Zum Gedenken an K. G. Subramanyan (1924–2016)
von Natasha Ginwala

K. G. Subramanyan, Anatomy Lesson (Detail), 2008, Terracotta-Reliefs, je ca. 76 × 76 cm. Sammlung des Kiran Nadar Museum of Art, Neu-Delhi. Mit freundlicher Genehmigung der Seagull Foundation for the Arts, Kolkata.

Da die Tage vorüberziehen
Und du an Jahren gewinnst

Hält die Vergangenheit dich nicht gefangen
– K. G. Subramanyan, aus „A Near Vision“, in: Poems: Rhymes of Recall, Seagull Books 2014

Nach jahrzehntelangem unermüdlichem Lehren und Schaffen ist ein Visionär unter den Künstlern und Pädagogen, der stets Zeit für andere hatte, von uns gegangen. Am 9. Februar 2016 begegnete ich gemeinsam mit einigen Mitarbeitern der documenta 14 K. G. Subramanyan in Santiniketan. Kurz vor seinem dreiundneunzigsten Lebensjahr war er dabei, sein Haus der Visva-Bharati University zu schenken, auf deren Gelände es steht, damit daraus ein öffentliches Archiv und Zentrum für Kulturforschung gemacht würde. Subramanyan hatte an dieser Universität seit 1944 mehrere Jahre als Student und später auch als Dozent der Kunstfakultät Kala Bhavana verbracht, bevor er zur Maharaja Sayajirao University of Baroda in Vadodara, Gujarat, wechselte. Wir saßen auf einer Veranda, und er begann uns seine Vorstellungen von der künftigen Rolle der Kultureinrichtungen zu erläutern. Er sprach vom fortgesetzten Bestreben der Kunstpädagogik, sich als radikales Gesellschaftsexperiment zu verstehen. Bemerkenswerterweise erzählte er uns auch von einem Gespräch, das Rabindranath Tagore, der bengalische Dichter-Philosoph und Gründer der Universität, gegen Ende seines Lebens mit Mahatma Gandhi geführt hat. Dabei offenbarte sich uns auch, wie geschwächt Subramanyan selbst bereits war. „Als Gandhi 1940 hierher zu Besuch kam, sorgte sich Tagore schon ein wenig um seine Gesundheit, und er soll mit der Frage gerungen haben, wie er die Zukunft dieser Institution sichern konnte. Doch ihm fehlte der Mut, Gandhi darauf anzusprechen. Soweit wir den Geschichtsbüchern vertrauen können, schrieb Tagore stattdessen ein paar Worte auf einen Zettel und gab ihn Gandhi in die Hand. Darauf stand: ‚Diese Universität ist wie ein Schiff, und seine Ladung ist der größte Schatz meines Lebens. Versuchen Sie also ein Auge darauf zu haben.‘“

Subramanyans Leben ist ein unvergängliches Zeugnis des langen Weges, den Indien von seinem Kampf um die Entkolonialisierung bis zur Unabhängigkeit, von der Entstehung seiner Institutionen und der Modernisierung des Landes bis zur heutigen Zirkulation des globalen Kapitals und zur Eskalation rechtsnationaler Feinseligkeiten in der Gemeinschaft zurückgelegt hat. In Subramanyans Gelassenheit verbanden sich Sanftmut und Willensstärke, und die Tiefe seines Erfahrungswissens stand im Einklang mit der Leichtigkeit seiner Erkenntnis.

Sein künstlerisches Werk verweilt an der Schwelle zwischen der Macht der Mythen und den Räumen des Realen – dort, wo beide als emblematische Lebenslehren beziehungsweise formwandelnde historische Figuren eine enge Bindung eingehen. Als Wandmaler befasste er sich mit den Unstimmigkeiten dieser Welt – den positiven und negativen Oberflächen, die gemeinsam das Dasein in seiner überbordenden Dimensionalität bestimmen. In den Geschichten, die er verfasst und mit Tuschezeichnungen und Scherenschnittcollagen illustriert hat, bescherte er uns mit einem unverwechselbaren satirischen und klugen Humor, mit dem er auch komplexe Erkenntnisse verbreitete. Auf meine Frage, ob manche dieser literarischen Erzählungen auf junge Seelen nicht zu bedrohlich wirkten, lächelte er nur und sagte: „Diese Geschichten sind für alle und jeden, denn die Wirklichkeit, die wir erleben, ist noch viel finsterer.“

Heute denke ich besonders an sein Werk Anatomy Lesson (2008), eine Serie von Terracotta-Reliefs, die in Form skulpturaler Gedichte einen Warnruf an unsere Gesellschaft in ihrer kollektiven Aufgewühltheit senden und dabei versuchen, den zerstückelten Körper anzusprechen:


Zu zerfetzen die Leiber
Argloser Mitmenschen.


Um schwindende Männlichkeit zu behaupten?
Einen tiefen Schmerz?
Eine alte Kränkung zu rächen,
Oder einem gesichtslosen Gott zu dienen
Geschaffen aus Stein oder Holz
Oder einem unstofflichen Mythos
Aus zahllosen Sagen geboren ...

– K. G. Subramanyan, aus: Two Poems, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Seagull Foundation for the Arts, Kolkata


Die Autorin und das Team der documenta 14 danken herzlich Naveen Kishore von der Seagull Foundation for the Arts für seine Unterstützung bei der Vorbereitung unseres Besuchs bei K. G. Subramanyan sowie dafür, dass er uns seine Kenntnisse des Werks von K. G. Subramanyan so bereitwillig zur Verfügung gestellt hat.

Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

Gepostet in Notizen am 04.07.2016
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