David Schutter

David Schutter, L LB dc 3 (2013), Kreide und Farbstift auf Papier, 34 × 24 cm, courtesy David Schutter, Rhona Hoffman Gallery, Chicago und Aurel Scheibler, Berlin

Was macht einen Künstler-Künstler aus, also einen Künstler, der vor allem für andere Künstler_innen von Bedeutung ist? In der Person und malerischen Praxis David Schutters impliziert dieser schwer zu fassende Satz ein außerordentlich starkes Bewusstsein für kunsthistorische Vorläufer. Dies zeigt sich insbesondere im beharrlichen Festhalten des Künstlers an Techniken, die über viele Generationen hinweg vervollkommnet wurden, sowie in seinem beständigen Dialog mit alten Meistern wie Bernardo Parentino, Frans Hals, Salvator Rosa, Antoine Watteau, Jean-Baptiste-Camille Corot, Édouard Manet und Max Liebermann, um einige wenige zu nennen – allesamt Künstler, deren Künstler wiederum David Schutter sein könnte.

Schutter, 1974 in Pennsylvania geboren, ist heute vor allem für seine nahezu monochromen, mittelformatigen Bilder in Grau bekannt, Wunderwerke akribisch gearbeiteter Oberflächentexturen und trügerischer Nuancierungen, die bei genauem Hinsehen die Vielfalt und Bandbreite dieser vermeintlich neutralsten aller Farben preisgeben. Tatsächlich liegt der Schlüssel zu Schutters Projekt in der Geduld und im prüfenden Fokus seines Blicks. Und auch die Rezeption seines Werks erfordert einen ausgedehnten Prozess des Betrachtens, um das subtile Drama der auf der Bildfläche aufgebrachten Farbe besser verstehen zu können. Zwei dieser Arbeiten werden in Kassel gezeigt, sedimentierte Erinnerungen des Künstlers an jene langen Tage, die er ausschließlich mit dem Betrachten zweier Bilder des Frührenaissancemalers Bernardo Parentino zugebracht hat. Beide Werke befinden sich mittlerweile in der Galleria Doria Pamphilj in Rom und stellen den hl. Antonius dar, einmal beim Verteilen von Almosen an die Armen, einmal beim „Vermeiden von Gold“ – zeitlose und mehr als nur aktuelle Sujets angesichts einer aktuell krisengeschüttelten Wirtschaft. Wenn sich Grau als Farbe gewissermaßen weigert, Partei zu ergreifen, dann werden die „Originale“, nach denen Schutter seine Erinnerungen modelliert, umso wichtiger – in der Regel Bilder mit beunruhigender politischer Bedeutung.

In den letzten Jahren hat sich Schutter vermehrt mit der komplizierten Beziehung der Zeichnung als Vorstufe zur Malerei auseinandergesetzt und sich dabei insbesondere mit der Idee der études oder Studien beschäftigt: Vorausahnung und Kritzelei; Entwurf oder eigenständiges Werk. In Schutters Hand wird der Stift beziehungsweise Stilus zu einem machtvollen Instrument der Erinnerung, das vergängliche und wechselvolle Eindrücke jener Zeit festhält, die der Künstler über jahrhundertealten Zeichnungen verbracht hat. In einem aktuelleren (und politisch weitaus heikleren) Fall illustrieren Werke aus dem Schwabinger Kunstfund Schutters detektivische Annäherung an den kunsthistorischen Dialog ebenso wie sein Interesse für die Manie des Sammelns.

— Dieter Roelstraete

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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