Keimena #20: Inventur – Metzstraße 11 und Logbook_Serbistan
von Želimir Žilnik

Aufgrund von Urheberrechtsbeschränkungen kann nur ein kurzes Segment des Films hier gezeigt werden.

Montag, 1. Mai 2017, 24.00 Uhr auf ERT2
Inventur – Metzstraße 11, 1975, BRD, 9 Min.
Logbook_Serbistan, 2015, Serbien, 94 Min.
Regie: Želimir Žilnik

In den vierzig Jahren, die zwischen Inventur – Metzstraße 11 und Logbook_Serbistan liegen, hat deren Regisseur Želimir Žilnik niemals aufgehört, den Entrechteten eine Stimme zu geben. Entstanden im Jahr 1975, fällt Inventur in Žilniks deutsche Periode. In Folge des Zusammenbruchs der Black Wave, einer Generation von jugoslawischen Filmschaffenden, in der der serbische Regisseur eine wichtige Rolle spielte, floh er aus Jugoslawien. In der BRD zog es ihn dann zu denjenigen Menschen hin, die ins Land gekommen waren, um dort zu arbeiten: Fremd- und Gastarbeiter wie er selbst. Inventur bedient sich des formalen Tricks, vom selben Standpunkt aus Bewohner eines Hauses zu zeigen, wie sie die Treppen hinuntergehen. Dieses melancholische Porträt einer multikulturellen Gesellschaft, die gemeinsam unter einem Dach lebt, liefert einen eindringlichen Bericht über das Leben migrantischer Arbeiter_innen – zuweilen als satirische Komödie, dann wieder als eine Chronik des Spaßes, den man beim kollektiven Filmdreh hat.

Vier Jahrzehnte später, 2015, entstand Logbook_Serbistan, ein seltenes Beispiel für einen Film als politische Aktion. Serbien sieht sich einem Zustrom von Flüchtlingen gegenüber, die die „Festung Europa“ stürmen. Und das führt zum Wiederaufleben einer populistischen Rhetorik, für die Žilniks Film das Antidot ist. Logbook wurde bereits im serbischen Fernsehen ausgestrahlt, ehe Žilnik ihn mit auf Reisen zu den Einwanderungszentren nahm. Žilniks Beitrag zum Road-Movie-Genre ist ein froher Film. Es ist ein Film der Dialoge (Žilnik filmt mit zwei bis drei Kameras gleichzeitig, um die Spontaneität der Szene einzufangen), wobei die Protagonist_innen entscheidende soziale Fragen ansprechen, die Politiker_innen aus irgendwelchen Gründen für „naiv“ halten. Aber der Film ist auch ein Handschlag. Ein Handschlag ist der einfachste Akt der Bezeugung menschlicher Solidarität, und für diese Solidarität sind Logbook_Serbistan, wie auch das Gesamtwerk Žilniks als Regisseur, gleichsam Denkmäler.

—Boris Nelepo, Filmkritiker und Programmkurator

Gepostet in Öffentliches Fernsehen am 01.05.2017