Marta Minujín

Marta Minujín, El Partenón de libros (Der Parthenon der Bücher, 1983), Metallgerüst, Bücher, Draht, Höhe: 12 m, Installationsansicht, Buenos Aires, © Marta Minujín Archives

Marta Minujín, Payment of Greek Debt to Germany with Olives und Art, 2017, Performance, EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen, documenta 14, Foto: Mathias Völzke

Marta Minujín, The Parthenon of Books, 2017,
 Stahl, Bücher, Kunststoffolie, Friedrichsplatz, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März

Der Parthenon in Athen wurde auf Perikles’ Betreiben errichtet und entstand zwischen 447 und 438 v. Chr. unter der Aufsicht des Bildhauers Phidias. Das Bauwerk ist siebzig Meter lang, dreißig Meter breit und zehn Meter hoch. Der ursprüngliche Zweck des Tempels bestand darin, die riesige Goldstatue der Athene sowie den Schatz des Attischen Seebundes und die Silberreserven der Stadt zu beherbergen. Im Falle eines Angriffs durch die Perser konnten diese Edelmetalle eingeschmolzen werden, um daraus neue Münzen zur Finanzierung des Krieges zu prägen. Während der Parthenon im Mittelalter als christliche Kirche und in der Zeit der Renaissance als Moschee diente, wurde das säkularisierte Gebäude in der Neuzeit zu einem Symbol der Demokratie und kulturellen Vormachtstellung des Westens.

Marta Minujín, 1943 in Buenos Aires geboren, hat sich diesen ebenso ästhetischen wie politischen Archetypus der Demokratie anverwandelt und auf ihre persönliche Situation – überschattet durch die „national-katholische“ Diktatur, die Argentinien bis 1983 beherrschte – umgelegt. Sie ließ das demokratische Ideal genau in dem Augenblick zirkulieren, in dem die Militärjunta stürzte. Ihr Kunstprojekt war Teil der Serie „La caída de los mitos universales“ (Der Sturz der universalen Mythen), in der sich die Künstlerin ikonischer Monumente bemächtigte, um sie zu replizieren, in Stücke zu brechen und erneut in die öffentliche Sphäre einzubringen. In gewisser Weise erhalten diese Symbole – verdinglicht und usurpiert durch Prozesse der Institutionalisierung oder Kapitalisierung – durch die Künstlerin ihren Status als Opfergaben zurück. In El Partenón de libros (Der Parthenon der Bücher, 1983) bedeckten 25.000 Bücher, von den Militärs in Kellern weggesperrt, eine maßstabsgetreue Replik des griechischen Bauwerks. Dieser aus Metallrohren zusammengesetzte und auf einer Seite angehobene Parthenon befand sich auf einem öffentlichen Platz im Süden von Buenos Aires.

Minujíns Mahnmale für Demokratie und Erziehung durch Kunst erwecken die Zeremonien archaischer Gesellschaften zu neuem Leben – im Gegensatz zu den von der Militärjunta verbotenen Büchern und anders als die Privatisierung von öffentlichem Eigentum, die durch das Spekulieren mit Staatsschulden das Zurückdrängen öffentlicher Dienstleistungen vorantreibt und soziale Mangelsituationen hervorbringt. In ihren auf große Teilnehmerzahlen angelegten Projekten entdeckt die Künstlerin den ursprünglichen Wert von kollektiven Schätzen neu und schmilzt geteiltes Kapital rückstandslos in kulturelle Währung um. Minujín unterminiert die Vertikalität von öffentlichen Bauwerken, die für usurpiertes kulturelles Wissen und ein von Engstirnigkeit gekennzeichnetes Vermächtnis stehen, und gibt das Kapital, das diese Mythen verkörpern, dem Verfall preis. Indem sie diese Symbole buchstäblich in eine Schieflage bringt, verleiht sie ihnen nicht nur neue Bedeutung, sondern auch eine neue Sinnlichkeit.

— Pierre Bal-Blanc

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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