هي الأكثر إباحية، راح الشاطرون يتسابقون على بث صور انتهاك الحرمات تحت عنوان ”انظروا ماذا يفعل القاتل بالشعب السوري المسكين”. هكذا، جاءت النتيجة كما يتمناها القاتل لا الضحية إذ تم تطبيع المذلة، وأصبحت الجريمة وجهة نظر، وتحول السوري من ثائر كريم إلى ضحية تثير الشفقة أو النفور.

والحال أنه بقدر ما يبدو ملحاً عرض صور ضحايا النظام كتلك التي وثقها العسكري المنشق ”قيصر” أمام القضاء، فإن تسويقها كمادة إعلامية، بقرار من دولة أو دول تساهم في النزاع السوري، يعتبر ضرباً من الانتهازية السياسية، وانتهاكاً إضافياً لكرامة الضحايا وذويهم، ونكراناً لحق السوري تصوير الجريمة المرتكبة بحقه بما يتوافق ومصالحه السياسية.

لذا يجب ابتكار صورة بديلة من شأنها استحضار جسد السوري المغيب دون المساس بكرامته الإنسانية أو النيل من حقه في تقرير مصيره السياسي. لكن ما السبيل إلى ذلك ؟

هناك أفراد قاموا بمساع متنوعة، غير أن المساعي الفردية لا تجدي نفعاً في مواجهة المؤسسات العامة والخاصة التي تنتهك حق السوري في صورة كريمة باسم الدفاع عن الحرية والعدالة، مثلما ينتهك النظام وداعش كرامة السوري باسم الدفاع عن الوطن والدين.

وعليه، لا بد من بناء ميزان قوى يسمح للسوري إعادة تشكيل صورته بمنأى عن السلطة السياسية أو الإعلامية التي تسعى لتمثيله. ولا بد لذلك من إثارة نقاش عام حول حرمة الجسد والحق في تقرير المصير في عصر الصورة.

في الانتظار، حري بالعالم أن يلتزم معايير الحق والكرامة والسياسة بعيداً عن مبدأ ”الغاية تبرر الوسيلة” الذي يروج له أهل السلطة وتجار الهيكل. فليس من الحق أن تمتنع قناة تلفزيونية فرنسية عن عرض صور ضحايا الإرهاب في باريس إحتراماً لحق هؤلاء بصورة كريمة في حين أنها لا ترى حرجاً من إنتاج فيلم وثائقي يتضمن مشاهد اغتصاب فتى سوري في سجون النظام. وليس من الكرامة أن يحذف القائمين على موقع يوتيوب فيديوهات داعش التي تسيء لمواطني الدول المقتدرة في حين أنهم لا يكترثون للفيديوهات المسيئة للسوري. وليس من السياسة أن ينهزم السوري الذي أراد الثورة، ليغدو جسداً ذليلاً على شاشات العالم في حين أنه ما فتئ يناضل على الأرض معولاً على دعم العالم.

لذا وجب التنويه.

أبو نضارة، مجموعة سينمائيين سوريين

Gepostet in Notizen am 09.02.2016
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