Katalin Ladik

Katalin Ladik, Ólomszonett (Bleisonnett, 1975), Foto-Druckplatte aus Zink, 22,5 × 12 cm

Bewegung ist die Grundlage von Katalin Ladiks Werk. Alle Arbeiten der Künstlerin sind in Bewegung, im Fluss, im Wandel begriffen; Imitation, Repräsentation und Narrative fehlen völlig. Selbst die Richtung der Bewegung bleibt offen (jede Vorgabe käme einer Fessel gleich), sie verändert sich dynamisch und bezwingt alles auf ihrem Weg.

Denn Katalin Ladik, 1942 im serbischen Novi Sad geboren, ist eine Poetin (1). Papier jedoch – das althergebrachte Medium der Poesie – ist ihr zu statisch, weshalb sie es durch ihren Körper ersetzt: sinnlich, individuell, politisch. Ihre kontroversen poetischen Performances (2) wurden von grafischen Partituren begleitet – in aufrüttelnden Bildern angeordnete Collagen (3), die die Künstlerin, oft nackt, in situ interpretierte. Ihre vokalen Kompositionen drehten sich um die grundlegende Natur von Tönen und Klängen. Sprache wurde ihrer Bedeutung entkleidet und in einzelne Phoneme zerlegt mit dem Ziel, die urtümlichen, instinktiven, mechanischen Aspekte des Sprechens bloßzulegen (4). Ladiks atemberaubendes stimmliches Repertoire (von Obertönen bis hin zum Bass) machte jeden ihrer öffentlichen Auftritte, ob als Solistin oder Mitglied von Musik- oder experimentellen Künstlergruppen (5), zu einem sozialen Ereignis (6). Ladik ist Poetin, bildende Künstlerin, Performerin und Schauspielerin – gleichzeitig. Sie ist fasziniert von Spannungen, Migration, Grenzüberschreitung. Sie verbindet dynamische Instabilität mit Freiheit, unvollkommene Definitionen mit Potenzial, dynamische Unschlüssigkeit mit einem Ausweg aus simpler Verallgemeinerung. Sie erfindet ihre Sprache(n) unablässig neu. Ihre Arbeit beruht auf permanenter Differenzierung (7) – Verzerrungen, Anomalien, Pausen, dissonanten Elementen – und ist dennoch überraschend kohärent.

(1)Ladiks surrealistische erotische Gedichte wurden erstmals 1962 in Symposion, einer Avantgarde-Zeitschrift für die ungarische Volksgruppe in der Vojvodina, veröffentlicht > Impulse für Strategien eines multikulturellen Zusammenlebens in zwei verschiedenen Sprachen.

(2)In Vabljene (1970) führte Ladik, nur von einem losen Bärenfell bedeckt, ein schamanistisches Lautgedicht mit einem traditionellen ungarischen Dudelsack, einer kleinen hautbezogenen Trommel und einem Bogen, mit dem sie ihr Haar spielte, auf: eine subversive Entlarvung der von Männern dominierten, puritanischen Kultur jener Zeit > Impulse für den Kampf um das Recht auf (künstlerische) Freiheit.

(3)Ladiks collagierte Partituren, die als Muster für Körper- und Stimmperformances dienen, basieren auf dem Nebeneinanderstellen eigentlich unvereinbarer Elemente > Impulse für heuristische Prozesse.

(4)Sprache ist kein rationales Konstrukt, sie entwickelt sich aus dem komplexen metasprachlichen Bereich > Impulse für Unstetigkeiten und Brüche.

(5)Ladik war Mitglied der beiden polyfonen Avantgarde-Musikgruppen Acezantez und Spiritus Noister. Ihre Teilnahme am Künstlerkollektiv Bosch+Bosch eröffnete einen neuen Bereich > Impulse für Intermedialität, Zusammenarbeit und kreativen Dialog.

(6)Als sich ein größeres Publikum für Ladiks Arbeit zu interessieren begann (etwa um das Jahr 1975), wurde die Künstlerin wegen „Sittenlosigkeit“ aus dem Bund der Kommunisten Jugoslawiens ausgeschlossen; paradoxerweise wurde sie gerade zu dieser Zeit ein Star im staatlichen Fernsehen > die Dynamik „objektiv“ mobiler Realität.

(7)„Ich bin ein androgynes Wesen: ein Lügner. Daher aufrichtig // Ich bin ein Objekt der Kunst, ein Zentaur.“ 1

— Marta Dziewańska

1 Katalin Ladik, „Folge mir in die Mythologie“ (1981). 

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
Verwandte Einträge

All the in-between spaces

mit Pina Bounce, Panos Charalambous, Mette Henriette und Katalin Ladik

Performances
8:30 pm Mette Henriette: In between
9:00 pm Katalin Ladik: Follow me into mythology
9:15 pm Pina Bounce: Trumpethood
10:00 pm Panos Charalambous: Voice-O-Graph

„All the in-between spaces“…

 Mehr
Kalender