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Die Konstruktion der Ruinen des Südens: Eine Anleitung zum Umgang mit Schulden

Dorothee Burr Thompson, Athenean Agora, Athen (1937), Schwarz-Weiß-Fotografie

Das Wort κείμενο (keimeno) hat im Griechischen eine doppelte Bedeutung: Als Adjektiv beschreibt es etwas Gefallenes, etwas Eingestürztes; als Substantiv hingegen ist keimeno das altgriechische Wort für „Text“, für das niedergeschriebene Schriftstück. Im Untergrund der Stadt Athen stapeln sich zahlreiche Schichten aus unterschiedlichen Epochen aufeinander: Griechische und römische Antike, die hellenistische Zeit, aber auch das byzantinische und das osmanische Reich haben in der Vergangenheit der Stadt ihre Spuren hinterlassen. Es verhält sich geradezu so, als ob diese zahlreichen unterschiedlichen Fundamente vergangener Zeiten Fragmente von Texten bildeten, die sich im Untergrund entfalteten. Die Disziplin der Archäologie zeichnet sich dadurch aus, dass sie diese Schichten – oder auch diese Texte – mittels eines Lesecodes zu entziffern weiß. Nicht nur die Materie im Untergrund, auch diejenige der neuzeitlichen Stadt lässt sich durchaus als Text auslegen, an dem sich bestimmte Entwicklungen ablesen lassen. Als das neuzeitliche Athen im 19. Jahrhundert zur Hauptstadt eines noch sehr jungen Staates bestimmt wurde, entschied man sich gezielt für eine ganz bestimmte Lesart aus diesen zahlreichen Palimpsesten. Wie sich gezeigt hat, lässt jedoch auch dieses eine Palimpsest weitaus mehr Lesarten zu als nur die eine, die zunächst beabsichtigt gewesen war. Athen bietet folglich reichlich Material für eine erste, grobe Geschichte seiner Visionen, denn hier kristallisieren sich zeitgleich die Theorie der westlichen Hegemonie, die Desillusionierung des Idealismus, das Ende des Logozentrismus, die Dekonstruktion und – als Kulminationspunkt der jüngsten Athener Geschichte(n) – die postdemokratische Konstruktion des Hegemonialen und damit die Brutalität, mit der das Subalterne als Normalität oder Unausweichlichkeit menschlichen Daseins akzeptiert wird.

Diese Brutalität, die das Hegemonische heute kennzeichnet, bezieht ihre Rigidität direkt aus der Absage an die griechische Antike. Diese Absage an die intermediäre, nicht-existente Welt des antiken Griechenlands – eine Referenz, die noch bis vor Kurzem als unanfechtbar galt – blieb nicht ohne Folgen: Die Gegenwart erscheint in dem Maße als unausweichlich, wie das Potenzial geschwunden ist, alternative Zukunftsszenarien zu entwerfen. Wenn die Gegenwart des neuzeitlichen Athens im Bezug auf eine untergegangene Vergangenheit etabliert wurde, so zeichnet sich die sogenannte Unmittelbarkeit der Gegenwart durch die Auflösung dieser Beziehung aus, die einst als Referenz zwischen der Neuzeit und dem idealisierten Erbe der Antike in Erscheinung trat. Das Imaginäre unseres post-demokratischen Zeitalters formiert sich als die Unmöglichkeit einer Rückkehr zu einem europäischen Staat. Innerhalb dieses Europas mag das antike Griechenland eine nicht besonders interessante Idealisierung repräsentiert haben, doch stand es gleichzeitig als Zeichen für das Unbeständige und bildete folglich eine vielversprechende Negation alles Gegenwärtigen.

Wenn wir heute durch Athen streifen, so stellt sich uns die eingestürzte Materialität der Stadt als ein wirres, nicht entzifferbares Rätsel dar. Wir lesen in dieser Materialität eine Art Prophezeiung, die vom niederschmetternden, aber dennoch heroischen Fall Europas kündet. Zweifelsohne verweist das neuzeitliche Athen auf die große europäische Idee; selbst die Konstruktion der Stadt als etwas „Antikes“ ist diesem europäischen Denken geschuldet. In der eingestürzten Materie, aus der sich die zeitgenössische Stadt zusammenfügt, kristallisiert sich damit der schon lange angekündigte Untergang des Westens. In Ermangelung eines alternativen Lesecodes kündet Athen für uns weiterhin emphatisch von seiner europäischen Vergangenheit wie auch von seiner ungewissen Zukunft. Und wie bereits in der Vergangenheit, so spricht die Stadt auch heute keineswegs mit einer einzigen Stimme, sondern im Chor vieler verschiedener Stimmen. Athen – eine Stadt, deren antiker Name Αθήναι eine Pluralform ist – reiht sich nicht nur ein in eine große Anzahl anderer Metropolen, in ihm kulminieren auch diverse Aspekte des Subalternen, Merkmale jener Länder und Völker, die sich jenseits des Hegemonialen bewegen. Indem die Stadt heute abermals im Gewand des Subalternen daherkommt, eine Geste, mit der sie – zumindest aus Sicht des hegemonialen Westens – ihre ehemalige Führungsrolle ablegt und ihre Souveränität preisgibt, büßt Athen seine überkommene Bedeutung ein, zumal sich der Westen zunehmend weigert, im antiken Griechenland seinen besonderen Vorfahren zu sehen. Der Niedergang dieser Stadt ist dabei wiederum zum Sinnbild geworden und lenkt den Blick auf Fragen, die nicht nur von lokaler, sondern vor allem von globaler Bedeutung sind.

Die erste Begegnung zwischen Europa und Griechenland gestaltete sich als Erfahrung einer Enttäuschung und zugleich als einer Erfüllung, insofern, als sich der Westen voreilig und überstürzt mit der Konstruktion eines halbmythischen neuzeitlichen Griechenlands zufrieden gab. Beides zusammen, die Kombination aus Enttäuschung und Erfüllung, beschreibt ein- und dieselbe Struktur, und zwar die Performanz des neuzeitlichen Athens als Resultat der Wahrnehmung von einer Korrespondenzbeziehung. Sowohl für Europa als auch für Griechenland wurde es zur existenziellen Bedingung, dem Bild von der Vergangenheit Rechnung zu tragen. Angesichts der hohen Erwartungen und des tatsächlichen Ergebnisses dieser ehemals heroischen Begegnung wurde Athen, zumal aus Sicht des heutigen Europas, zu einer Übung in Enttäuschung, nicht zuletzt aufgrund des schwindelerregenden Ehrgeizes und Eifers, mit denen es geplant und errichtet wurde. Die Struktur der Stadt ist das Ergebnis eines immer wieder aufs Neue durchgeführten Versuchs der Wiedererlangung des einst Gewesenen. Heute gibt es nichts mehr, was darauf hindeuten könnte, dass Athen eine Bezugsgröße mit Weltgeltung wäre oder es in naher Zukunft wieder werden könnte. Das Versprechen einer Wiederbelebung des antiken Griechenlands hat sich nicht erfüllt. Dies nicht nur, weil es dem neuzeitlichen Griechenland nicht gelungen ist, dem antiken Erbe Rechnung zu tragen, sondern auch, weil dieses Vorhaben von Anfang an sabotiert wurde. Auch misst der globale Norden Athen nicht mehr dieselbe Bedeutung bei wie einstmals der europäische Westen. Um Athen als besondere Bühne all dieser Konfigurationen einer näheren Betrachtung zu unterziehen, empfiehlt es sich, den Blick nach unten zu richten, auf die Erde und damit auf den „Boden“, aus dem es erwachsen ist und der eine doppelte Lesart der griechischen Hauptstadt eröffnet.

Athen als neuzeitliches Ballungsgebiet ist nicht aus sich selbst heraus erwachsen, es wurde regelrecht erfunden, und nicht nur als ein rein großstädtisches Phänomen; seine neuzeitliche Errichtung gestaltete sich als die Wiedergeburt des Phantoms einer unsichtbaren Stadt. Als der bayerische Prinz Otto, 1832–1862 König von Griechenland, Mitte des 19. Jahrhunderts Athen zur Hauptstadt des hellenischen Staates erklärte und die Architekten Eduard Schaubert und Stamatios Kleanthis mit der Planung beauftragte, hatte er ein Ziel vor Augen: die Ruinen wieder in ihrer vollen Pracht erstrahlen zu lassen. Dieses Unterfangen erforderte jedoch zahlreiche Sprengungen und Zerstörungen. Das, was als ehemaliges Zentrum der einstigen osmanischen Provinzstadt galt – die Spitze des Hügels, um die sich die Monumente reihen, die sich dem Auge heute offen darbieten, sowie das Gebiet nördlich der Akropolis –, zierten vormals etwa vierzig Häuser, die weichen mussten, damit die alten Ruinen wieder in ihrer antiken Pracht erglänzen konnten. Darüber hinaus wurde es notwendig, auch unterhalb der sichtbaren Oberfläche der kleinen osmanischen Stadt archäologische Arbeiten durchzuführen. In diesem Zuge wurden zahlreiche Grabungsstätten „errichtet“, die immer mehr Funde „produzierten“. Die Konstruktion der Vergangenheit wurde unmittelbar nachdem das bayerische Königshaus Athen zur neuen Hauptstadt erklärt hatte in Angriff genommen, und die Architekten Kleanthis und Schaubert trieben mit ihren Plänen die neoklassizistische Inszenierung der Stadt voran. Ähnlich wie die archäologische Erforschung der Stadt scheint es auch bei der Errichtung der neuzeitlichen Hauptstadt darum gegangen zu sein, gleichsam „neue Ruinen“ aus den sichtbaren oder auch unsichtbaren Überresten herauszuschälen. Die antiken Ruinen fanden sich so umrahmt von einer Landschaft der urbanen Leere. Die archäologischen Parkanlagen Athens mit ihren Ruinen zeugen noch heute von der nicht enden wollenden Bereinigungsoperation, die das verzweifelte Ziel verfolgte, immer noch mehr Ruinen ans Tageslicht zu bringen; die heutige Hauptstadt Athen hätte es möglicherweise ohne seine Definition als Feld möglicher Fundstellen nicht gegeben.

Entsprechend scheint es, als ob in Athen das gesamte Stadtgefüge für den Blick eines fremden Betrachters geschaffen worden wäre. Die Existenz Athens war stets einem Anderswo geschuldet. Es ist nicht einer „inneren“ Notwendigkeit erwachsen, sondern präsentiert sich als bewusster und künstlicher Vorschlag der Herstellung einer Relation zu einer spezifischen Örtlichkeit. Die Stadt stellt nicht ein konkretes, autonomes urbanes Gefüge dar, sondern eine narrative Leerstelle wie auch zugleich das System, mit dem diese Leerstelle gefüllt werden kann: ein System, das sich zusammensetzt aus Worten, Sätzen, Ideenfragmenten, Konzeptualisierungen, Katalogen, Indizes, palimpsestierten Narrativen und Mythologien: ein komplexes Inventar von Fragmenten, vermittels dessen sich Athen als mögliches Decodierungssystem für disparate Texte anbietet. Selbst wenn die Stadt heute eine ganz eigene Note des Verfalls entwickelt hat, so markiert sie doch als ein noch nicht gänzlich herausmodelliertes Versprechen – oder ein ominöser Unfall – die Geschichte der Zukunft der Zivilisation.

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Der folgende Streifzug durch Athen beabsichtigt keineswegs, vom Spezifischen auf das Allgemeine zu schließen. Vielmehr möchten wir hier die Materialität der Stadt als „sprechende“ Verdichtung verstanden wissen und diesen Text als kritische Bemerkung zu einem globalen Phänomen, das erstmals über- und unterhalb des Athener Bodens Gestalt angenommen hat. Der vorliegende Kommentar befasst sich zunächst mit den Strukturen und Mechanismen des Vergessens und beleuchtet sie in einem zweiten Schritt in ihrem Verhältnis zur Hegemonie des Westens. Im spezifischen Fall von Athen bietet sich die Betrachtung zweier verschiedener Arten von Boden- und Konstruktionsarbeiten an, um die Mechanismen der Okkupation des Grundes zu lesen: zum einen die seiner archäologischen Ausgrabungsprojekte, zum anderen die seiner infrastrukturellen Entwicklung. Schon zu der Zeit, da Athen von König Otto und seinen Architekten wiederentdeckt wurde, war die Installation einer stetig erweiterbaren Infrastruktur für die Errichtung und Expansion der Stadt besonders wichtig. Folglich erschien es notwendig, die Pläne für das neue Athen den neuesten technologischen Entwicklungen und infrastrukturellen Standards anzupassen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in den Städten des Westens das weitreichende infrastrukturelle Netz in den Untergrund verlegt. Mit der Anbindung der Haushalte an ein System von Netzwerken begann sich der städtische Alltag als Schleife von Wiederholungen zu gestalten. Die Auffassung, die wir vom Alltag haben, ist das Konstrukt der Infrastruktur selbst, die zu ihrer stetigen Ausbreitung und Erweiterung Anspruch auf den Untergrund einer jeden heutigen Stadt erhebt.

Der Architekt Dimitris Pikionis beschreibt in seiner 1954 veröffentlichten Abhandlung Gaias Atimosis1 (Die Entehrung der Erde) die Kollision zwischen den neuen infrastrukturellen Konstruktionsarbeiten und den historischen Funden als einen unglücklichen Unfall, der durch sorgfältige Planung hätte vermieden werden können. Eines jedoch entgeht Pikionis’ scharfem Blick: der systemische Charakter dieses Konflikts, der aufgrund der Entscheidung des bayerischen Königs, eine begrabene Epoche auf dem Wege der Erschaffung einer neuen Stadt glorifizieren zu wollen, in ebendieser Stadt notwendig zur Explosion führen musste. Athen als die neuzeitliche Hauptstadt Griechenlands sah sich unvermittelt Fragen gegenübergestellt, die sich aus der Transformation seines idiosynkratischen Untergrundes zu einem neutralen Feld für die urbane Infrastruktur ergaben. Es fällt auf, dass die Infrastruktur als ein erweiterbares unterirdisches System Parallelen zu archäologischen Ausgrabungsarbeiten aufweist: In beiden Fällen haben wir es mit nicht enden wollenden Unterfangen zu tun, denen es verwehrt bleibt, den Zustand der Vollständigkeit jemals zu erreichen. Es ist das unverkennbare Merkmal der urbanen Infrastruktur, dass sie zu keinem Zeitpunkt den Ansprüchen ihrer Nutzer wird genügen können. Unentwegt weist sie Mängel auf, ihre Dienstleistungen sind schnell überholt und werden immer wieder aufs Neue als unzureichend empfunden. Technische Upgrades, die Integration erweiterter Funktionen und die Erschließung neuer Bereiche treiben ihre stetige Expansion voran, weshalb sie auch immer wieder aufs Neue gewartet werden muss. In demselben Maße, wie die Infrastruktur als endloser Prozess betrachtet werden kann, ist auch die Arbeit der Archäologen vom Verlust der Kontrolle über die Zeit gekennzeichnet. Die fortgesetzten archäologischen Arbeiten, die für nötig erachtet werden, um eine vergangene Epoche gebührend zu repräsentieren, spiegeln das Bestreben wider, einer verlorenen Zeit erneut Gestalt zu geben und sich eine unmögliche Vergangenheit anzueignen. Während die Archäologie mit dieser Zeitstruktur der Endlosigkeit auf die Vergangenheit abzielt, projiziert die Infrastruktur dieselbe Zeitstruktur in Richtung auf eine höchstgradig technisierte Zukunft, ein Ziel, das gleichfalls niemals gänzlich erreicht werden kann. Die Besiedelung des abstrakten infrastrukturellen Raums – zusammen mit der Definition seiner Nutzer – organisiert dieses gängigere, jedoch in gleichem Maße unfertige Projekt. Indem der Archäologie die Aufgabe zugesprochen wurde, Athen ihre Vergangenheit wiederzugeben, während die Infrastruktur ihre Zukunft garantieren sollte, verwandelten sie den Boden der Stadt in ein Konfliktfeld.

Durch die Anpassung sämtlicher Bereiche des urbanen Lebens an die Vorgaben der Infrastruktur gestaltet sich das Alltagsleben zu einer direkten Erfahrung dieser Systeme selbst. Wenn der Westen aus einer besonderen Beziehung zu einer Idee von seiner Vergangenheit hervorgegangen ist, so beginnt die Ära des globalen Nordens mit der Kapitulation vor der Infrastruktur. Athen bildet den Knotenpunkt, an dem diese zwei nicht-realisierbaren Zeitlichkeiten kollidieren, und das Geschehen im Athener Untergrund zeugt von der Schwierigkeit, zwei gleichermaßen idealisierte und unerreichbare, jedoch ihrem Wesen nach grundlegend verschiedene Zeitlichkeiten miteinander in Einklang bringen zu wollen. Die Erfahrung der Endlosigkeit in beiden Bereichen hat ein Konzept der Unerfüllbarkeit zur Folge. Wir machen hier einen Drei-Stufen-Prozess aus, der direkt aus dem Einwirken auf die Erde und dem dadurch entstandenen Schaden herrührt. Die Stadt verliert zunächst die Welt, die ihr versprochen wurde und nach der sie gesucht hat, wird aber gleichzeitig auch daran gehindert, in eine mögliche planbare Zukunft zu investieren. Zu guter Letzt beschreibt das Unvermögen, der zweifachen Zeitstruktur ihres Untergrunds gerecht zu werden, Athen als Möglichkeitsraum für eine alternative Gegenwart. Mit anderen Worten: Das Geschehen an der lebendigen Oberfläche der Stadt könnte dazu beitragen, den Konflikt in ihren Tiefen zu überwinden. In Athen bestimmt heute ein deterritorialisiertes System von Datenflüssen die lokalen Eigenschaften einer aktualisierten Infrastruktur neu und setzt schließlich dem dramatischen Kampf zwischen den Mechanismen des Ausgrabens und denjenigen des Installierens ein Ende.

In der Tat: Das heutige Athen kann als ein Unfall der globalen Infrastruktur gedeutet werden, auf dessen Basis sich die Stadt neu verorten muss und kann. Athen ist nicht mehr nur Umschlagplatz für Investitionen in seinen Untergrund. Dies zum einen, weil archäologische Projekte nicht mehr im gewohnten Maße gefördert werden und auch in der imaginären Institution Öffentlichkeit nicht länger die Zustimmung von einst finden. Zum anderen weist die Infrastruktur der Stadt vermehrt Zeichen der heutigen hegemonialen Strategien auf, die die Idee des gemeinschaftlichen Nutzens, eines der grundlegenden Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft, nunmehr der Logik des Neoliberalismus unterwerfen. In diesem Zuge wandelt sich auch die Infrastruktur zu einer kapitalistischen Maschinerie. Ist es einst ihre Aufgabe gewesen, die Wasser- und Stromversorgung zu organisieren, so besteht heute das wesentliche Aktionsfeld der Infrastruktur im Verwalten von Informationen, die nicht zuletzt der Regulierung des Kapitalflusses dienen. Wo Geld zur elektronisch übertragbaren Information wird, da wächst der Infrastruktur, indem sie in den Stand gesetzt wird, diesen Fluss zu blockieren, eine inhärente Straffunktion zu. Die neue Macht des globalen Nordens rührt aus der Fähigkeit zur Regulierung dieser Datenflüsse her, indem sie ihm erlaubt, die subalterne Stadt von den Privilegien der Infrastruktur auszuschließen oder sie von den Rändern ihrer Mechanismen her zu attackieren und zu bestrafen.

Vor dem Hintergrund des aktuellen Geschehens lenkt die Auseinandersetzung mit der Gründungsgeschichte des neuzeitlichen Athens als Hauptstadt eines neu gegründeten Staates den Blick auf die weiterreichenden Strukturen des hegemonialen Westens und verdeutlicht gleichzeitig die Mechanismen der Herausbildung des globalen Nordens. Vor dem Hintergrund jeder Betrachtungsweise war Griechenland immer angesiedelt an der Demarkationslinie zwischen zwei entgegengesetzten Sphären, die das hegemoniale Narrativ definiert und konstruiert. Weder war das Land jemals ganz aus der hegemonialen Sphäre ausgeschlossen, noch hat es jemals gänzlich der subalternen Sphäre zugehört. Weder war das neuzeitliche Griechenland jemals ein östliches oder orientalisches Land, noch repräsentiert es ein durchschlagendes Beispiel für den heute randständigen Süden. Athen war vielmehr lange Zeit die Stadt, aus der der Westen seine – wenn auch nur symbolische – Legitimation bezogen und anhand deren er sich als Gegenpol des Ostens definiert hat; dies ungeachtet der Tatsache, dass Athen bis ins frühe 19. Jahrhundert eine Stadt dieses Ostens gewesen ist. An der Nahtstelle zwischen Nord und Süd verortet sich Griechenland an einem Punkt, an dem die Fäden des globalen Netzes auseinanderreißen, und damit in einer Position, an der sich eine neue geografische Ordnung formieren kann. Was bleibt, ist die Aufgabe, die exakte Position des Landes innerhalb dieser neuen Ordnung zu definieren, etwa in Regulation seiner Beziehung innerhalb einer globalen Infrastruktur, die einen neuen Typus der Modernisierung und Kolonisierung hervorgebracht hat.

Wenn wir hier Athen zu verorten suchen, indem wir den Boden der Stadt fokussieren, so stellt sich dieser Boden als weitaus zu abstrakt und generisch dar, als dass er lediglich vor dem Hintergrund lokaler Gegebenheiten zu fassen wäre. Wenn keimeno das Wort ist, das sowohl gestürzte Materie als auch eine liegende Spur beschreibt, so gleicht ein Spaziergang durch Athen einem Leseakt, der dem aufmerksamen Flaneur auferlegt wird. Ein Text kann niemals als Ganzes erschlossen werden, nicht mehr sein als eine flüchtige Referenz zu einer sich stetig ändernden Bedeutung außerhalb seiner selbst. Dem Blick des aufmerksamen Spaziergängers entgeht folglich auch nicht die Tatsache, dass dieser Boden verschuldet ist. Aber um welche Art von Schulden handelt es sich konkret? Was schuldet ein Athener Bürgersteig? Athen hat noch aus den Zeiten seiner Gründung als Hauptstadt des neuen Griechenlands eine Bringschuld zu leisten, insbesondere gegenüber den Überresten aus seiner Vergangenheit. Es hat überstürzt und voreilig das Gewand des Städtischen über seinen Ruinen bergenden Boden geworfen, weshalb heute die asphaltierten Straßen und Bürgersteige mehr als nur die Enthüllung zahlreicher Ruinen und Fundstücke schulden. Wenn wir heute den Boden Athens als Bühne für die Entfaltung der aktuellen Lebenswirklichkeit der Stadt begreifen, so drängt sich eine weitere Referenz auf: Jacques Derridas leitmotivischer Satz „Nous nous devons à la mort“ (Wir schulden uns dem Tod) aus seiner Abhandlung Demeure, Athènes (1996; dt. Bleibe, Athen, 20102). (Dieser Exkurs Derridas in die Fotografie und seine Gedanken über die Stadt könnten ebenso als eine Performanz der Ruinen gedeutet werden.) Aber ein Akt, der sich unterhalb des Stadtbodens vollzogen hat, beschreibt nicht nur ein idiosynkratisches Moment innerhalb einer Gegenwart, die sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft negiert; dieser Akt bezieht sich auch auf eine sichtbare Oberfläche und auf einen bestimmten Moment in ihr. Folglich verweist er auf eine andere Tradition der Fundstücke und eröffnet eine neue Perspektive auf eine anders geartete Infrastruktur – ein Akt also, der die globalen Fragestellungen komprimiert, die der lokale Boden aufwirft.

Es ist offensichtlich: Die Infrastruktur Athens liegt im Widerstreit mit der Idealisierung seiner Ruinen, und die zahlreichen Relikte behindern das Wachstum der Infrastruktur, versperren ihr den Weg. Einige Meter unterhalb der begehbaren Straßen spielt sich ein unsichtbarer Krieg ab, der einen der heutigen Kultur inhärenten Konflikt beleuchten kann. Die Ruine und die Infrastruktur stehen für zwei Systeme, die zwei gänzlich unterschiedliche Vorstellungen vom Heutigen bestimmen. Der Athener Untergrund hat als Bühne für die Austragung dieses Konflikts gedient; heute stellt er sich uns als eine noch immer unbeantwortete Frage dar, die nun auf die Oberfläche der Stadt verweist. Die Athener Archäologie hat eine Sichtweise methodisch organisiert, mit dem heute jedes beliebige Objekt fokussiert werden kann: Alles, was die Stadt zu bieten hat, kann als ein zu inspizierendes Fundstück betrachtet werden, jedes noch so banale Element der Stadt eröffnet die Möglichkeit einer Investigation. Die Archäologie mag sich aus Athen verabschieden, doch sie kehrt wieder als System von Katalogen und Archiven, Matrizen und Einträgen. Das Scheitern der Archäologie ist eine Erfahrung purer Kunst, sofern es so etwas wie pure Kunst überhaupt geben kann.

Die ersten, die sich abschätzig über die archäologischen Funde in Griechenland äußerten, waren griechische Intellektuelle, deren Texte sich jeglichem Versuch widersetzen, sie als Anhänger des orientalischen Erbes oder des konservativen griechisch-orthodoxen Christentums einzuordnen. Ganz im Gegenteil: Das Denken dieser Kritiker ist durchweg maßgeblich von der europäischen beziehungsweise der westlichen Tradition geprägt. Der Dichter und Kunsthistoriker Nicolas Calas, 1907 in Lausanne geboren, schlug in seinem 1933 veröffentlichten Gedicht „Akropolis“ als einer der Ersten die Zerstörung des Parthenons vor. Der Dandy Georgios Makris, ein äußerst eigensinniger Intellektueller und Dichter, veröffentlichte gleichfalls ein Manifest, in dem er die Sprengung sämtlicher antiken Monumente und Statuen einforderte: „Unser Ziel ist die Zerstörung des Parthenon, denn letztlich möchten wir nichts anderes als ihn der Ewigkeit übergeben, welche ein unbewusstes standardisee [sic] Fließen ist und auf mannigfaltige Weise Materie erzeugt, die wir zu Unrecht als Chaos bezeichnen.“3 Die Perspektive, die sie einnehmen, spiegelt einen bestimmten Aspekt westlicher Modernität wider und evoziert unwillkürlich Georg Lukács’ Konzeption der „transzendentalen Obdachlosigkeit“. Anhand dieses Begriffs unternimmt Lukács den Versuch einer Kritik der deutschen Romantiker wie auch der Schriftsteller seiner Zeit, die in ihren Texten nach einer verlorenen Heimstatt oder einem „verlorenen Paradies“ suchten. Der Vorschlag von Calas und Makris befürwortete eine Ästhetik, die sich niemals mit einem vorgegebenen Wert begnügt und sich jeglichem Versuch, das Selbst über das Heimische zu definieren, verweigert.

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In der zunächst großen und anschließend leeren Athener Landschaft des 19. Jahrhunderts wurden drei emblematische Orte zu Eckpunkten des Dreiecks der neuzeitlichen Stadt, wie sie von Kleanthis und Schaubert visioniert wurde. Das Dreieck war geometrisch so ausgerichtet, dass es den Blick des Betrachters auf seine Spitze, also direkt auf die Akropolis, lenken sollte. Die anderen zwei Punkte bildeten der antike Friedhof Kerameikos und der Königspalast des bayerischen Prinzen – der heute das griechische Parlament beherbergt –, beides Standorte, von denen aus sich ehemals eine ungehinderte Sicht auf die Akropolis bot. Mittels dieser Geometrie wurde folglich eine direkte Verbindung zwischen der neuen Hauptstadt und den antiken griechischen Ruinen hergestellt. Das Dreieck organisiert die Stadt in Referenz zu den Überresten aus der griechischen Antike, als materielle Inszenierung des griechischen und auch europäischen Ursprungs. Der emblematische Verweis auf Athen als Ursprung der europäischen Zivilisation sollte die zeitgenössischen griechischen Bürger mit den europäischen Königshäusern, die über sie herrschten, vereinen.

Die Weichen für eine Konfrontation zwischen dem Hegemonialen und dem Subalternen werden gestellt, sobald der Fremde seinen Blick auf diese Landschaft richtet. Denn nun wird der fremde Blick zum medizinischen Werkzeug, das bereit ist, einen invasiven Eingriff durchzuführen. Dieser Blick verfolgt ein Ziel: die symbolische Rekonstruktion des urbanen Gefüges als Installation seiner selbst. Die Operation gestaltet sich in Form einer hypothetischen Demontage des Machtlosen im Interesse der Installation des Mächtigen, in unserem Fall der Ersetzung osmanischer Symbole durch solche eines Euro-Hellenismus. Allerdings handelt es sich hierbei um weitaus mehr als nur um einen gewöhnlichen Machtwechsel. Hier wird das „Reale“ dem „Idealen“ geopfert, das Materielle dem Immateriellen, das Sichtbare dem Unsichtbaren. Dieses Muster vollzieht sich so lange, bis alle Unterschiede unwiederbringlich aufgehoben sind. Der Idealismus hat sich als äußerst wirksames Mittel bewährt, um die Rolle Athens unter einem bayerischen Regenten als Hauptstadt Griechenlands zu festigen. Die Verortung Athens innerhalb eines deutschen Kontextes hat sich zudem weitaus einfacher gestaltet, als es vor dem Hintergrund eines lokalen Kontextes möglich gewesen wäre. „Alle Völker, die eine Geschichte haben, haben ein Paradies, einen Stand der Unschuld, ein goldnes Alter“, konstatierte Friedrich Schiller in seiner 1795 in der von ihm herausgegebenen Monatszeitschrift Die Horen – die für die deutschen Romantiker wegbereitend wurde – veröffentlichten Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“4, bevor er zu dem Schluss gelangte: „Alle Wirklichkeit bleibt hinter dem Ideale zurück“. Im Fall von Athen erfolgte die Rekonstruktion der Antike zeitgleich mit der Geburt der Stadt als neuzeitlicher Metropole.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Dominanz des Nordens über den Süden sich als Kluft zwischen den Mächtigen und den Machtlosen konstituiert, so steht diese Trennlinie, mittels deren die Welt in zwei Sphären eingeteilt wird, ebenso für die materielle wie für die geografische Dimension dieses Dominanzverhältnisses. Anders als in Tijuana jedoch, wo eine geografische Grenze – die zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko – den Übergang von der einen Sphäre in die andere markiert, gibt es in Griechenland keinerlei physische Grenze, die diese Trennung als solche kenntlich machen würde. Der Riss, der sich durch Athen zieht, konstituiert vielmehr ein abstraktes freudianisches Duo, ähnlich der Dominanzbeziehung zwischen Vater und Sohn. Der „Vater“ fungiert in Athen jedoch nicht als eine Referenz, die auf eine natürliche Person rekurrierte und dem Selbst eine bestimmte Eigenwahrnehmung auferlegte. Der „Vater“ ist nicht jemand, der benennt, Gesetze erlässt und die bestehende Weltordnung aufrechterhält. Ganz im Gegenteil: Diese Vaterfigur bezieht ihre Benennung aus einer anderen Ordnung. Wenn das Rekurrieren auf eine Vaterfigur eine notwendige Voraussetzung im Identifikationsprozess des Selbst darstellt, so ist sie im Fall von Athen nicht gegeben. Die Situation ist hier eine andere als etwa im Rom unter Mussolini, wo sich derartige patriarchale Beziehungsgeflechte um eine natürliche Person entsponnen. Der Versuch, der eigenen Stadt eine eindeutige, ununterbrochene Herkunftslinie zuzuschreiben, wird in Athen auf eine vollkommen andere Weise umgesetzt. Die Beziehung zu einem Vorfahren wird mittels eines von außerhalb aufoktroyierten Konstrukts etabliert, weshalb wir dieses Vorgehen als Transplantation einer ideosynkratischen Erinnerung deuten möchten. Wir können beobachten, wie der Einheimische eingeladen wird, sich in das Kostüm des europäischen Vaters zu kleiden, der sich die fremdfabrizierte Gestalt des antiken griechischen Vorfahren anverwandelt hat. Der Einheimische findet sich nun unwillkürlich an dieser seltsamen Vaterfigur gemessen, die zu einem in vielerlei Hinsicht abwesenden Patriarchen geworden ist.

Das Athener Projekt einer Vater-Adoption und die damit einhergehende Konstruktion eines überzeugenden Narrativs könnten die „Deterritorialisierung des Einheimischen“ betitelt werden. Dies hätte ein durchaus interessantes Projekt sein können, wäre es mit der Weigerung einhergegangen, den „Vater“ in seinem oben beschriebenen Auftreten als solchen anzuerkennen. Doch auch so können wir diesem pervertierten Blick auf die Vergangenheit durchaus etwas Positives abgewinnen: Die Athener lernen nicht nur nach und nach, ihre Umgebung mit den Augen eines Fremden zu betrachten, sie beginnen auch, ihr denselben Wert beizumessen wie jener. Allerdings nimmt dieses Projekt eine unvorhergesehene Wendung: Diese Trennung von der vertrauten Erfahrung der eigenen Umgebung bildet das erste Glied in einer Kette von Enttäuschungen, die in Analogie zu der berüchtigten Reise Hyperions ins eigene Land betrachtet werden kann. Da es sich um eine bewegungslose Reise handelt, ist die damit einhergehende Enttäuschung vorherbestimmt; diese Reise wird sich als Fehler in das Bewusstsein einschreiben, als Deterritorialisierungserfahrung des Selbst.

Nicht zuletzt ist die Ursache für die dramatische Zurschaustellung der Enttäuschung über die Performanz des zeitgenössischen Griechenlands in dieser eigenwilligen Konstruktion zu suchen, die aus dem Land eine Projektionsfläche Europas machte. Diese Konstruktion ging mit einer Entwurzelung aus vertrautem Grund einher, die jedoch von gänzlich anderer Art ist als die von Oswald Spengler zu Beginn des 20. Jahrhunderts angekündigte.5 Während Spengler die Entwurzelung des westlichen Menschen in der Ablehnung jeglicher Tradition begründet sieht, ist die Entwurzelung der heutigen Griechen auf die Tatsache zurückzuführen, dass ihr Land als amateurhafte Reinszenierung der antiken Tradition in die Neuzeit eingeführt wurde. Es ist eine Reinszenierung, die die Vielfalt der bestehenden lokalen Traditionen leugnet und mit Eifer darauf bedacht ist, sie durch eine einzige Tradition, und zwar eine klassisch-europäische, zu ersetzen.

In den Ruinen der Insel Makronisos, wohin unter den diktatorischen Regimen des 20. Jahrhunderts politische Dissidenten verbannt wurden (die Bezeichnung der Insel als „neuer Parthenon“ war unter den Obristen geläufig; sie diente dazu, im Offiziersjargon die militärischen „Rehabilitationsprogramme“ der späten 1940er Jahre während der Regierungszeit von Themistoklis Sofoulis zu umschreiben), findet sich in einem ehemaligen Polizeihauptquartier immer noch die Aufschrift Η ΤΑΝ Η ΕΠΙ ΤΑΣ (sinngemäß: [Kehre zurück] entweder als Sieger oder tot). Für die neuen Griechen sind die alten Vorfahren mehr als nur Rollenmodelle; sie repräsentieren die Abstammungslinien, die es auf Leben und Tod zu verteidigen gilt. Und dennoch wäre es fatal, zu ignorieren, dass dieser übertriebene Nationalstolz auf einen europäischen Grundgedanken zurückzuführen ist: auf das Bestreben, einer globalen kulturellen Tradition einen spezifischen Ort zuzuweisen, um sie sodann in eine Kultur dieses Ortes zu transformieren. Hierdurch wird es unmöglich, eine sichere Aussage über diesen Ort zu treffen. Wenn „Griechenland“ der Name für das Konzept eines Europas der Texte und Ruinen ist, so erscheint es notwendig, den Blick auf den Unterschied zwischen der immateriellen Präsenz der Texte und der allgegenwärtigen materiellen Präsenz der Athener Ruinen zu richten, die wir lesen als Zeichen des Verfalls und folglich als Negation einer idealen Konfiguration des antiken Griechenlands. Die Beflissenheit, mit der Europa den Versuch unternommen hat, einen Ort bar jeder lokalen Eigenschaften zu konstruieren, mündete schließlich in einen neuen Typus des konservativen Regionalismus: Der universelle Charakter des antiken Griechenlands, den Europa angestrebt hat, hat wurde vom neuen Griechenland als lokales Privileg der Glorifikation dieser besonderen Vorfahren interpretiert.

Eduard Schaubert und Leo von Klenze, Plan der Neustadt Athen (1833), Feder, 46,9 × 61 cm. Staatliche Graphische Sammlung München

 

Die Archäologie, als eine Disziplin, die es versteht, Idealisierungen zu konsolidieren, indem sie aus einigen Bruchstücken Marmors ganze Welten aufleben lässt, hat wesentlich dazu beigetragen, diese Referenzbeziehung zwischen der Neuzeit und der Antike zu etablieren. Zwar mag die Tatsache, dass die Griechen die Idee einer besonderen antiken Tradition nicht nur annehmen, sondern geradezu für sich beanspruchen, auf den ersten Blick nicht allzu sehr erstaunen, entspricht sie doch den international anerkannten Referenzen, aus denen Staaten ihre Legitimation zu beziehen suchen (und auf deren Basis sie auch die dazugehörigen Mythen erzeugen). Doch ist es gerade diese ungewöhnliche Aneignung einer konstruierten europäischen „Vaterfigur“, die die Quelle für das große Leid der heutigen Griechen bildet. Wenn heute die Griechen die Fragmente einer antiken Kultur für sich beanspruchen, so wird die europäische Weigerung, ihrer Abkunft aus einer Traditionsbindung, der künstlichen Adoption einer Vaterfigur noch irgendeine Signifikanz beizumessen, in ihr Gegenteil verkehrt: Das neuzeitliche Griechenland hat diese Verwandtschaftsbeziehung unbedingt bejaht und sich vollkommen mit einem „Vater“ identifiziert, dem seine Familie bereits in den höchsten Tönen huldigte, noch lange bevor er seinem angeblichen Kind vorgestellt werden sollte.

Der Übergang von der Hegemonie des Westens zu der Hegemonie des Nordens geht mit einem Trauerfall einher, mit der schmachvollen Unterdrückung alles dessen, was einst den europäischen Logos begründet hat. Jegliche Verbindung zur Tradition wird abgelehnt, nicht zuletzt deshalb, weil die Imagination des Westens an das Konzept der Obdachlosigkeit oder Unbehaustheit gekoppelt ist. Die Empfindung des Verlusts einer Heimstatt als eines Ortes oder Grundes, an oder auf den man immer wieder zurückkommen kann, und das damit verbundene Gefühl der Ohnmacht sind zur grundlegenden Erfahrung des westlichen Menschen geworden. Das Bewusstsein, ein unbedeutender Teil eines unbeständigen und launenhaften Planeten zu sein und dabei nicht viel mehr als den Logos als Gegenwehr zu haben, wird als grundlegende Orientierungslosigkeit erfahren. Erst das Rekurrieren auf einen fernen, niemals zu erreichenden Ort, der allgemein als der ursprüngliche Herkunftsort anerkannt ist, konnte hier Abhilfe schaffen: Daher Griechenland. Für Europa war der Verlust des Originals auf dem Wege einer institutionalisierten Distanzierung essenziell dafür, sich formieren und existieren zu können. Für Griechenland, das durch diese Projektion auf das Original gestoßen ist und seinen Ursprung wiedergefunden hat, bedeutete dies die Aufhebung jeglicher Distanz. Ebendies könnte der Grund dafür sein, dass es dem Land nicht gelingt, wahrhaft europäisch zu sein. Und in der Tat, es ist nicht so, dass sich Hesperien verzweifelt nach der griechischen Vergangenheit gesehnt hätte, um die Lücke in der eigenen Herkunftsgeschichte zu schließen. Eher bedurfte es des Bildes und dann der materiellen Existenz von Ruinen aus einer fernen Zeit, um im westlichen Denken die Wahrnehmung einer Lücke in der Herkunftsgeschichte erst zu etablieren.

Philippe Lacoue-Labarthe nimmt diesbezüglich Stellung, wenn er sich auf Friedrich Hölderlin, den großen Dichter Hesperiens, bezieht. Hölderlin hat nicht nur das Bild vom antiken Griechenland infrage gestellt, er hat auch erstmals die Suche nach der Antike als Leugnung eines sich herausbildenden urbanen Raums gedeutet. Während der Westen nach der Wiedererrichtung eines verlorenen Ideals strebte und den Alltag missachtete, bezieht der Norden seine Macht aus ebendiesem Alltag, indem er ihm seine Infrastruktur aufzwingt. Indem die Organisation des Alltagslebens zum höchsten Ziel erklärt wird, wird der globale Norden zum Synonym für die Infrastruktur selbst. Zwar mögen wir denken, dass die Infrastruktur lediglich ein System zur Vereinfachung des städtischen Lebens ist, ein komplexes Netzwerk zur Regulierung der Wasser- und Stromversorgung. Wir mögen auch gemeinhin annehmen, dass die Durchführung regelmäßiger Wartungsarbeiten die einzige Voraussetzung dafür ist, dass sie intakt und funktionstüchtig bleibt. Doch gleichzeitig beobachten wir, wie dieselbe Infrastruktur durch ihre enge Beziehung zum Norden und folglich zur hegemonialen Ordnung eine Herrschaftsrolle übernimmt. Es ist nicht zu verkennen, wie immer mehr Regionen, indem sie sich den interaktiven Plattformen der Infrastruktur, den vernetzten Datenströmen und Logistiken des ruhelosen Kommerzes übereignen, vom Norden vereinnahmt werden.

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Die zwei gegensätzlichen Leitideen, die wir im Untergrund des neuzeitlichen Athens ausmachen, forderten von einer kleinen osmanischen Siedlung die Transformation in eine neuzeitliche Stadt. Der Versuch, dieser Forderung zu entsprechen, zog zwei verschiedene Formen der Deterritorialisierung nach sich. Entsprechend der Logik der ersten Leitidee, die nach einer unmöglich zu realisierenden Performanz der Vergangenheit strebte, gelangten versunkene Gegenstände und Gebäude mittels archäologischer Ausgrabungen wieder an die Oberfläche. Dieses westliche Ritual, Verschollenes zu bergen, kam einer absurden Obsession gleich, auf die wir nicht nachdrücklich genug hinweisen können: Das Bestehende und das Sichtbare wurden in solchem Maße negiert, dass selbst eine weitflächige Zerstörungsaktion kein Hindernis für das archäologische Vorhaben darstellte. Ganze Häuser-, Laden- und Straßenzeilen wurden dem Erdboden gleichgemacht, um einige leblose Fragmente wieder ans Tageslicht zu befördern. In diesem Akt der Zerstörung wurde die Unzulänglichkeit der sichtbaren Materie greifbar, ihre Unfähigkeit, den Erwartungen des fremden Blicks zu genügen. Wenn wir folglich behaupten, dass die Archäologie mit ihrer Manie der Glorifizierung des Verlorenen der Obdachlosigkeit und dem Niedergang huldigte, so ist dies durchaus auch wörtlich zu verstehen. Die Macht der verborgenen Ruine, eine vollständig fingierte Welt heraufzubeschwören, begründete die Entfremdung von dem Grund, aus dem das Sichtbare erwuchs. Dieser Prozess des heimlichen Aneinanderreihens von Fundstücken hat die abwesende Welt nicht zur Anschauung gebracht, aber er hat die „wirkliche“ Welt beseitigt. Indem sie das Bestehende ablehnte und dem Unbewohnten – den Ruinen – den Vorzug gab, hat sich die Archäologie zu einer subversiven Macht entwickelt, die es versteht, ein ganzes überkommenes Wertesystem zu zersetzen.

Auch die zweite Leitidee, die von der ständigen Erweiterung der Infrastruktur, gründet im Unterirdischen; allerdings operiert sie mit gänzlich anderen Verfahren und definiert den Boden ihrer Logik entsprechend neu, wodurch ein zweiter Prozess der Deterritorialisierung und Entfremdung initiiert wird. Schon ein relativ einfaches Systems zur Regulierung der Wasserversorgung beispielsweise hat Auswirkungen auf das Sozialleben in einer Stadt. Dadurch, dass nunmehr mehrere Haushalte als separate Einheiten gleichzeitig mit Wasser versorgt werden, verliert die Quelle, oder die Ressource im Sinne eines „Gutes“, ihren ursprünglichen Charakter als Ort der Performanz des Sozialen. Die Indienstnahme der Infrastruktur im Interesse der Gemeinschaft verkehrte sich paradoxerweise in ihr Gegenteil, indem sie das Gemeinschaftsleben zerstörte und Treffpunkte obsolet werden ließ, an denen sich das soziale Miteinander entspann und die sozialen Strukturen des Alltagslebens sich herausbilden konnten.

Das zweifache anthropogene Einwirken auf den Untergrund von Athen führte nicht zuletzt zu einer veränderten, idiosynkratischen Form des Umgangs mit Spuren, Fakten und Archiven. Es dürfte wohl kaum eine andere Disziplin geben, die in solchem Maße der Spur huldigt wie die Archäologie. Einzig die Kriminologie mit ihrem Repertoire von Zeremonien und Ritualen des Verzeichnens, Archivierens und Kombinierens, mit dem sie jede noch so kleine Spur zelebriert, könnte in dieser Hinsicht mit ihr konkurrieren. Man könnte sagen, die Kriminologie bediene sich zur Ergründung eines kriminellen Vorgangs oftmals der Methoden der Archäologie, während die Archäologie sich auf die kriminologische Ergründung des Vergangenen konzentriert. Beide Disziplinen untersuchen Hinweise und Spuren und wenden ähnliche methodologische Verfahren an.

Entsprechend findet sich auch die Geschichte der Stadt Athen dokumentiert in zwei verschiedenen Arten von Archiven, in denen aus disparaten Einträgen bestehende Datensätze gesammelt werden. Das erste Archiv beinhaltet Projektberichte, Ausgrabungstagebücher, fotografisches Material und Zeichnungen, die die archäologische Vorgehensweise veranschaulichen. Im zweiten finden sich detaillierte Daten zur Planung und Konstruktion des urbanen Netzwerks, dessen Expansion und Wartung sowie Darstellungen des technischen Gesamtwerks, das zu seinem Funktionieren notwendigerweise eines Arbeitsgedächtnisses seiner selbst bedarf. Diese zwei Archivversionen von Athen, die in demselben Boden entworfen wurden, spiegeln die schizophrene Wahrnehmung des heutigen unsichtbaren Untergrundortes wider, der zweifach erfasst und dokumentiert worden ist. Listen und Indizes, erstellt zur Strukturierung einer besonderen Vergangenheit oder der Entwicklung neuer Technologien – beides dem Boden fremd – werden aufbewahrt, damit das urbane Leben in Athen immerfort weitergeplant werden kann. Auch sie zeugen von der Obsession, mit der hier zwei Utopien vorangetrieben werden: zum einen das Wiederauflebenlassen einer ersehnten Welt, zum anderen die Zukunftsvision eines immer komplexer durchtechnisierten Alltagslebens und seiner Verteilungsstrukturen. Die Archive der Stadt reflektieren die imaginierte Konfiguration zweier Logiken und deren Spuren. Die Grundlegung des Unterschieds zwischen dem Westen und dem globalen Norden erfolgte demnach bereits Mitte des 19. Jahrhunderts – in den Tiefen der Stadt Athen.

Wir könnten diese zwei Arten von Archiven auch als zwei unabhängige Literaturen unterschiedlicher Stoßrichtung lesen, die noch einer genaueren Definition bedürfen. Während die Archäologie regelrecht darauf versessen ist, jede noch so kleine Spur aus der Vergangenheit penibel zu dokumentieren, um einer verwüsteten Fläche Monumente abzutrotzen, ist für die Infrastruktur der Boden eine indifferente Leerstelle, in der sie sich nach Belieben entspinnen kann. Zwar beinhalten die Archive der Infrastruktur gleichfalls Materialien, die einen vergangenen Zustand dokumentieren – so verzeichnen sie etwa akribisch alle Konfigurationen, Elemente und Zustände des Netzwerksystems, die einmal bestanden, irgendwann ersetzt wurden oder später hinzukamen –, doch ist sein funktionelles Moment als eine Operation des Systems selbst konstruiert. Der Pegel innerhalb eines Netzwerkknotens im System der Wasserversorgung oder auch die Strommenge, die ein bestimmtes Gebiet zu einem bestimmten Zeitpunkt über das System abfragt, sind die entscheidenden Informationen, die das System in jedem Augenblick kontrollieren – genau in dem Moment, da sie automatisch erfasst und archiviert werden. Ändern sich die Daten, ändert sich auch der Regulierungsmodus. Messung, Nachrichtenübertragung und Rückkopplung in Form vom Informationstransfer selbst ausgelöster automatisierter Reaktionen auf die jeweiligen Funktionsbedingungen: Das ist das ungreifbare Prinzip einer Infrastruktur, deren technische Gegebenheiten einen immer höheren Immaterialitätsgrad annehmen, zumal da der Boden Athens, dieser dunkle und neutrale Raum, der sie einst bereitwillig aufgenommen hat, seit einiger Zeit im Begriff ist, durch einen noch weiter entfernten Raum ersetzt zu werden: den Himmel. Heute werden die Datenflüsse vermehrt über Satelliten geleitet und geregelt, ein Vorgehen, das seinerseits den Prozess der Deterritorialisierung fortsetzt. Information zirkuliert als nicht lesbarer Text, der, kaum erstellt, schon wieder gelöscht wird. Dieser neue infrastrukturelle Text ist kodiert und materielos, und obgleich wir es mit einer neuen, immateriellen Konstruktion über dem modernisierten Athener Boden zu tun haben, bei der Hochfrequenzstrahlung und Satelliten an die Stelle der einstigen Technologien der Ventile und Siphons getreten sind, so dient doch auch sie demselben Ziel. Nach wie vor wird ein unsichtbares Hilfssystem auf unsichtbare Art und Weise ausgeführt, damit der Alltag reibungslos funktionieren kann.

Innerhalb der Infrastruktur einer Stadt fließt jede Spur, die von den Nutzern hinterlassen wird, in die Strukturen eines laufenden übergeordneten Prozesses ein, bei dem jeder Vorgang mit Lieferung der Leistung sofort wieder aus dem System gelöscht wird. In Athen jedoch hat die Archäologie bestimmte Kriterien für subterrane Arbeiten festgesetzt, die sich mit einer Kultur des Löschens, wie sie die Infrastruktur pflegt, nicht vereinbaren lassen. Die Kollision ist unvermeidlich, da das Löschen von Spuren eine systemische Notwendigkeit für die Funktionstüchtigkeit der Infrastruktur bildet. Es ist die Bürde der Infrastruktur, dass sie sich ständig selbst erneuern muss, ohne dass sich dabei ihr Wesen ändert. Die Zeit der Infrastruktur ist die der Eingabe und Verarbeitung von Daten, während im Hintergrund ihre Protokolle ununterbrochen weiterlaufen. Das Städtische und die Infrastruktur werden in dem Maße deckungsgleich, wie das heutige Stadtleben zunehmend als Vollzug des Spurenlöschens organisiert wird. Der Alltag wird zum durch die Wiederholung immer gleicher Vorgänge strukturierten Feld, frei von jeglichen erinnerbaren Merkmalen. So wird die Infrastruktur selbst wieder strukturiert durch die Löschvorgänge, die den Repetitionen der Stadt folgen. Die Art und Weise, nach der die Regulierungsparameter festgesetzt werden, damit ein Netzwerk entsprechend bestimmten Vorgaben operieren kann, erlaubt es, eine Reihe einfacher Funktionen zu definieren, die das Erinnerte jedoch nicht als Ereignis zu werten vermögen. So wird es möglich, dieselben Vorgänge auch unter veränderten Bedingungen durchzuführen und ein- und dasselbe Raster mit unendlich vielen unterschiedlichen Mikrofakten zu füllen, die unendlich überschrieben und somit vergessen werden können. Anders ausgedrückt: Wo das Entfernen von Spuren den Modus operandi zu konstituieren beginnt, da entsteht ein neues Konzept des Funktionierens.

Der globale Norden zeichnet sich heute durch die unendliche, jedoch systematische Expansion seiner Infrastruktur aus, ein regelrechtes Imperium, das die menschliche Zeit vereinheitlicht, um sie den eigenen Kriterien entsprechend neu einzuteilen. Je weniger es einem Laien möglich ist, die einzelnen Funktionen der Systeme nachzuvollziehen oder zu kontrollieren, desto mehr wächst die Macht des Nordens. Zugleich weichen auch die Grenzen zwischen den einzelnen Lebensbereichen immer mehr auf, sobald diese Bereiche auch nur ansatzweise in die Systeme der Infrastruktur integriert werden. Viele dieser Bereiche, insbesondere die Inseln, die sich dem Internet als Antworten auf interaktive Protokolle einschreiben, bilden bereits heute permanente Domänen innerhalb der Infrastruktur. In dem Maße, in dem sich die Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen einer Domäne auflösen, insbesondere durch das ständige Aktualisieren der gemeinschaftlich genutzten Plattformen und Dienstleistungen, wird auch das städtische Leben immer mehr zu einer Wiederholungsschleife der Infrastruktur selbst. Die Kapitulation des Urbanen vor der Infrastruktur verdeutlicht, wie machtvoll der Auftritt des Nordens ist, der ohne weiteres auch der Name einer „abwesenden“ Autorität oder auch der Geist seiner eigenen Automatismen sein könnte.

In der internetregierten Stadt von heute verändert der Rang, der einem Individuum innerhalb der infrastrukturellen Systeme zukommt, die gängige Definition vom Bewohner. Denn der Bewohner der Infrastruktur ist nunmehr der transparente Nutzer, dessen Lebensäußerungen lediglich darin bestehen, auf die Protokolle der Systeme zu reagieren. Gefangen in einer Welt sich überschneidender Protokolle, zeichnet sich der Bewohner dieser Infrastruktur durch ein besonderes Verhältnis zur Erinnerung aus, einer gänzlich anderen Art der Erinnerung als diejenige, die als Motor für die Ausgrabungen in Athen gedient hat. Der Nutzer dieser neuen Domäne wird selbst zum bleibenden Fragment eines sich zersetzenden Systems. Er folgt unterschiedlichen narrativen Strängen, ändert unablässig seine Position oder Perspektive und verweigert sich so jeder Möglichkeit seiner stabilen Verortung. Die sich selbst regulierenden Mechanismen des Datenflusses, die immer weniger Spuren hinterlassen, bringen das neue Paradigma einer Nullerinnerung hervor. Jegliche Erinnerung verliert hier ihre Bedeutung und kann gelöscht werden, genauso wie sämtliche Plattformen, die neben dem Internet existieren, abgeschafft werden. Die Ohnmacht gegenüber der Infrastruktur, deren Mechanismen nicht kontrolliert werden können, und die Transformation der Bürger in Nutzer haben sich heute als die prägenden Merkmale des urbanen Lebens herauskristallisiert.

Wenn es der Norden ist, der die Bedingungen der Teilnahme an der Infrastruktur diktiert, so könnten wir annehmen, dass der Süden denjenigen Teil bildet, der aus der Infrastruktur ausgeschlossen bleibt. Das jedoch trifft im Fall von Athen nicht zu. Der Norden und der Süden operieren hier wie die zwei Facetten ein- und desselben Mechanismus, mittels dessen die programmierten weltweiten Datenflüsse geregelt werden. Indem die neue Infrastruktur im Dunkeln operiert wie vormals in der Vergangenheit Athens und sich dabei einer unverständlichen technischen Sprache bedient, lotet sie neue Möglichkeiten und Spielräume aus, als Diskriminierungsmaschinerie zu agieren. Selbst wenn die ihr zugrunde liegende Idee die der gemeinschaftlichen Nutzung ist, so hat sie sich doch immer mehr zu einem geordneten System von Sackgassen und codegeschützten Zugängen entwickelt. Sie agiert im Dunkeln, um gänzlich unsichtbar die Kontinuität der Geschichte des Städtischen fortzuschreiben. Identität, Arbeit und die Beziehung des Individuums zur Stadt werden vermittelt durch das Verhältnis des Nutzers zu den Systemen als programmierte Informationen in die Datenflüsse zentralisierter Netzwerke eingespeist. Die Verweildauer in den jeweiligen Plattformen der Infrastruktur wird wesentlich die neue Mietkultur der Zukunft bestimmen. Süden ist der Name einer Region innerhalb der Infrastruktur. In diesem Imperium wird mit einer neuen Form der Kolonisierung experimentiert.

Es ist diese besondere Situation, die Athen derzeit zu einem unbequemen Ort macht. Die Konstruktion von Schulden ist eine Form, mit der die Infrastruktur derzeit in die Regierungsgewalt Griechenlands eingreift und seine heutige wirtschaftliche Situation bestimmt. Der Krieg mit wirtschaftlichen Mitteln, den das Land gerade erlebt, gestaltet sich zum Dauerzustand innerhalb einer Infrastruktur, die nicht zufällig den Rahmen bildet für die Unmöglichkeit einer Pleite innerhalb einer gemeinsamen Währung. Die Globalisierung der Wirtschaft erzeugt ein System, in dem eine Bankrotterklärung nicht länger genügt, um einen unaufhaltsamen Fall zu beenden. Heute müssen Schulden homogen, immerwährend und ununterbrochen im Umlauf sein. Griechenland erfährt nicht nur, was es heißt, von der eigenen Infrastruktur angegriffen zu werden; es kann den Sog seines finanziellen Desasters auch nicht mehr bremsen, und wenn es in militärischer Manier seine Niederlage eingestehen würde. Und das, obwohl die Zahlen eindeutig belegen, dass die finanzielle Katastrophe Griechenlands einem militärischen Desaster gleichkommt. Der Krieg, in dem sich Griechenland heute wiederfindet, wurde nicht begonnen, um beendet zu werden. Schulden bilden nicht länger (falls sie es überhaupt jemals taten) das einfache Narrativ, in dem die Rollen von Gläubiger und Schuldner nach bestimmten Regeln festgelegt sind. Wir warten nicht darauf, dass diese Schuld jemals abbezahlt wird; stattdessen werden wir zu Zuschauern und zugleich zu Teilnehmern in einem neuartigen und gänzlich unsichtbaren Krieg, der von der Infrastruktur als eine endlose Schuldenattacke initiiert wurde. Das ist der Grund, weshalb sich Athen heute dermaßen pessimistisch zeigt. Die Infrastruktur verfügt über Mittel und Wege, die Formationen abzustrafen, die sich in immer größerer Abhängigkeit von ihr finden (wie etwa Länder oder Banken). Hierfür bedarf es nicht einmal eines aggressiven Auftretens; für eine Attacke genügen bereits einige codierte Interventionen, die sich unmittelbar nach ihrer Programmierung ihren Weg innerhalb der abstrakten Strukturen der Datenflüsse bahnen. In Athen wird derzeit ein neues System der Diskriminierung erprobt, das als spezifische Funktionsweise der eigenen Infrastruktur umgesetzt wird. Als der flüssige und fließende Teil des sich innerhalb der Infrastruktur bewegenden Kapitals repräsentiert der Norden heute nicht länger eine konkrete geografische Ordnung noch eine spezifische Form. Innerhalb dieses institutionalisierten Schuldenflusses haben beide, der Norden und der modernisierte Süden, schon jetzt ihre festen und untrennbaren Plätze.

Das zeitgenössische Athen fordert nun das Erbe Hesperiens für den Süden ein. Es ist ein Erbe, das der Norden nicht nur ablehnt, sondern auch kategorisch aus den Funktionen seiner Infrastruktur verbannt hat. Diese Haltung findet ihre Parallelen in der Unübersetzbarkeit und Entfremdung, die während der Grabungsarbeiten im Zuge der Installation der Athener Infrastruktur in dessen ruinengesättigtem Boden nicht zu verkennen waren. Die damalige Nord-Süd-Situation schuf ein Feld der „Politik der Datenflüsse“, die sich heute als Politik der Schulden realisiert. Die Verwerfungen in den etablierten Verfahren, die gelegentlich als technische Optimierungen der Infrastruktur umschrieben werden, haben sich letztendlich als Attacken auf die Stadt entpuppt; grundlegende Abweichungen von den automatisierten Routinen der Infrastruktur oder „unsichtbare infrastrukturelle Ereignisse“ – eine contradictio in terminis – unterlaufen die bereits problematischen Verwaltungsstrukturen der Infrastruktur, was ihnen das aggressive Agieren ermöglicht. Die technische Matrix des Systems – jenes unabhängige Automationselement, das nur von wenigen Experten zu warten ist – ist doch so unabhängig nicht, denn sie lässt sich durchaus auch von außen steuern. Das ursprüngliche infrastrukturelle Projekt, Dienstleistungen bereitzustellen, die das gemeinschaftliche Leben vereinfachen, hat in seinem weiteren Verlauf eine Wandlung erfahren. Zwar weist die neue Infrastruktur einige Gemeinsamkeiten mit ihrer Vorgängerin auf: Sie ist wie sie unsichtbar, und nach wie vor besteht ihre Aufgabe darin, die Normalität des Alltagslebens zu organisieren. Doch auf Makroebene ist sie nun imstande, als vereinheitlichtes Verfahren der unsichtbaren Fernsteuerung zu operieren, während sie auf Mikroebene ein sich selbst dienendes System bleibt. Im Angesicht der Infrastruktur findet sich jeder Nutzer allein und die Gemeinschaften, denen er angehört, als schematische Anhängsel rigider Protokolle.

Wenn Athen heute auf einmal nach Klärung verlangt, dann deshalb, weil die Stadt zu einem Versuchslabor geworden ist. Die unerklärliche Aggression in Form einer Attacke unsichtbarer Schulden, der sich die Stadt in ihren realen, empirischen Lebensäußerungen heute ausgesetzt sieht, wie auch die beispiellose mediale Kampagne, die vermittels der städtischen Infrastruktur um sich gegriffen hat, dringen bereits in den physischen Raum der Oberfläche der Stadt ein. Das Regieren in Griechenland ist zum Schuldenmanagement geworden und veranschaulicht, welches Potenzial der kollektiven Bestrafung der Infrastruktur heute zukommt. Selbst wenn die Infrastruktur als ein vergleichsweise unabhängiges und sich selbst regulierendes System erscheinen mag, so ist sie doch durch einen Modus operandi definiert, der sie von Entscheidungen abhängig macht, die ihrer technischen Funktionalität nicht mehr entsprechen. Die Frage nach der Diskrepanz zwischen der technischen Funktionsweise der Infrastruktur und der destabilisierenden Absicht, die sich hinter ihr verbirgt, das ist es, was wir diesem kurzen Exkurs in den Athener Untergrund ablesen.

Während Athen einen Moment von globaler Bedeutung erlebt, beharren wir auf dem konkretesten Element der Lokalität dieser Stadt: auf dem Grund, auf dem sie errichtet worden ist. Die Infrastruktur der Stadt bildet einen unsichtbaren Machtapparat, der in einer Stadt wie Athen, deren imaginären Gefilden im Untergrund stets größere Bedeutung beigemessen worden ist als dem eigentlichen Geschehen an seiner Oberfläche, eine eigene Art der Idealisierung erfahren hat. Dieser nie gesehene Raum, den wir jetzt lesen, war der eigentliche Grund dafür, dass die Stadt im 19. Jahrhundert überhaupt (wieder)errichtet worden ist. In der imaginierten Erweiterung dieses selben unsichtbaren Bereichs lokalisieren wir nun den Endpunkt dieses Kreislaufs und eine neue Frage bezüglich der Materialität der Oberfläche. Die Abruptheit, mit der der Geldfluss in Athen wie auch im übrigen Griechenland reduziert worden ist, hat die Brutalität der gesichtslosen Infrastruktur des globalen Nordens offengelegt. Im selben Zuge wurde offengelegt, dass die Infrastruktur der Stadt bei weitem nicht so neutral und unabhängig ist wie allgemein behauptet. Die Tatsache, dass es einigen Außenstehenden gelungen ist, ihre Weltsicht in die Infrastruktur zu transferieren, hat verdeutlicht, dass diese scheinbar neutrale Einheit vollständig von außen kontrollierbar ist.

Wir schulden den Ruinen Athens wie auch seiner Infrastruktur, diesen keimena, verschiedene Lesarten. Ihre tatsächliche Existenz liegt verborgen, tief unterhalb einer Stadt, die in rasantem Tempo gewachsen ist. Für die Stadt mögen sowohl die Funde aus vergangenen Zeiten als auch ihre Infrastruktur Teil ihrer neuen Geschichte sein. Doch wie die Überreste vergangener Epochen nicht mehr zu uns sprechen – sie stellen sich uns dar als eine Anhäufung unentzifferbarer Buchstaben –, so erfahren die neuen Athener durch die Deterritorialisierung der multiplen Datenreservoirs, durch die multiple Regelung der Automatismen ihrer Stadt neue Abhängigkeiten von einem Betriebssystem aus codierten Hieroglyphen und unlesbaren Scripts, auf dem ihre Leben ausgeführt werden. Wir erleben, wie der Mangel an Repräsentation eine weitere Welle an Idealisierungen dieser neuen urbanen Gefilde aufschlagen lässt. Ein Text in diesem Sinne kann kein keimenon mehr sein, im Sinne des Niederschlags eines schematisierten Stoffes, der sich der Interpretation anböte; er wird ein immerfort im Wandel begriffenes Geflecht bleiben, eine immer wieder aufs Neue transformierbare Textur. Der problematischste Aspekt dieser neuen Theologie der Infrastruktur ist die unausgesprochene Priorität, die ihr zukommt, indem die Zukunft einer jeden Stadt auf sie baut. Ist es unmöglich, ein so unfassbares System zu lesen? Kann ein solches System überhaupt als Investigationsfeld dienen? Ist die Infrastruktur, und mit ihr die Verteilung der Güter, die Logistik von morgen, das Bankensystem, all die Plattformen und Protokolle, die sie installiert, dazu befähigt, Fragen zu Politiken und zu gemeinschaftlichen Entscheidungen einer anders gearteten Demokratie zu formulieren? Das sind die eigentlichen Problematiken, mit denen uns Athen heute konfrontiert. Um den gegenwärtigen Moment zu interpretieren, wenden wir die Technik des Pausierens an, frieren den Fluss des auf ewig unvollendeten Textes zu einer Momentaufnahme ein. Wir halten kurz inne und reflektieren über dieses Bild, während sich die Infrastruktur als unleserliches Element organisiert, als etwas, was stets in Bewegung bleibt und deshalb niemals ein keimenon sein wird, sondern immer nur ein unbeständiger und wandelbarer Text.

In diesem Sinne produziert die Infrastruktur des zeitgenössischen Athens ein neues unlesbares Feld, eine neue imaginierte – diesmal technische – Gottheit, einen neuen Analphabetismus. Wir sollen an sie glauben, doch wir können sie nicht lesen, sie nicht interpretieren oder kritisieren. Athen aber deckt die öffentliche Seite dieser bereits politisch gewordenen technologischen Macht auf. Der subalterne Teil dieser Struktur, der stets provisorische und nicht immer lokal zu definierende Süden, formiert sich in Athen zu neuem, nun doch wieder lesbarem Material. Insoweit die normativen Funktionen der Stadt als die Konstrukteure der neuen Ruinen der Infrastruktur verstanden werden, finden wir Athen noch nicht aufgegangen in den unsichtbaren Codes und den unzugänglichen Korridoren dieser stetig wachsenden Entität. Die verschiedenen keimena, die das Gebäude des heutigen Athens bilden, bilden auch die offenen Fragen und Leerstellen in diesem homogenen Feld. Die sichtbare Oberfläche der Stadt modelliert sich heute zu neuartigen Gefilden jenseits des idealisierten oder dämonisierten Athener Grundes, aus dem sie entstand, erfindet sich neu als eine bewusste bürgerschaftliche Perspektive. So wird sie heute zu dem enigmatischen Stoff, der einmal künden mag von gelebter Resilienz und der Verwirklichung eines aussichtsreichen Systems transformativer Akte, sei es nun im Einklang mit der Logik des Nordens oder auch gelegentlich einmal in Dissonanz zu ihr.

 

Aus dem Griechischen von Evi Chantzi

Leo von Klenze, Ideale Ansicht der Akropolis und des Areopag in Athen (1846), Öl auf Leinwand, 102,8 × 147,7 cm. Neue Pinakothek, München

1 Dimitris Pikionis, Gaias Atimosis, Athen: MIET 2000.

2 Jacques Derrida, Bleibe, Athen, Wien: Passagen Verlag 2010.

3 E. Ch. Gonatas (Hrsg.), Grapta Georgiou Makri, Athen: Hestia 1986.

4 Friedrich Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung [Erstveröffentlichung in: Die Horen, 1795], Stuttgart: Reclam 2002.

5 Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte [Erstveröffentlichung: Bd. 1: Wien 1918, Bd. 2: München 1922], 17. Aufl., München: dtv 2006.

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