Keimena #5: Verzió
von Miklós Erdély

Aufgrund von Urheberrechtsbeschränkungen können hier nur Filmstills gezeigt werden.

Montag, 16. Januar 2017, 24.00 Uhr auf ERT2
Verzió (Version), 1979, Ungarn, 54 Min.
Regie: Miklós Erdély

Miklós Erdélys Version kreist um Tiszaeszlár, ein kleines Dorf im Osten Ungarns, in dem 1882 ein junges Mädchen verschwindet und später tot im Fluss gefunden wird. Die örtliche jüdische Gemeinde wird des Ritualmords beschuldigt. An dem Gerichtsverfahren, das auf diese Ritualmordanklage folgt, entzünden sich in Österreich-Ungarn antisemitische Propaganda, Verhetzung und später dann Pogrome, die weltweit Aufsehen erregen.

Version basiert lose auf historischen Zeugnissen dieses Gerichtsverfahrens. Miklós Erdélys Rekonstruktion der Ereignisse rückt das Verhör des Sohns des Rabbiners in den Mittelpunkt, der Beweise für die Anklage liefern soll. Der Film zeigt einen Kreislauf von wechselnden Versionen der Geschehnisse, wobei Erdély drei Filmgenres kombiniert hat: investigative Reportage, Spielfilm und Making-of. Letzteres dokumentiert die Filmdreharbeiten und führt die Figuren ein, die alle von Laienschauspielern aus der Untergrundszene Ungarns dargestellt werden.

Version wurde mit der Handkamera aufgenommen und nutzt körniges Schwarz-Weiß-Filmmaterial. Die formale Radikalität seiner Machart und Montage spiegelt Erdélys differenzierten Blick auf das Medium Film und dessen Möglichkeiten, die vieldeutigen Erfahrungen der Realität einzufangen, wider.

Erdély, von Beruf Architekt, war von den 1960er Jahren bis zu seinem Tod 1986 ein einflussreicher Konzeptkünstler und charismatischer Katalysator der inoffiziellen Kunstszene Ungarns. Sein vielfältiges Werk als Schriftsteller, Dichter, Theoretiker und experimenteller Filmemacher ist von der Montage bestimmt. Seine Experimente mit der Sprache des Films verknüpfen analytische und poetische Zugänge zu diesem Medium. Darüber hinaus nutzte er häufig ausrangiertes Material, das er als „Fernseh-Müll“ bezeichnet hat.

Zwei von Miklós Erdélys Halbbrüdern wurden während der Shoah ermordet. Der Filmemacher war nicht nur an unbewältigtem Trauma interessiert, einem Tabuthema während der kommunistischen Herrschaft, sondern auch an allgemein vorherrschenden Einstellungen und dem archetypischen Bild des Juden in der modernen Gesellschaft.

—Lívia Páldi, Kuratorin

Gepostet in Öffentliches Fernsehen am 16.01.2017