Die Gesellschaft für das Ende der Nekropolitik: Wars and Capital
mit Eric Alliez und Maurizio Lazzarato

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Bonita Ely, Sewing Machine Gun, 2015, ortsspezifische Installation von Interior Decoration, Palimpsest Biennale, Mildura, Australia, 2015

Dieses dreitägige Seminar überprüft die grundlegenden Beziehungen, die Kriege und Bürgerkriege (zwischen den Klassen, „Rassen“ und Geschlechtern) mit dem Kapital (insbesondere mit dem Finanzkapital) im Laufe der Geschichte des Kapitalismus unterhalten haben. Die Finanzialisierung an der Wende des 20. Jahrhunderts hat zwei Weltkriege angestachelt und war vom Zusammenbruch des Börsenmarktes 1929 und von den Bürgerkriegen in Europa unterbrochen. Ein Jahrhundert später reißt uns eine zeitgenössische Finanzialisierung in die Polarisierung der Bürgerkriege einer „Ultramoderne“. Die „Finanzkrise“ kündigte eine Ära der subjektivierten Bürgerkriege an. Das Seminar untersucht diese Kriege ausgehend vom marxschen Begriff der „ursprünglichen Akkumulation“ als der ökonomischen, politischen und subjektiven Bedingungen des Kapitals. Sie stellen die strategischen Achsen dar, entlang deren sich die derzeitigen Kriegsmaschinen etablieren.

Man kann sich nun unterschiedliche Szenarien ausmalen, die sowohl den Verlauf als auch den Ausgang dieser Kriege betreffen. Das „griechische Szenario“ etwa, bei dem die Finanzmaschine den Krieg bedient und dessen Richtung vorgibt, entspricht der „kapitalistischen“ Hypothese. Verwaltende und verwaltete „Machtbeziehungen“ und „strategische Verhältnisse“ bestehen zum Zwecke ihres Vorteils nebeneinander: Das Set von Dispositiven der Gouvernementalität funktioniert wie eine Waffe zur Kontrolle der Bevölkerung („Kriege innerhalb von Bevölkerungen“) und dient der Aufrechterhaltung der Macht der Kreditgeber. Dies war der Fall in Griechenland und ist es immer noch – wenn auch weniger zynisch, gewaltsam und mörderisch als dort – in allen europäischen Ländern. Die Kriegsmaschine des Kapitals verfolgt verbissen das Ziel, die Bevölkerung für seine „Innovationen am Finanzmarkt“ zahlen zu lassen, indem sie den wirtschaftlichen und politischen „Ausnahmezustand“ erklärt.

Die gefürchtete Neuerung in der Abfolge, wie sie sich seit der sogenannten „Finanzkrise“ des Jahres 2008 ausgebreitet hat, zeigt sich exemplarisch nicht bloß an der erhöhten Gouvernementalität der Kriege innerhalb einer Population (sprich: „Sparmaßnahmen“), sondern auch in den Beziehungen, die die Kriegsmaschine des Kapitals einzugehen gewillt ist, um die Expansion der post-faschistischen Kriegsmaschine aufrechtzuerhalten. Diese neuen Faschismen sickern in die Tiefen solcher politischen Abläufe ein, indem sie die Machtbeziehungen des Regierens und Regiertwerdens der Perspektive des „Krieges“ (Freund/Feind) unterwerfen. Das „neofaschistische Szenario“ schlägt auf dem Feld der Bürgerkriege sein Lager auf. Ausdrücklich bezeichnet es den Fremden, den Einwanderer, den Flüchtling, den Muslim als sowohl äußeren wie inneren Feind, wobei es gleichzeitig die „Natürlichkeit“ der Heterosexualität behauptet, ein Macht-Dispositiv, das seit den 1960er Jahren entscheidend geschwächt schien. Die „Rassen“-Perspektive beschränkt sich nicht darauf, den Feind zu bestimmen; tatsächlich ist es so, dass sie gemeinsam mit der des Patriarchats und der der Heterosexualität das Terrain für eine faschistische und identitäre Subjektivierung konstituiert. (Sowohl die Front National wie auch La Manif pour tous („Demo für alle“) in Frankreich haben gegen gleichgeschlechtliche Ehen mobil gemacht, weshalb sie auch gedoppelter politischer Ausdruck einer solchen Entwicklung sind.)

„Rasse“ und patriarchale „Heterosexualität“ stellen eine Perspektive auf die Globalisierung dar, die zwar von der der Finanzialisierung abweicht, aber gleichermaßen enorm mächtig ist. Geschlechter- und Rassenkriege sind zwei Schlüsselmechanismen, wenn es darum geht, die „Biopolitik der Bevölkerung“ zu regulieren, die den Aufbau der internationalen Arbeits- und Geschlechterteilung gewährleistet.

Wenn sich die kapitalistische Maschine den neuen Faschismen gegenüber auch weiterhin misstrauisch zeigt, so hat das seinen Grund keineswegs im Respekt vor demokratischen Prinzipien – das Kapital ist schließlich ontologisch antidemokratisch! –, noch will sie dem Rechtsstaat treu bleiben. Es ist vielmehr so, dass der Postfaschismus (ähnlich wie der Nationalsozialismus) angesichts der kapitalistischen Kriegsmaschine „Autonomie“ genießt und ihrem kontrollierenden Zugriff entgeht. Die Konvergenz oder Divergenz zwischen diesen beiden Formen der Kriegsführung „innerhalb der Bevölkerung“ wird davon abhängen, wie die derzeitigen fraktalen Bürgerkriege verlaufen.

Zwischen 2008 (der totalen Krise) und 2011 (dem Arabischen Frühling) hat sich die ganze Geschichte beschleunigt. Wir wissen jedoch nur zu gut, dass sie sich nicht immer in die richtige Richtung entwickelt hat. Die Schieflagen im Machtausgleich begünstigen die Kriegsmaschine des Kapitals und die neuen Faschismen, die sich gegenseitig unterhalten und stützen. Als einzige Gewissheit bleibt: Die ineinandergreifenden Ereignisse und Erschütterungen werden auf dem Feld der Bürgerkriege und ihrer totalen Immanentisierung stattfinden.

Das Seminar wird in französischer Sprache gehalten und simultan ins Griechische und Englische übersetzt.

Eric Alliez ist Professor an der Université de Paris 8 und am Centre for Research in Modern European Philosophy an der Kingston University in London. Sein letztes Buch (mit Jean-Claude Bonne) trägt den Titel Défaire l’image. De l’art contemporain (2013). Er lebt und arbeitet in Paris.

Maurizio Lazzarato ist Soziologe und Philosoph. Seine letzten Veröffentlichungen sind: Marcel Duchamp et le refus du travail (2014) und Die Fabrik des verschuldeten Menschen (2012). Er lebt und arbeitet in Paris.

Eric Alliez und Maurizio Lazzarato haben 2016 gemeinsam das Buch Guerres et Capital (Kriege und Kapital) veröffentlicht.

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