Rainer Oldendorf

Rainer Oldendorf, Lost in Prevelakis Hall, Polytechnion, Athens (2016), Whiteboard-Marker auf Papier, 100 × 70 cm, courtesy Rainer Oldendorf und Erna Hecey Gallery, Luxemburg

Anbei sende ich – wie ein Autor, der seinem Text Zitate voranstellt, um durch andere Stimmen den Zusammenhang anklingen zu lassen – einige Elemente und Bedingungen für die in Produktion befindliche Arbeit marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer:

Was sich der Anstrengung des Begriffs entzieht, ist in jeder Kultur der langwierigen Arbeit an Bildern überliefert: der Blick auf das Ganze von Wirklichkeit, Welt, Leben und Geschichte. In den großen Metaphern und Gleichnissen schlägt sich nieder, wird abgewandelt und ausgebaut, was an imaginativer Orientierung gewonnen wurde. Eine der immer präsenten Prägungen ist die vom Leben als Seefahrt. Sie umspannt Ausfahrt und Heimkehr, Hafen und fremde Küste, Ankergrund und Navigation, Sturm und Windstille, Seenot und Schiffbruch, nacktes Überleben und bloßes Zuschauen. Die Metapher gibt sowohl den Umriß eines Ganzen von vielen Bedingungen und Möglichkeiten als auch die Grenzwerte des nahezu Unmöglichen, das allen anderen im besten Falle als Seemannsgarn angeboten wird.1

/ The Film Society presents / DIARY L.MOHOLY-NAGY presents his FILM / TAGEBUCH. DIARY. JOURNAL L.MOHOLY-NAGY zeigt sein presents his présente son FILM / ARCHITECTS’ CONGRESS / Marseille. / President van Eesteren [Amsterdam] / Le Corbusier [Paris] / Sert [Barcelona] / Moser [Zürich] / Secretary-general Dr. Giedion [Zürich] / Bodoni [Milan] / Caricature portrait composed of bedroom furniture. / Isthmus of Corinth. / Arrival of the Greek delegates. / Piraeus. / Athens. / The Acropolis. / The Temple of Zeus. / New reservoir at Marathon which supplies water to Athens. / Official opening of the Congress. / The Acropolis floodlit in honour of the Congress. / Cruise to the Greek Islands. / Aegina. / Seriphos. / Santorin. / Ios. / The return voyage. / The weather is hot enough for many to spend the night on deck. / Marseille again. / THE END /2

denn einmal dahin gekommen, ist man zwar allein, aber auch gleichsam eine „Bande“ von Saboteuren. Man ist kein Autor mehr, man ist ein Produktionsbüro, war nie mehr bevölkert.3

marco ist ein pikaresker Film, ein fiktives Porträt, das seit 1995 in Episoden entwickelt wird und unterschiedliche skulpturale Formen verbindet. Der bis dato letzte Teil – marco13 – entstand im Rahmen der Ausstellung Soleil politique in Bozen, Italien. Erzählt wird die Geschichte von Paul – beginnend mit dessen Engagement in der linken Politik der 70er Jahre. In die Handlung werden auch Ort und Umstände der Filmproduktion selbst mit einbezogen. Dargestellt wird Paul von Marco Gallo, mit dem Rainer Oldendorf (geboren 1961) seit seiner Jugendzeit im südwestdeutschen Lörrach befreundet ist und dessen Vorname auch titelgebend für den Film ist. Paul beherrscht alle Sprachen und wirkt wie ein Katalysator, der Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenführt. marco14 findet im Jahr 2017 während eines Seminars statt, das Athen und Kassel miteinander verknüpft.

— Pierre Bal-Blanc

1 Hans Blumenberg, Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997, Klappentext. In seiner Einführung zur englischen Fassung des Werks merkt der Übersetzer Steven Rendall an: „Die in der ersten deutschen Ausgabe von Schiffbruch mit Zuschauer [1979] abgedruckten Anmerkungen des Verlegers bieten einen guten Anknüpfungspunkt.“ Das Besondere ist hier jedoch, dass nicht der Verleger, sondern Blumenberg selbst den Klappentext geschrieben hat.

2 Zwischentitel aus László Moholy-Nagy, Architects’ Congress (1933), 35 mm, schwarz-weiß, 32 min. Der Film wurde anlässlich des CIAM 4 (Congrès International d’Architecture Moderne) produziert, der 1933 an Bord der MS Patris zwischen Marseille und Athen stattfand.

3 Gilles Deleuze, zit. in: Dean Inkster, „Mimesis, Portraiture, and the Errancy of Being-in-Common: Responding to Art as Political Allegory“, in: Rainer Oldendorf, R.O., Ausst.-Kat. Frac Champagne-Ardenne, Reims 1999. Überarbeitete Übersetzung von Bernhard Schwibs, in: Gilles Deleuze und Claire Parnet, Dialoge, hrsg. v. Daniela Voss, Berlin: August Verlag 2017

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook