Keimena #8: Ku Qian (Bitter Money)
von Wang Bing

Montag, 6. Februar 2017, 24.00 Uhr auf ERT2
Ku Qian (Bitter Money), 2016, Frankreich/China, 157 Min.
Regie: Wang Bing (Künstler der documenta 14)

1986 sangen die Swans: Time is money (bastard). Dieser Refrain ist es, der die Menschen in Wang Bings Ku Qian – allerdings ohne die Wut des Punks – antreibt. Der Film folgt Menschen aus einer ländlichen Region, die sich in die Stadt aufgemacht haben, um sich dort auf der Basis von Tages- oder Saisonverträgen als Textilarbeiter zu verdingen. Das ist das gängige Schicksal all derer, die gezwungen sind, Chinas rapide Umgestaltung mitzumachen, wobei die Megalopole Huzhou – in der Ku Qian spielt – mehr als dreißigtausend Arbeiter_innen aus dem ländlichen Hinterland aufgenommen hat, die in achtzehntausend privaten Ausbeuterbetrieben der Textilindustrie schuften müssen.

Weil es den brutalen Widerspruch zwischen erzwungener Urbanisierung und Vernachlässigung der ländlichen Regionen zeigt, wurde Wang Bings Filmschaffen zum Spiegel einer Nation, die ihre Vergangenheit vergessen hat und von Gespenstern bevölkert ist. Ku Qian setzt sich ganz direkt mit dem Neokapitalismus auseinander, mit seinen unmittelbaren Auswirkungen und Folgen: Der Filmemacher folgt der Gruppe von Arbeiter_innen durch ihren Alltag, eingespannt zwischen langen Schichten und kurzen Erholungsmomenten in einem Schlafsaal, in dem statt der ehemaligen Herzlichkeit Klagen und Beschwerden den Umgang dominieren und die Bildschirme der Mobiltelefone zwischenmenschliche Beziehungen ersetzen. Wang Bing begleitet seine Charaktere, steht an ihrer Seite, steckt in ihrer Haut – seine Anwesenheit gleicht der eines stummen Zeugen und vertrauensvollen Gefährten. Er kommt ihnen so nahe, dass sie sich an ihn um Hilfe wenden oder auch einen plötzlichen emotionalen Ausbruch an ihm auslassen.

In einer Szene sieht man den Schatten des Filmemachers unter einem Treppenaufgang: Was im traditionellen Kino für gewöhnlich als Fehler aufgrund einer Unachtsamkeit begriffen würde, gerät hier zu einem Akt politischen Bewusstseins. Um ein anderes China zeigen zu können, erfindet Wang Bing eine filmische Stilsprache, die jenes Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen vermag, das von ihrer neueren Geschichte erschüttert wurde.

—Daniela Persico, Filmkritikerin und Kuratorin

Gepostet in Öffentliches Fernsehen am 06.02.2017
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