Lala Rukh
(1948–2017)

Kalender des Women’s Action Forum (1985), Offsetdruck, 61,5 × 40,5 cm

Lala Rukh, Installationsansicht, Athener Konservatorium (Odeion), documenta 14, Foto: Mathias Völzke

Lala Rukh, Poster, Flyer, Siebdruck-Handbuch und andere Materialien in Zusammenhang mit dem Women’s Action Forum, Lahore (1980er–90er)
, Installationsansicht, documenta Halle, Kassel, documenta 14, Foto: Fred Dott

In seinem Roman Ada oder Das Verlangen (1969) schreibt Vladimir Nabokov: „Vielleicht ist das einzige, was auf einen Zeitsinn hinweist, Rhythmus; nicht die wiederkehrenden Schläge des Rhythmus, sondern die Lücke zwischen zwei solchen Schlägen, die graue Lücke zwischen zwei schwarzen Schlägen: das zärtliche Intervall.“ In diesem Reich der Zeitmessung sind auch Lala Rukhs Zeichnungen und druckgrafische Werke zu verorten; Rhythmus kartiert das visuelle Terrain ihrer Arbeiten. Lala Rukh besetzt das Intervall zwischen zwei Wellenmustern; sie zeichnet die subtilen Veränderungen des Mondlichts, den Verlauf von Sand und archäologische Topografien nach, verfolgt aber auch Widerspruchslinien in Straßenprotesten und im Rahmen der Frauenbewegung.

Die Künstlerin, 1948 in Lahore geboren, engagiert sich seit Jahrzehnten aktiv im Women’s Action Forum, einer der wichtigsten Plattformen in Südasien für Frauenrechte und Feminismen des Globalen Südens. Gleichzeitig hat sie ihre Atelierpraxis und ihre Rolle als Pädagogin konsequent auf die öffentliche Sphäre ausgedehnt. Die visuellen Elemente, die in ihren Arbeiten kumulieren, sind oft nicht größer als Partikel und entfalten ihre Wirkung doch in unterschiedlichsten Maßstäben. Rukh zeichnet Räume, um Horizonte zu kartografieren, driftet dabei zwischen Sehen und Nichtsehen, Expansion und Verhaltenheit. Beinahe scheint es, als würde sich ihr reduziertes Vokabular verselbständigen; immer wieder wird in ihren Partituren eine verborgene, mit Chiffren spielende Choreografie sichtbar. Dies ist Lala Rukhs Sprache, eine Kombination aus kalligrafischen Formen, Minimalismus und symbolischer Schrift.

Durch ihre Ausbildung in islamischer Kalligrafie und ihre enge Beziehung zu den musikalischen Traditionen des indischen Subkontinents hat die Künstlerin ein eigenes Notationssystem entwickelt. Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist ihre Mitwirkung an der 1959 von ihrem Vater Hayat Ahmad Khan gegründeten All Pakistan Music Conference und deren Archivierung. Lala Rukhs Zeichnungen verströmen die Lebendigkeit von Livemusik, sie verzeichnen klangliche Brüche und melodische Sequenzen mit grafischer Sensibilität. In ihren aktuellen Arbeiten versucht Lala Rukh eine Art Stop-Motion-Animation zu schaffen, ausgehend von der Rhythmusstruktur eines klassischen indischen Tala namens Rupak, der aus sieben Schlägen besteht. Zeichnen verwandelt sich in Bewegung, es spiegelt die Ausdehnung des Rhythmus in der Zeit wider und erzeugt eine anschauliche visuelle Beziehung zum Pulsieren eines Instruments.

— Natasha Ginwala

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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