Roger Bernat

Roger Bernat, Desplazamiento del Palacio de la Moneda (Versetzung des Palacio de La Moneda, 2014), Performance, Santiago de Chile, Foto: Pamela Albarracín

Stellen Sie sich zunächst ein Theater ohne Schauspieler_innen vor. Dann lassen Sie auch die Bühne weg. Und die Wände und die Sessel. Was bleibt? Das Publikum – eine wie in einem Spiegel auf sich selbst zurückgeworfene Öffentlichkeit, jeder Fluchtmöglichkeit durch simples Konsumieren eines Stücks beraubt. Eine Öffentlichkeit, deren Beziehung zum Theater auf einen kannibalischen Akt reduziert ist, auf das Konsumieren der eigenen dramatischen Verhältnisse.

In dem 2008 von dem in Barcelona lebenden, 1968 geborenen Theaterkünstler Roger Bernat kreierten Stück Domini Públic (Public Space) erhalten die Anwesenden per Kopfhörer Anweisungen, nach denen sie inmitten von Fußgänger_innen, die einen Platz überqueren, agieren beziehungsweise „spielen“. Das Stück frönt nicht der Fiktion, Schauspieler_innen seien eine eigene, vom Rest der Menschheit verschiedene Kategorie. Es konfrontiert die isolierten Teilnehmer_innen mit der Verantwortung, spielen und zugleich eine ephemere soziale Architektur erschaffen zu müssen. Númax-Fagor-Plus (2014) stellt Arbeiterversammlungen in den spanischen Fabriken Númax (1979) und Fagor (2013) nach, wobei Aussagen aus dem ersten Kampf als theatralisches Protokoll für jene Arbeiter_innen dienen, die in letzterer ihre Stelle verloren. Desplazamiento del Palacio de la Moneda (2014) ist das vielleicht ambitionierteste Projekt von Bernat, sowohl in Bezug auf seine genealogische Bedeutung als auch im Hinblick auf seine Dimensionen. Sozialorganisationen und Nachbarschaftsvereine in Santiago brachten ein kleines Modell von La Moneda – ein im chilenischen Militärputsch von 1973 kompromittiertes Symbol demokratischer Möglichkeiten – in die Stadtviertel mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen. Die mitgeführte mobile Bühne bot Zuseher_innen und Schaulustigen die Chance, ihre Anliegen spontan zu formulieren, und machte sie zu Akteur_innen und Schauspieler_innen eines ungeschriebenen Szenarios. Hier wird das Theater in seiner erweiterten Form zum mächtigen Instrument eines Publikums, das dazu bestimmt ist, Geschichte (nicht) zur Aufführung zu bringen.

Bernats Arbeiten provozieren die Auflösung des Theaters, doch diese Auflösung ist gleichbedeutend mit seiner Generalisierung. Es gibt kein Theater, denn das Theater ist überall. In dieser Verallgemeinerung wird es, am paradoxen Wendepunkt der Krise unserer repräsentativen Demokratie, zu einem kritischen Instrument: in einer Zeit, in der neue Formen des Austausches und der Wissensproduktion – ermöglicht durch horizontale Technologien, die Sender und Empfänger überflüssig machen – mit wiederkehrenden faschistischen Fantasien eines unmittelbaren Zugangs zu allgemein gültigen Wahrheiten ringen. In den Worten Bernats: „Demokratie ist nicht nur eine Regierungsform, sondern eine Art der Repräsentation von Realität.“ Das partizipative Theater, Hauptdarsteller dieses Szenarios, „trägt die Verantwortung dafür, eine Kritik jener Instrumente – Bildschirme, Plattformen, Netzwerke – zu formulieren, die das Leben heute bestimmen“.

— Paul B. Preciado

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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