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Ein fester Wald

Nicht Originalität – Schönheit ist der Hauptzweck.
— Ludwig I

Das bis zu meinem Einzug im August 2015 noch als Brüder Grimm-Museum bekannte Gebäude in Kassel ist sicher das älteste Haus, in dem ich jemals gewohnt habe. Die Adresse ist Schöne Aussicht 2, daher der „offizielle“ Name des Gebäudes: Palais Bellevue (Palais mit der schönen Aussicht). Das Arbeitszimmer liegt Richtung Osten und ist wirklich traumhaft schön: ex oriente lux. Gerade sehe ich vor allem Bäume, den urzeitlich anmutenden grimmschen Märchenwald.1 Das Schloss wurde 1714 von Paul du Ry gebaut, einem hugenottischen Architekten, der Ende des 17. Jahrhunderts vom Landgrafen Karl von Hessen-Kassel nach Kassel gelockt worden war. Jener hatte ihn mit dem Versprechen geködert, ihm bei seinem Vorhaben, die mittelmäßige hessische Stadt in eine Kulturmetropole umzuwandeln, eine Schlüsselrolle zuzuweisen. Und tatsächlich verdankt Kassel ihm sowohl das totemistische Herkulesdenkmal als auch die Orangerie, die sich in der nach ihm benannten Karlsaue befindet, dem an der Fulda-Niederung gelegenen Park, den ich ebenfalls von meinem Arbeitszimmer aus sehen kann. Der Enkelsohn des hessischen Landgrafen, Friedrich II., machte wiederum du Rys Enkelsohn, Simon Louis du Ry, zu seinem Hausarchitekten. Die herausragendste Frucht ihrer Zusammenarbeit ist das Kasseler Fridericianum, das älteste zu Ausstellungszwecken errichtete Gebäude auf dem europäischen Kontinent.

Irgendwann im späten 18. Jahrhundert wurde das Palais Bellevue, das ursprünglich als Observatorium konzipiert worden war, in ein Museum verwandelt, das die königliche Gemäldesammlung von Friedrich II. beherbergte. Heute findet man sie im Schloss Wilhelmshöhe, das von dem jüngeren Simon Louis du Ry und Heinrich Christoph Jussow gebaut wurde. (Jussow ist regional vor allem für seinen Apollotempel im Kleinformat bekannt, ein sogenannter Monopteros, der im Schlosspark, dem heutigen Bergpark Wilhelmshöhe, steht. Er wurde vor Kurzem im Rahmen eines umfassenden Restaurationszyklus mit finanziellen Mitteln der Deutsch-Griechischen Gesellschaft renoviert, deren Kasseler Niederlassung in besagtem Gebäude tagt.) Nach seiner Zeit als Museum wurde das Palais Bellevue vorübergehend von Jérôme Bonaparte besetzt, dem jüngeren Bruder von Napoleon und seines Zeichens König von Westfalen in den Jahren 1807 bis 1813. Und als Jérômes privater Bibliothekar betrat womöglich Jacob Grimm, der ältere der beiden Brüder, zuerst diesen Ort, der jetzt mein Zuhause ist, und das sicherlich mit großem Widerwillen und kaum verhüllter Verachtung, denn die Brüder Grimm waren Frankreichgegner und leidenschaftliche Anhänger einer vereinigten deutschen Nation. (Jacob überlebte Wilhelm und starb 1863, nur sieben Jahre bevor dieser Traum endlich Wirklichkeit wurde. 1848 war er zum Abgeordneten der neu gegründeten Frankfurter Nationalversammlung gewählt worden, des ersten frei gewählten Parlaments des deutschen Staatenbundes; passenderweise war es dasselbe Jahr, in dem er seine Geschichte der deutschen Sprache veröffentlichte und damit Nationsgründung, Lexikografie und Linguistik in einem Projekt vereinigte, dessen Betrachtung uns an dieser Stelle besonders am Herzen liegt.)

Das Palais Bellevue blieb auch nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 und noch weit in Deutschlands traumatisches 20. Jahrhundert hinein im Besitz der Landgrafen von Hessen. Erst in den 1930ern wurde es allmählich in eine öffentliche Kunstgalerie transformiert (von 1878 bis 1908 hatte es bereits vorübergehend die Kasseler Kunstakademie unter der Leitung von Louis Kolitz beheimatet, in dessen mittelmäßigen proto-impressionistischen Gemälden der Palast gelegentlich auftaucht). Das Gebäude überstand die Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet und wurde 1956 der Stadt Kassel übergeben, also ein Jahr nach der ersten Ausgabe der documenta. 1972, in meinem Geburtsjahr (Willkommen zu Hause!) und dem Jahr der documenta 5, einer documenta für die Ewigkeit, wurde es schließlich das Brüder Grimm-Museum. Allerdings ist es heute kein Museum mehr, die Brüder Grimm haben hier ohnehin nie gewohnt,2 und ein Jahr später, nachdem ich das hier geschrieben habe, wird es höchstwahrscheinlich als Ausstellungsstätte für die 14. documenta dienen, die gleichzeitig in Kassel und Athen organisiert werden soll. Damit schlägt sie das neueste Kapitel in einer langen Geschichte von deutsch-griechischen Beziehungen auf, die mit dem fröhlichen Aufschwung des deutschen Philhellenismus ihren Anfang nahm und uns die Kunstgeschichte, so wie wir sie heute kennen, sozusagen mit auf den Weg gab.

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Ludwig Emil Grimm, Blick aus Wilhelm Grimms Zimmer, Bellevue, Kassel (1827), Bleistift, Feder und Aquarell auf Papier, 28 × 20,6 cm. Grimm-Sammlung der Stadt Kassel

Jacob Ludwig Carl und Wilhelm Carl Grimm kamen 1785 beziehungsweise 1786 in der hessischen Stadt Hanau als Kinder des Anwalts Philipp Wilhelm Grimm und der Tochter eines Gemeinderats, Dorothea, geborene Zimmer, auf die Welt. Doch sie waren zwangsläufig – oder insbesondere – auch die Kinder jenes sich rasant und radikal verändernden gesellschaftspolitischen Klimas, das von der Französischen Revolution 1789 eingeläutet worden war: Die Dauerausstellung der kürzlich eröffneten „Grimmwelt Kassel“, so der Name des neuen Brüder Grimm-Museums, stellt neben anderen Kleinodien eine Zeichnung von Jacob und Wilhelm (damals noch Kinder!) aus, das die Guillotinierung Ludwigs XVI. auf dem Place de la Concorde im Jahr 1793 zeigt und uns in Zeiten der vom „Islamischen Staat“ gezeichneten öffentlichen Massenenthauptungen eindringlich daran erinnert, dass die Enthauptung von Menschen nicht notwendigerweise einen Rückfall in die finsteren Zeiten der Barbarei bedeutet, sondern eher ein modernes Phänomen darstellt oder (in diesem speziellen Fall) für die jähe Ankunft der Moderne an sich steht; ein Punkt, der auch Georges Bataille nicht entgangen war, als er damals im Jahr 1936 entschied, seine abtrünnige surrealistische Zeitschrift und Geheimgesellschaft Acéphale (Kopflos) zu nennen. Natürlich bieten die grimmschen Märchen jede Menge Verstümmelungen und auch ein paar Enthauptungen. Und in Verbindung mit den bundesweiten Feierlichkeiten anlässlich des 200. Geburtstags der Brüder Grimm im Jahr 1985 veröffentlichte der deutsche Autor und Literaturtheoretiker Carl-Heinz Mallet eine Studie mit dem Titel Kopf ab! mit dem Fokus auf Gewalt im Märchen, so der Untertitel.

Unter den unzähligen kulturellen, politischen und sozialen Schockwellen, die die folgenreichen Ereignisse von 1789 über die westliche Welt versandten, interessieren uns hier zwei im Besonderen in Bezug auf das Erbe der Brüder Grimm: die Geburt des modernen Nationalismus einerseits und die gleichzeitige Vertiefung des intellektuellen und wissenschaftlichen Interesses an Volkskultur und vernakulären Traditionen andererseits. Diese Impulse konzentrierten sich zunächst auf die Form von linguistischer Forschung, die Jacob und Wilhelm Grimm ins Leben rufen und sogar weitgehend erfinden würden, und fielen dann in Jacob Grimms zeitgleicher Berufung als Abgeordneter der Nationalversammlung und seiner Veröffentlichung von Geschichte der deutschen Sprache im Jahr 1848 perfekt zusammen; seinen hervorragendsten Ausdruck aber fand diese Konvergenz im grimmschen Deutschen Wörterbuch, immer noch das umfassendste Wörterbuch der deutschen Sprache in Gebrauch. Um ihren Beitrag zu machen, nutzten die Brüder Grimm in jeder Hinsicht ihre privilegierte Stellung als Bürger im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts, wo diese Paradigmenwechsel zusammenliefen, um ihre schicksalsträchtige nationalstaatsbildende Kraft zu entfalten: von der Sprache zur Nation.

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Jacob und Wilhelm Grimm, Die Hinrichtung Louis XVI. in Paris, 21. Januar 1793 (1797), Bleistift und Aquarell, 18,4 × 22,6 cm. Staatliche Schlösser, Bad Homburg

Als Jacob Grimms Amtszeit als Bibliothekar des französischen Königs von Westfalen 1808 ihren Anfang nahm, waren nahezu alle deutschsprachigen Länder in Napoleons Hand: Nur zwei Jahre zuvor war das 2000-jährige Heilige Römische Reich, das erste von drei Reichen, kurzerhand durch den Kaiser aufgelöst worden, nachdem die Kaiserliche Französische Armee in der entscheidenden Schlacht bei Jena über die Preußen gesiegt hatte. Wie allgemein bekannt, befand sich unter den sensibelsten Beobachtern jener Ereignisse der damals 36-jährige Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der in seinem Brief an den Philosophen Friedrich Immanuel Niethammer am 13. Oktober 1806 Folgendes schreibt: „Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren herausreiten. Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, auf die Welt übergreift und sie beherrscht.“3 (Ein Jahr später und immer noch im Banne Napoleons, veröffentlichte Hegel seine Phänomenologie des Geistes, die für immer das westliche Denken verändern würde.) Als Wiege der sogenannten Frühromantik, die erste einer Reihe mehrerer spezifisch deutscher Reaktionen auf die soziopolitischen und kulturellen Nachwirkungen der Französischen Revolution, denen auch das Projekt der Brüder Grimm zuzuordnen ist,4 war Jena ein wichtiger Schnittpunkt intellektueller Handelsrouten. Der an philosophischem Symbolismus reiche Schauplatz wurde vor allem durch die Errungenschaften der Brüder Schlegel und ihre kurzlebige, aber höchst einflussreiche Zeitschrift Athenaeum repräsentiert, selbstredend nach jenem Geist der griechischen Antike benannt, dem sie so leidenschaftlich nacheiferten.5 Nach Friedrich Schlegels Weggang aus Jena und dem darauffolgenden Zusammenbruch des Athenaeum-Projekts gründete der jüngere Schlegelbruder eine weitere Literaturzeitschrift, die weit weniger geschätzt und erfolgreich war, diesmal unter dem Titel (ach, wie ironisch) Europa.

(Obwohl es den hier vorgegebenen Rahmen sprengt, die abgedroschene Geschichte der Jenaer Romantiker nochmals im Detail zu erzählen, soll wenigstens darauf hingewiesen werden, dass eines der Gründungsmitglieder jener Clique Friedrichs Frau war, Dorothea von Schlegel, geborene Mendelssohn, die älteste Tochter des großen jüdischen Denkers der Aufklärung, Moses Mendelssohn. Dorothea war in erster Ehe mit dem Bankier Simon Veit verheiratet, eine Verbindung, aus der, unter anderen, der Maler der deutschen Romantik Philipp Veit hervorging. Veit ist heute wohl noch für sein Monumentalgemälde Germania bekannt, das in den hitzigen Tagen der Märzrevolution 1848 entstanden und für die kurzlebige Frankfurter Nationalversammlung entworfen worden war, wo Jacob Grimm ihrem stählernen und stürmischen Blick Hunderte Male ausgesetzt war. Heutzutage hängt die gedemütigte Germania in einem Durchgang des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg.)

Die Zeitschrift Athenaeum, sozusagen die South as a State of Mind des 18. Jahrhunderts, steht irgendwo zwischen den Griechenlandfantasien der kunsthistorischen, archäologischen Vorstellung (in erster Linie die des Universalgelehrten Johann Winckelmann, Vater der Kunstgeschichte und des modernen Philhellenismus, der wie es sich für einen wahren Fantasten gehört, die griechischen Küsten de facto niemals betreten hat) und einem anderen, moderneren, realeren Griechenland, das nur halb zum Vorschein kommt, aber als Projektionsfläche für die wildesten Träume der Herausgeber herhalten konnte und so die nostalgischen Fingerabdrücke der deutschen 19.-Jahrhundert-Sehnsucht über das gesamte Projekt verteilte.

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Wilhelm Grimms Arbeitszimmer, Linkestrasse 7, Berlin. Reproduktion eines verschollenen Aquarells von Moritz Hoffmann. Museum Haldensleben

Die Französische Revolution setzte auf der gesamten europäischen Landmasse patriotische Leidenschaften frei und sorgte infolge der Napoleon-Kriege und deren Verklärung im Wiener Kongress (1814/15) für eine fieberhafte Zunahme von Nationsgründungen. Die ganz Europa erfassenden revolutionären Begeisterungsstürme für das (vermeintliche) Recht eines Volkes auf Selbstbestimmung näherten sich zum ersten Mal sichtbar in einer gemeinsamen Sache an: der griechischen Unabhängigkeit und dem Aufstand gegen die osmanische Herrschaft, die mit ihrer vertrauten, in der europäischen Antike verwurzelten „Wir gegen sie“-Rhetorik unvermeidlich Resonanz fand. Ungeachtet deutscher Bemühungen wie der des Athenaeums war der berühmteste Förderer der griechischen Sache kein Geringerer als der Gelehrte Lord Byron, dessen Sympathie für die griechische Notlage durch das Massaker der Osmanen an den griechischen Einwohner_innen von Chios im April 1822 genährt worden war. Jenes weitere Beispiel des Machtkampfes zwischen Christentum und Barbarei besaß im postaufklärerischen Europa breite Strahlkraft. An dieser Stelle sollte man vielleicht festhalten, dass viele der bereits erwähnten Vordenker der Frühromantik im protestantischen Glauben erzogen waren und die meisten in späteren Jahren, in den 1820ern, 1830ern, in einer theatralischen Geste zur katholischen Kirche konvertierten oder in ähnlichen Symbolen reaktionärer Kräfte Erlösung suchten.6 Dies wiederum trug maßgeblich zur späteren Gleichsetzung von postrevolutionärem, romantischem Temperament mit gewissen widerwärtigen, regressiven Impulsen im politischen Unbewusstsein der Deutschen bei.

Etwa zu dieser Zeit, als die europäische Schwärmerei für die Chimäre von der griechischen Antike ihren Höhepunkt erreichte und vor allem die Sinne der nationslosen deutschen intellektuellen Elite verschleierte, wurde ein ganz anderes modernes Griechenland geboren, das in erster Linie und vielerlei Hinsicht von deutschen Händen geformt wurde. Auch wenn die drei Großmächte Britannien, Frankreich und Russland die griechische Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erst ermöglichten, wurde der bayerische Prinz Otto, Sohn des kunstliebenden Königs Ludwig I. und einer Nachkommin des Hauses Wittelbach, zum ersten König von Griechenland gekrönt. Zum Zeitpunkt seiner Thronbesteigung 1832 noch minderjährig, wurden die ersten Regierungsjahre von Otto I. (die sogenannte Bavarokratia) effektiv von einem Haufen robuster bayerischer Granden administriert. Und es geschah auf Befehl von König Otto I. sowie teilweise auf Betreiben der bayerischen Philhellenen (zweifelsohne mit Ludwig I. an der Spitze), dass die Hauptstadt vom bescheidenen peloponnesischen Hafenstädtchen Nafplio nach Athen verlegt wurde. Wie ein Experte für die Geschichte des modernen Griechenlands festgestellt hat: „Die Entscheidung für Athen als Hauptstadt, einer Stadt, die von den imposanten Ruinen des Parthenon dominiert ist und überall auf die glorreiche perikleische Ära verweist, obwohl sie zu Beginn der 1830er kaum mehr als ein staubiges Dorf war, symbolisierte die kulturelle Ausrichtung des neuen Staates auf seine klassische Vergangenheit,“7 sprich weg von der osmanischen oder orthodoxen Gegenwart und wieder einmal hin zu einer Vergangenheit, die in erster Linie die „westlichen“ Vorstellungen in einen leicht wahnhaften Bann gezogen hatte. (Dies war nicht nur die Zeit von zunehmenden Ost-West- und Nord-Süd-Anspannungen, sondern auch die Ära, in der diese Konflikte in einem neuartigen wissenschaftlichen Typus von Euro-Rassismus Form annahmen). Und so kam es, dass angespornt von Ottos I. zweifelsohne authentischer Begeisterung für seine neuen Untertanen – nach seiner Absetzung im Jahr 1862 soll er die letzten Jahre seines Lebens sogar im traditionellen Fustanella-Faltenrock, den die Evzonen der ehemaligen königlich-griechischen Leibgarde berühmt gemacht haben, durch den königlichen Palast im bayerischen Bamberg gewandelt sein – alles Erdenkliche getan wurde, um das ehemals verstaubte Dörfchen Athen, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts gerade mal 5000 bis 6000 Seelen beheimatete, in eine moderne Metropole zu verwandeln, und zwar von – wie sich später herausstellte – makellos deutscher klassizistischer Bauart.

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Philipp Veit, Germania (1848), Öl auf Leinwand, 482 × 320 cm. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Kassel seinerseits hatte in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts etwa 20.000 Einwohner_innen (war also zu jenem Zeitpunkt erheblich größer als Athen.) Obwohl es meines Wissens keine Belege dafür gibt, dass so eine Begegnung jemals stattfand, müssen sich die Brüder Grimm und Leo von Klenze, der nur ein Jahr älter als Jacob war, früher oder später über den Weg gelaufen sein. Von Klenze war 1808 von Jérôme Bonaparte als Hofarchitekt engagiert worden, im selben Jahr, in dem Jacob seine Stelle als Chefbibliothekar des Königs antrat. (Wir wissen nur von einem Brief, den der ältere Grimmbruder an Clemens August Carl Klenze, Leos jüngeren Bruder und Juristen von gewissem Ansehen, schrieb. Doch es ist nicht bekannt, was der Anlass dafür gewesen ist.) Tatsächlich befand sich Leo von Klenze in Napoleons Diensten, als er sein allererstes Gebäude im Aufbau sah; diese Anbindung versuchte er aus nachvollziehbaren politischen Gründen später herunterzuspielen, als er zu einem der Hauptvertreter des Neoklassizismus im deutschsprachigen Raum mutierte.8 Das kleine Ballhaus direkt neben dem Schloss im Bergpark Wilhelmshöhe wurde im Laufe der Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte Schauplatz für zahlreiche Tanzveranstaltungen, und ursprünglich hierfür gedachte Theateraufführungen, auch die fürstlichen Tennisturniere fanden hier statt.9 Von Klenzes Arbeitsaufenthalt in Kassel war von kurzer Dauer, und während dieser Phase war er nur an einem weiteren noch erhaltenen Bauprojekt beteiligt (abgesehen von den monumentalen königlichen Stallungen, die einst gegenüber unserem Palais Bellevue lagen und Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen wurden, um der Neuen Galerie Platz zu machen, die wiederum von Klenzes Alter Pinakothek in München nachempfunden war). Gemeint ist die Ständehalle, auch Ständesaal, der halbkreisförmige Anbau im hinteren Teil des Museums, der den Veteranen der documenta wohlvertraut ist. Diese Erweiterung des Fridericianums, die von Klenze mit Bonapartes Chefhofarchitekten Auguste Henri Victor Grandjean de Montigny gemeinsam entworfen hatte, sollte der Institutionalisierung einer Art Protoparlament dienen. (Unzählige Museen weltweit befinden sich heute in Gebäuden, die ursprünglich für die Unterbringung oder Repräsentation politischer Einrichtungen konzipiert wurden: königliche Paläste und Ähnliches. Es ist sehr aufschlussreich, dass im Sonderfall von Kassels Fridericianum dieses altbewährte Muster umgekehrt wurde: Es wurde ursprünglich als Museum errichtet, um dann später, wenn auch nur für kurze Zeit, in ein Haus der weltlichen Macht transformiert zu werden, als die Stände den Geist des aufklärerischen Denkens heraufbeschworen, der Louis Bonapartes kurze hessische Regentschaft anregte.) Nach Bonapartes Flucht vor den preußischen und russischen Armeen, die ins deutsche Gebiet eindrangen, zog der ehrgeizige Architekt gen Süden, nach München, wo er sich schnell in die Entourage von Ludwig I. hocharbeitete. Als Lieblingsarchitekt an Ludwigs gewissermaßen pathologisch philhellenischem Bayerischen Hof gelang es von Klenze, sich den Ruf als einen der führenden neoklassizistischen Architekten seiner Zeit zu verschaffen, der alles von der Alten Pinakothek und der Ruhmeshalle in München bis zu der Walhalla in Donaustauf und der Befreiungshalle in Kelheim baute, dazu kamen bedeutsame Ausflüge ins zaristische Sankt Petersburg (wo er die Neue Eremitage entwarf, samt ihrer berühmten Karyatiden mit dem Atlanten-Portiko) und ins neu gegründete Königreich Griechenland. Für von Klenze als unermüdlichen Anhänger der griechischen Ästhetik in Kunst und Architektur bildete seine erste Reise nach Griechenland im Jahr 1834 sicher einen Höhepunkt in seiner Karriere; sein 21-jähriger Weg von Kassel bis zur vermeintlichen Wiege der westlichen Zivilisation gipfelte schließlich in dem Stadtplanentwurf für ein berauschtes neues Athen.10 Von Klenzes Mission ins Königreich Ottos I., die er auf Drängen von Ottos Vater Ludwig I. unternahm, war vor allem diplomatischer Natur. Einer seiner Aufträge war es, Karl Friedrich Schinkel davon abzubringen, einen neuen, unverkennbar neoklassizistischen königlichen Palast auf der Akropolis zu bauen. Alles in allem trug von Klenzes Aufenthalt in Athen entscheidend dazu bei, den schicksalsträchtigen Verfall der klassischen Denkmäler der Stadt in das kunsthistorische Bewusstsein zu rücken. Sein Athener Stadtentwurf muss besonders für seinen Versuch gelobt werden, die Akropolis in die Textur einer modernen Stadt in spe integrieren zu wollen.11

Nicht unerwartet hinterließ die Reise nach Griechenland einen bleibenden Eindruck, der den Architekten nicht nur theoretisch beeinflusste. Nur ein knappes Jahrzehnt nach seiner Rückkehr von seinem ersten Besuch des Parthenons, bereits im Jahr 1842, eröffnete von Klenze ein Ebenbild dieses emblematischen architektonischen Wunderwerks auf einem waldigen Hügel an den Ufern der Donau, gleich östlich der mittelalterlichen Handelsstadt Regensburg: die völlig abwegige neoklassische Kuriosität namens Walhalla. Als Ludwigs ganz persönliche Herzensangelegenheit befand sich diese Ehrenhalle, die berühmten Sprechern „teutscher Zunge“ gewidmet war, de facto jahrelang im Werden; die ersten Entwürfe stammen schon aus dem Jahr 1815, nur Monate nach Napoleons entscheidender Niederlage bei Waterloo. Walhalla zelebrierte die Vereinigung aller deutschen Völker in einer einzigen Sprache zu einem Zeitpunkt, als eine solche Vereinigung politisch unerreichbar schien. Die feierliche Eröffnung im Oktober 1842, von keinem Geringeren als J. M. W. Turner in Öl verewigt, sah auch die Enthüllung von 96 Büsten deutschsprachiger Berühmtheiten von Albrecht Dürer bis Joseph Haydn und Gottfried Wilhelm Leibniz vor, selbstverständlich einschließlich eines Ganzkörperporträts vom sitzenden Ludwig I. höchstpersönlich. In den folgenden Jahrzehnten wurden noch Dutzende hinzugefügt (der letzte Neuerwerb war 2010 eine Büste von Heinrich Heine). Merkwürdig, oder vielleicht auch nicht so verwunderlich, wenn man sieht, wer dort so vertreten ist und wer nicht, ist die Tatsache, dass es in dieser strahlend weißen Festung auf einem Hügel namens Walhalla keine Büsten von Jacob und Wilhelm Grimm gibt, den eigentlichen Architekten des imposantesten Denkgebäudes der deutschen Sprache.12

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Peter von Hess, Einzug König Ottos von Griechenland in Athen (1839), Öl auf Leinwand, 248 × 410 cm. Neue Pinakothek, München

Umso erfreulicher ist der Besuch der Grimmwelt auf dem Kasseler Weinberg – schon wieder eine Festung auf einem Hügel,13 die ein weit ausgeglicheneres und vielschichtigeres Porträt der Brüder Grimm und ihrer Errungenschaften zeichnet, als man von einem Museum erwarten kann, das jede Woche Hunderte Besucher_innen empfängt, die vermutlich während ihrer Kindheit regelmäßig mit den „angemesseneren“ Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen aus den Jahren 1818 bis 1858 abgespeist wurden. Man hat wirklich mit vereinten Kräften versucht, den Fokus auf die Arbeit der Brüder Grimm zu verlagern, weg von den Volksmärchen, die so leicht infantilisiert und zur Schau gestellt werden, hin zu ihrem Mammutprojekt des Deutschen Wörterbuchs und ihrem Beitrag im dichten Netz der intellektuellen Kultur Deutschlands (ihre Korrespondenz besteht aus circa 30.000 Briefen von etwa 1400 Adressaten) sowie ihren politischen Aktivitäten, die man genau genommen als radikal bezeichnen könnte; alles Qualitäten, die nicht besonders gut ins Bild der gesunden Biedermeier-Brüder passt, die sie in populären Vorstellungen bis heute verkörpern. Von allen Errungenschaften und Tätigkeiten verdient die feste Burg ihres Wörterbuchs die größte Aufmerksamkeit; das Projekt, mit dem sich die Brüder erfolgreich nach Kassel zurückzogen, nachdem sie 1837 ihre Positionen an der Universität im benachbarten Göttingen aus politischen Gründen räumen mussten. Sie gehörten zu den sogenannten Göttinger Sieben, einer sehr angesehenen Gruppe von Universitätsprofessoren, die gegen den König von Hannover protestierten, der die noch sehr junge Konstitution seines Königsreichs mit Füßen trat; de facto eine Art Generalprobe für Jacob Grimms späteres Engagement an der Frankfurter Nationalversammlung nach den 1848er-Revolutionen. Etwa zur selben Zeit vollendete der ältere Grimm sein einflussreiches Traktat Deutsche Mythologie, und hier erinnern wir uns wieder an Philipp Veit und seine Germania, die den jüngeren Jacob mit ihrem stählernen und stürmischen Blick Hunderte Male durchbohrte.

Die Geschichte des Deutschen Wörterbuchs ist zwar allgemein bekannt, aber trotzdem immer eine Wiederholung wert. 1838 nahm sie ihren Anfang, als die Grimm-Brüder davon ausgingen, dass ihr Projekt nur zehn Jahre ihres Lebens in Anspruch nehmen und sieben Bände umfassen würde. Im Jahr 1863, Jacobs Todesjahr, kam die Unternehmung – und daran hatten finanzielle Gründe keinen geringen Anteil – beim Eintrag „Frucht“ zum Erliegen und wurde dann erst mehr als ein Jahrhundert später abgeschlossen. Das endgültige Ergebnis, ein Produkt der 1970er, erstreckte sich über 33 Bände und umfasste über 300.000 Einträge auf 33.000 Seiten, und der endlose Prozess der Fertigstellung des Wörterbuchs bietet bis heute eine Inspirationsquelle für die künstlerische Vorstellungskraft (bemerkenswert bekundet in Ecke Bonks Installation Buch der Wörter von 2002 auf der documenta 11, die heute zu den zentralen Stücken der Dauerausstellung in der Grimmwelt gehört). Als ausladende Sprachfestung ist das byzantinisch gebaute Deutsche Wörterbuch wahrhaftig eine Reflexion des Mottos, unter dem die Brüder Grimm die ganzen Jahre arbeiteten, „die Sprache ist allen bekannt und ein Geheimnis“. Vielleicht ist vor allem Zugehörigkeit ihr Geheimnis und was eine Sprechergemeinschaft ausmacht. In ihrem Deutschen Wörterbuch fanden die Grimm-Brüder die Sprache vor der „Nation“ und erfanden Sprache als ebendiese.

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J. M. W. Turner, Die Eröffnung der Walhalla (1842), Öl auf Mahagoni, 112,7 × 200,7 cm. Tate, London

Lassen wir die zertretenen Pfade des nationsbildenden 19. Jahrhunderts jetzt hinter uns und kehren abschließend ins heutige Kassel zurück zu der Idee von nationaler Identität und der Verstrickung von „Nation und Narration“ (in Anlehnung an den Titel von Homi K. Bhabhas bahnbrechender Studie zum Thema). Wie Jack Zipes in seiner Auseinandersetzung mit „dem Deutschtum“ im literarischen und lexikografischen Werk der Brüder Grimm feststellte: „Die manische Beschäftigung mit Märchen im 19. Jahrhundert – und vielleicht auch heute noch – zeugt von einer deutschen Neigung, Lösungen für soziale Konflikte im Bereich der Kunst zu suchen […]“.14 Diese Neigung hat auch heute noch absolut Bestand, wenn wir die feste Burg der documenta als einen festen Teil dieser psychosozialen Geschichte betrachten und die jedes fünfte Jahr stattfindende Mega-Ausstellung – seit ihrer Gründung im Westdeutschland der Nachkriegs- und Kalter-Krieg-Ära (und im tiefsten Terrain der Brüder Grimm obendrein) über ihre Transformation in den 1990ern der Globalisierung bis hin zu ihrer heutigen Verankerung in der unwahrscheinlichen Verknüpfung von Kassel und Athen – als einen weiteren Ausdruck dieser entnervenden deutschen Neigung erkennen, „Lösungen für soziale Konflikte im Bereich der Kunst zu suchen“. Warum solche Lösungen im Bereich der Kunst gesucht und wie sie dort genau gefunden werden, solche Fragen müssen vorerst unbeantwortet bleiben – vielleicht eine andere Zeit, ein  anderer Essay? Doch was diesen Bewohner eines einst von den Brüdern Grimm heimgesuchten Hauses angeht, möge der Hinweis genügen, dass es wohl viel schlimmere Methoden gibt, soziale Konflikte in der krisengebeutelten Gesellschaft von heute zu „lösen“.

 

Aus dem Englischen von Christine Richter-Nilsson und Bo Magnus Nilsson

Leo von Klenze, Walhalla und St. Salvator bei Donaustauf (1839), Öl auf Leinwand, 84 × 126,5 cm. Historisches Museum, Regensburg

1 Das ist der Urschauplatz des Deutschtums, obwohl Literaturhistoriker Steffen Martus feststellt: „Die deutschen Wälder, wie wir sie heute kennen, die ausgedehnten Wälder mit Tannen und den typischen Laubbäumen mit breiten Blättern, waren ebenso sehr eine Erfindung der Romantik wie die Märchen [der Brüder Grimm]. Die deutschen Wälder von heute stammen größtenteils aus Wiederaufforstungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, und dieses romantische Bewaldungsprojekt wurde dann zur Kulisse für Literatur, Märchen und so weiter.“ Zit. n. Neil MacGregor, Germany: Memories of a Nation, London: Allen Lane 2014, S. 123. Übrigens sollte man vielleicht hinzufügen, dass die Brüder Grimm in den Anfangsjahren ihrer Aufzeichnungen von Volksmärchen kurzzeitig eine Zeitschrift mit dem Titel Altdeutsche Wälder herausgaben, die „absichtlich auf den Titel von Johann Gottfried Herders Kritische Wälder (1769) verwies und damit auf den Autor, der für das aufkommende Interesse der Romantiker an deutscher Volkskultur verantwortlich war.“ Jack Zipes, The Brothers Grimm: From Enchanted Forests to the Modern World, New York: Palgrave Macmillan 2002, S. 68. Zipes, ein führender Experte auf dem Gebiet der Volksmärchen und der Brüder Grimm im Besonderen, bemerkt weiter: „Es schien, als ob in Altdeutsche Wälder alle wesentlichen Wahrheiten über deutsche Sitten, Gesetze und Kultur enthalten waren; Wahrheiten, die vielleicht in der Lage waren, ein tieferes Verständnis von der deutschen Gegenwart hervorzubringen und Einheit unter den Deutschen zu stiften zu einer Zeit, als die deutschen Fürstentümer zersplittert und im Zuge der Napoleonkriege von den Franzosen besetzt waren. Das durch die gemeinsame Sprache verbundene und doch uneinige Volk musste erst in die alten deutschen Wälder eintreten, dachten die Brüder Grimm, um ein Gefühl für ihr kulturelles Erbe zu bekommen und ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken.“ Wie wir gesehen haben, waren diese Altdeutschen Wälder als Plattform für die Nationalstaatsbildung, die Zipes als die Quelle einer speziell deutschen politischen Befindlichkeit identifiziert und als „den einzigen Ort“ bezeichnet, „der allen gehört, alle sozialen Unterschiede aufhebt und alle gleichstellt“, tatsächlich alles andere als alt und spiegelten paradoxerweise die essenzielle Modernität der Anziehungskraft, die der Nationalismus des 19. Jahrhunderts auf solche ausgesprochen atavistischen Traditionen ausstrahlte. Mit anderen Worten, sie konstituieren ein klassisches Beispiel dafür, was Roland Barthes als Definitionsmerkmal für Mythos herausgestellt hat (im Gegensatz etwa zum „Märchen“) oder als „Umsturz von Kultur in Natur, oder zumindest von Gesellschaft, Kultur, Ideologie, Geschichte ins ,Natürliche‘“. Vgl. Roland Barthes, Image Music Text, übers. v. Stephen Heath, New York: Hill & Wang, 1977, S. 165.

2 Allerdings wohnten sie in derselben Straße, in ihren Eindrücken und Erinnerungen an diese Zeit kommt aber auch ihre komplizierte Beziehung zu Kassel zum Ausdruck: „Wir wohnen in der Bellevuestrasse“, schreibt Wilhelm Grimm 1825, „die schöne Weite und allenthalben freie Aussicht läßt uns vergeßen, daß wir mitten in der Stadt wohnen.“ Sie hassten die neue Architektur der Stadt, die Kasernen ähnelte. Nicht einmal in Berlin, dem verbotenen Symbol preußischen Militarismus würde „so niederträchtig kasernenartig gebaut wie in Cassel“. Zit. n. Die Grimmwelt: Von Ärschlein bis Zettel, hrsg. v. Annemarie Hürlimann und Nicola Lepp, München: Sieveking 2015, S. 73.

3 Das berühmte Zitat taucht praktisch in jeder Hegel-Biografie auf.

4 Zwei Mitglieder des sogenannten frühromantischen Kreises, Clemens Brentano und Achim von Arnim, lernten die Brüder Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts kennen, als sie gerade Des Knaben Wunderhorn editierten, eine bahnbrechende Sammlung alter deutscher Volkslieder und Gedichte, deren erste Ausgabe 1805 erschien. Ebenjener Brentano war es, dessen Schwester später von Arnim heiratete und später auch von Jacobs und Wilhelms begabtem Künstlerbruder Ludwig Emil Grimm porträtiert wurde. Jener Ludwig Emil Grimm war es auch, der als Erster seine Brüder darum bat, Volksmärchen für die Veröffentlichung zu sammeln. Eines der Gedichte aus der Fundgrube des Wunderhorn, „Wann mein Schatz Hochzeit macht“, inspirierte Gustav Mahler zu seinem ersten großen Liederzyklus, Lieder eines fahrenden Gesellen, den der österreichische Komponist 1884 begann, als er Musikalischer Leiter und Chordirigent am Königlichen Theater in Kassel war.

Titelblatt der ersten Ausgabe von Athenaeum (1798–1800), herausgegeben von August Wilhelm and Friedrich von Schlegel

5 Hier zum Vergleich zwei entgegengesetzte Einschätzungen der obsessiven Beschäftigung der Deutschen mit dem Vorbild der griechischen Antike am Ende des 18. Jahrhunderts und am Anfang des 19. Jahrhunderts: „Daher die Leidenschaft für erfundene Formen und Ideale, die Menschen zustande bringen. Es war einmal eine Zeit, wo wir vollständig waren, wo wir Griechen waren. (Das ist der große Mythos über die Griechen, der historisch gesehen ziemlich absurd ist, aber die Deutschen in ihrer politischen Hilflosigkeit beherrschte, von Schiller und Hölderlin, Hegel und Schlegel bis Marx.)“ Isaiah Berlin, The Roots of Romanticism, Princeton, N.J.: Princeton University Press 1999, S. 101. Oder alternativ: „Tatsächlich sind [die Jenaer Romantiker] die erste ‚Avantgarde‘-Gruppe der Geschichte. […] Das Athenaeum ist unsere Geburtsstätte.“ (Hervorhebungen des Autors.) Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy, The Literary Absolute: The Theory of Literature in German Romanticism, Albany: State University of New York Press 1988, S. 8. Die Zeitschrift mit dem programmatischen Titel Athenaeum bleibt weiterhin als Hochburg der deutschen Romantik bestehen, wenngleich ihre ersten theoretischen Impulse bereits in einem anonymen, höchstwahrscheinlich kollektiv abgefassten Fragment vorzufinden sind, das auf 1797 zurückdatiert wird und als Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus bekannt ist. Dieses Dokument wurde erst im Jahre 1926 von Franz Rosenzweig veröffentlicht (dessen Elternhaus in der Kasseler Unteren Karlsstraße vor einem Jahrhundert nur einen Steinwurf entfernt vom Palais Bellevue lag), nachdem der führende Philosoph des jüdischen Mystizismus es zwölf Jahre zuvor unter Hegels Manuskripten in Berlin gefunden hatte. Das Fragment wird heute häufig Friedrich Schelling zugeschrieben, einem anderen einflussreichen Mitglied des Jenaer Kreises.

6 Die Annahme des Katholizismus von Persönlichkeiten wie Schelling, den Schlegel-Brüdern u. a. spiegelte sich, in ästhetischer Hinsicht, in einer ebenso aggressiven Bejahung des gotischen Stils als das wahre Gesicht eines spezifisch deutschen Schönheitssinns wider, was natürlich mit einer Verketzerung der klassischen griechischen Ästhetik einherging, deren Propagierung nur ein paar Jahre zuvor für jeden deutschen Künstler, Intellektuellen und Gelehrten ein absolutes Muss gewesen war. Auf der Ebene der Malerei findet man die Entsprechung zu jener Rückkehr zur Kirche im Allgemeinen und zum katholischen Bollwerk des Mysteriums im Besonderen in den Kruzifixen von Caspar David Friedrich, dem Hauptlieferanten romantischer Bilder im deutschsprachigen Raum während des größten Teils des 19. Jahrhunderts.

7 Richard Clogg, A Concise History of Greece, Cambridge: Cambridge University Press 2002, S. 49.

König Otto von Griechenland in griechischer Tracht, ca. 1862

8 In einer 1836 verfassten autobiografischen Skizze schrieb von Klenze, er hätte nur fünf oder sechs Jahre „an einem unerdenklichen, jeder höheren Tendenz und Consequenz beraubten Hofe“ verbracht, während derer er nichts außer „französischer Kleinlichkeit und Manier“ zu Gesicht bekam. Zit. n. Adrian von Buttlar, Leo von Klenze: Leben, Werk, Vision, München: C. H. Beck 1999, S. 47.

9 Offensichtlich wurde irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts von Klenzes Ballhaus in einen Tennisplatz umfunktioniert zugunsten des Kronprinzen Wilhelm, ältester Sohn von Wilhelm II. und rechtmäßiger Erbe der deutschen Kaiserkrone. Sepiagetönte Fotografien aus der Vorkriegszeit von einem mit einem Tennisschläger sportlich posierenden Wilhelm, in nobles und lässiges Weiß gekleidet, erinnern an ähnlich unwahrscheinliche Tennisenthusiasten wie Charlie Chaplin, Sergei Eisenstein und Arnold Schönberg. Von weiteren seltsamen Andenken an Wilhelms Zeit wird der Bergpark vermüllt: Auf einer artifiziellen Insel im menschgemachten See des Parks liegt Wilhelms II. geliebter Dackel Erdmann begraben, sein Grab so platziert, das es immer aus dem Schlafzimmer des Kaisers im Südflügel des Schlosses Wilhelmshöhe sichtbar ist. Wilhelms II. Vorliebe für Kassel, er verbrachte jeden Sommer zwischen 1891 und 1918 im Schloss, stammt schon aus den Jugendjahren im Lyceum Fridericianum (1874–1877), dem heutigen Friedrichsgymnasium. Wilhelms Zeit in Kassel nahm ihren Anfang mit einer dazu passenden spartanischen Note: Er lief die ganze Strecke aus Berlin innerhalb von sechs Tagen zu Fuß.

Titelseite der ersten Ausgabe des Deutschen Wörterbuchs, herausgegeben von Jacob und Wilhem Grimm (Leipzig: S. Hirzel 1854). Holzschnitt nach einer Zeichnung von Ludwig Richter

10 Wir sind schon auf die rassifizierten Aspekte des europäischen Enthusiasmus für die klassische griechische Antike im 19. Jahrhundert eingegangen, die unvermeidlich zu der Prägung des Begriffs „le mythe de la Grèce blanche“ führte (um den Titel eines Buches von Philippe Jockey zu paraphrasieren, dessen Untertitel wiederum lautet: histoire d’une rêve occidental [Geschichte eines westlichen Traums]). An dieser Stelle lohnt es sich auch, von Klenzes Allerweltsfanatismus zu betrachten. Gegen Ende seines Lebens begrüßte er aktiv die zunehmende Rassifizierung in vorhandenen kunsthistorischen und kulturellen Narrativen und zitierte das folgende Motto des französischen Historikers und Orientalisten Ernest Renan in dem Vorwort für sein Manuskript Erwiederungen und Erörterungen (ca. 1860–1863): „Dans l’art et la poesie, que devons nous aux peuples sémitiques? Rien du tout; ces peuples sont très peu artistes, notre art vient entièrement de la Grèce.“ (Was haben wir in der Kunst oder Poesie den semitischen Völkern zu verdanken? Nichts. Das sind keine künstlerischen Menschen, unsere Kunst stammt ausschließlich aus Griechenland.) Ursprünglich in Ernest Renan, De la part des peuples sémitiques dans l’histoire de la civilization (1862), zit. n. Buttlar, Leo von Klenze, S. 314. Durch Europas gesamte Geschichte von herkunftsfixierter Selbstanalyse hindurch wurde Athen immer wieder gegen Jerusalem ausgespielt: Die Wiege steht entweder hier oder dort, sogar im Arbeitstitel der documenta 14 heißt es: „Von Athen lernen“. Der Klassiker, der diese Polarisierung dokumentiert, ist immer noch Leo Schestows programmatisch betitelter Text Athen und Jerusalem, den er in den 1930ern in seinem Pariser Exil schrieb. Im Anfangsabschnitt stellt er die Frage: „‚Athen und Jerusalem‘‚religiöse Philosophie‘, diese Begriffe sind im Prinzip identisch; sie haben nahezu dieselbe Bedeutung. Der eine ist ebenso mysteriös wie der andere, und sie irritieren das moderne Denken im selben Maße durch den inhärenten inneren Widerspruch. Wäre es nicht angemessener, das Dilemma als Athen oder Jerusalem, Religion oder Philosophie darzustellen?“ Leo Schestow, Athen und Jerusalem. Versuch einer religiösen Philosophie, übers. v. Hans Rupf, Graz: Verlag Schmidt-Dengler 1938, S. 11.

11 Das dramatischste Beispiel für das Schicksal, das Athens perikleische Kulturdenkmäler in den langen Jahren unter osmanischer Herrschaft ertragen mussten, befindet sich immer noch im British Museum in der Gestalt der sogenannten Elgin Marbles: eine 75 Meter lange Reihe aus Marmorskulpturen, die zwischen 1801 und 1812 von Lord Elgins Räubermannschaft aus den Metopen des Parthenon herausgerissen und in der Folge für einen niedrigeren Preis ans British Museum verkauft wurden, als ihr Transport nach London gekostet hatte, wo sie genau genommen von einem Großteil der Museumsbesucher_innen eher kühl aufgenommen wurden; paradoxerweise, weil sie nicht den extrem idealisierten Standards klassischer Schönheit („la Grèce blanche“) entsprachen. Seit ihrer Ankunft in den 1810ern in London haben sich die Elgin Marbles kaum vom Fleck bewegt, mit einer Ausnahme, als ein spezielles Fragment in den Jahren 2014/15 an die Eremitage in Sankt Petersburg ausgeliehen wurde, eine umstrittene Entscheidung. Das 2009 neu eröffnete Akropolismuseum in Athen erwartet noch immer besorgt die Rückkehr ihrer abhandengekommenen Kunstschätze.

12 Unter den Koryphäen des selbst ernannten Pantheons des deutschen Geistes finden wir auch Nikolaus Kopernikus, Peter Paul Rubens, Jan van Eyck und andere Gestalten, die den Begriff des Deutschtums erheblich strecken, auch wenn sie eine flexible Auffassung von der Reichweite der germanischen Sprachen in Betracht ziehen. Die Reihe derer, die außer den Brüdern Grimm dort nicht vertreten sind, ist zu lang, um sie alle zu erwähnen. Doch sei hier anzumerken, dass die kürzlich hinzugefügten Büsten, die solche Hauptakteure der deutschjüdischen Kultur wie Albert Einstein und Heinrich Heine darstellen, nicht gerade den erhabenen Richtlinien der Originale aus dem 19. Jahrhundert entsprechen, unter denen tatsächlich manche von Meistern wie Johann Gottfried Schadow gestaltet wurden. In einem berühmten in den frühen 1860ern entstandenen Aquarell von Moritz Hoffmann, das Wilhelm Grimms Arbeitszimmer in Berlin zeigt, ist eine Pallas-Athene-Büste so platziert, dass sie offensichtlich auf Wilhelms leeren Stuhl hinunterblickt. Erstaunlich ist, dass in den feurigen und glücklichen Tagen des Philhellenismus und der europaweiten Begeisterung für alles Griechische, ob alt oder neu, die tonangebenden Chronisten der germanischen Mythologie wenig über die Welt der griechischen Mythen zu sagen hatten. So wie auch der Nachbau des Parthenon in der deutschen Oberpfalz Walhalla nach dem altnordischen Namen für die Halle der heldischen Wiedergänger benannt ist.

13 Leser_innen, die ein musikalisches Ohr haben, hören hoffentlich die berühmte Bach-Kantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ an verschiedenen Stellen des Textes widerhallen.

Die zuletzt erschienene Ausgabe des von den Grimms begonnenen Deutschen Wörterbuchs (1970er Jahre) im Regal der Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt, Berlin, Mai 2016

14 Der Satz geht folgendermaßen weiter: „innerhalb subjektiv konstruierter Bereiche anstatt sich öffentlich Autoritäten entgegenzustellen.“ Zipes, The Brothers Grimm, S. 121 (Hervorhebungen des Autors). Zuvor ist zu lesen: „Zur Etablierung ihres rechtmäßigen und ,gerechten‘ Platzes in der deutschen Gesellschaft benutzte die Bürgerschicht aufgrund ihres Mangels an effektiver militärischer und vereinigter wirtschaftlicher Macht ,Kultur‘ als Waffe, um ihre Forderungen und Bedürfnisse durchzusetzen. […] Dabei bediente sich die Bourgeoisie der Methode der Appropriation, um ihre eigenen Institutionen und Konventionen zu schaffen, etwa die Übernahme und Aneignung von Besitztümern, Gütern und kulturellen Formen der niedrigeren Klassen und ihre Verfeinerung, um sie den Befindlichkeiten und Wünschen der bürgerlichen Kultur anzupassen.“ Ebd., S. 56.

Griechisches Restaurant in Donaustauf, 2016