Das Parlament der Körper: A Century of Camps: Refugee Knowledge and Forms of Sovereignty Beyond the Nation-State

AUG
12
Forum
18–22 Uhr
Fridericianum, Friedrichsplatz 18, Kassel
Als Livestream verfügbar
AUG
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Forum
12–15 Uhr
Fridericianum, Friedrichsplatz 18, Kassel
Als Livestream verfügbar
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The Refugee Heritage ist ein Projekt von DAAR-Sandi Hilal und Alessandro Petti, Foto: Luca Capuano mit Carlo Favero

Teilnehmende: Isshaq Al-Barbary, Mohammed Allahham, Niklas Goldbach, Sandi Hilal, Elias Khoury, Alessandro Petti, Lorenzo Pezzani, Rasha Salti, Jad Tabet und Eyal Weizman

Kuratiert von Rasha Salti und Paul B. Preciado


„Du denkst, dass Du im Krankenhaus bist, aber Du irrst Dich. Das ist kein Krankenhaus, es sieht nur so aus. Alle diese Dinge sind nicht echt, sondern Simulacra ihrer selbst. Wir sprechen über ein Haus, aber wir wohnen nicht in Häusern; wir leben in Orten, die so aussehen wie Häuser. Wir sagen Beirut, doch wir leben nicht wirklich in Beirut, wir befinden uns in etwas, das den Anschein hat, Beirut zu sein. Ich sage Arzt, ich bin jedoch kein Arzt, ich gebe nur vor, einer zu sein. Auch das Lager selbst – wir sagen, wir seien im Lager Shatila, doch nach der Schlacht um die Lager und der Zerstörung von achtzig Prozent der Gebäude in Shatila, ist es kein Lager mehr, sondern hat nur noch den Anschein eines Lagers – Du verstehst, die langweiligen Vorgeblichkeiten wollen kein Ende nehmen.
Dir gefällt nicht, was ich sage?
Schau’ Dich um. Es sollte nicht lange dauern bis Du davon überzeugt bist, dass es wahr ist.
Lass mich Dich ein wenig herumführen.“
—Elias Khoury, Gate of the Sun (Tor zur Sonne), 2007

Die Zusammenkunft des Parlaments der Körper befasst sich mit den Genealogien, Epistemologien, dem Erbe und den Erkenntnissen, die aus einem der schmerzhaftesten und düstersten Vermächtnisse des 20. Jahrhunderts hervorgegangen sind: dem „Flüchtlingslager“. Die ersten Flüchtlinge jenes Jahrhunderts waren die Überlebenden des Genozids an den Armeniern zwischen 1915 und 1923, die auf dem Gebiet lebten, aus dem die Republik Türkei hervorging. Der Genozid an den Armeniern gab erstmals Anlass zur Bildung internationaler humanitärer Hilfsnetzwerke für Überlebende und die Einrichtung von Auffanglagern. In angrenzenden Ländern wurden Triage-Stationen eingerichtet und die internationalen Medien berichteten in Reportagen und mit Fotos über die schrecklichen Erfahrungen der Menschen. Mit der Institution des Flüchtlingslagers wurde ein politisches Regime ohne politische Rechte erfunden und ein visuelles Regime totaler Entblößung und Enteignung.

Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hat man sich in der Forschung, Theorie und Politik eingehend mit der Staatsangehörigkeit und dem Nationalstaat beschäftigt. Demgegenüber wurden alle anderen Arten der Gemeinschaftsbildung, ökonomische und urbane Organisationsformen sowie soziale Beziehungen, die sich außerhalb staatlicher und staatsbürgerlicher Muster befinden als theoretische Ausnahmen aufgefasst, die der anthropologischen, ethnografischen und humanitären Kontingenz angehören. Obwohl diese Lager auf den Prinzipien des Temporären und Nicht-Dauerhaften beruhen, haben sie seit mehr als einem halben Jahrhundert Bestand. Generationen ihrer Bewohner werden in eine Welt geboren, die ihnen die Identität des Flüchtlings zuschreibt, auch wenn sie selbst nicht Opfer von Vertreibung wurden wie ihre Eltern oder Großeltern. Im Laufe der Zeit werden Flüchtlingslager zu Stadtvierteln und Geflüchtete zu teils eingebürgerten Anwohnern, zertifizierten Arbeitern, den „Gast-Anderen“ der nationalen Wirtschaft. Hundert Jahre nach dem Genozid an den Armeniern ist die Zahl derjenigen, die als Flüchtling eingestuft werden exponentiell gestiegen. Humanitäre Organisationen, die sich um das Überleben und Schicksal der Geflüchteten kümmern, sind dermaßen institutionalisiert, dass man sie als normal und gewöhnlich betrachtet. Trotzdem bleibt die Auffassung bestehen, dass ein Lager „außerhalb“ des nützlichen Wissens, Agierens und Daseins liegt.

Ziel dieses Forums im Rahmen des Parlaments der Körper ist deshalb ein Paradigmenwechsel, bei dem das Flüchtlingslager und das Leben eines Flüchtlings als etwas Zentrales verstanden werden und nicht als Epiphänomene, Ausnahmen oder zeitlich begrenzter Zustand. Von Beirut bis Calais und von Lesbos bis Zaatari laden wir Architekten, Stadtplaner, Theoretiker, Filmemacher, Künstler, Autoren und Aktivisten ein, mit uns über die Erkenntnisse nachzudenken, die beim Leben in den Camps nicht nur angesammelt, sondern auch weitergegeben werden. Es geht um die unzähligen Geschichten über Handlungsmöglichkeiten, Aufbau, Widerstand und das Aushandeln von Macht und Autorität; die Bildung von Gemeinschaft, Räumen und Zeitlichkeit. Das Vermächtnis eines Jahrhunderts der Flüchtlingslager stellt einen fruchtbaren Boden dar, um die normativen Paradigmen des Nationalstaats und der Staatsangehörigkeit zu hinterfragen und andere Kosmogonien dahingehend auszuloten, wie man Gesellschaften organisieren, sich zu Macht und Autoritäten positionieren und Ökonomien, Raum und Zeit produzieren kann.


PROGRAMM

Flüchtlingslager werden in der Absicht aufgebaut, wieder niedergerissen zu werden. Als paradigmatische Darstellung politischen Versagens sollen sie weder eine Geschichte noch eine Zukunft haben; sie sollen vergessen werden. Die Geschichte der Flüchtlingslager wird andauernd gelöscht, abgetan, von Staaten, internationalen humanitären Hilfsorganisationen und selbsternannten Organisationen der Geflüchteten, die sich darum sorgen, dass jegliche Anerkennung der gegenwärtigen Situation das zukünftige Recht auf Rückkehr untergräbt. Die einzige Geschichte innerhalb von Flüchtlingsgemeinschaften ist jene der Gewalt und Erniedrigung. Dennoch ist das Lager auch ein Ort, der reich an Geschichten ist, die durch seine urbane Textur erzählt werden. Dadurch dass es die Geschichte der Geflüchteten jenseits der Erzählung von Leid und Vertreibung nachzeichnet, dokumentiert, offenlegt und darstellt, stellt Refugee Heritage einen Versuch dar, das Geflüchtetsein jenseits des Humanitären zu denken und auszuüben. ​

Zeitgenössische Vorstellungen von Kulturerbe und Denkmalschutz werden von sehr mächtigen Institutionen flankiert, die in vielen Fällen auf die Enteignung von Kulturgütern ausgerichtet sind. Das Format der UNESCO „für die Nominierung von Stätten für die Liste des zu schützenden Weltkulturerbes (Anhang 5)“ ist ein Produkt des Kolonialismus und entstammt einer kolonialen Ära. Im Laufe von zwei Jahren haben sich Organisationen und Individuen, Politiker_innen und Denkmalschutzexpert_innen, Aktivist_innen, Vertreter_innen von Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen sowie Anwohner_innen zusammengetan, um die Implikationen einer Nominierung des Flüchtlingslagers Dheisheh als Weltkulturerbestätte zu erörtern. Refugee Heritage strebt danach, das Potenzial für die Mobilisierung des Welterbes als Akteur des politischen Wandels einzusetzen.

12. August
18–22 Uhr
Teilnehmende: Elias Khoury, Isshaq Albarbary, Mohammed Allahham, Jad Tabet, Sandi Hilal und Alessandro Petti

Die Diskussionen werden sich in erster Linie um die Frage drehen, wer die Geschichte eines Lagers schreibt. Um eine „Kultur des Exils“ als diejenige Perspektive anzuerkennen, aus der gesellschaftliche, räumliche und politische Strukturen erdacht und jenseits der Idee des Nationalstaats erfahren werden können, wird eine Gruppe von Vereinigungen und Kollektiven den Vorschlag vorstellen, ein Flüchtlingslager auf der West Bank als UNESCO Welterbestätte zu nominieren.

  • 18–20 Uhr: Präsentation von Elias Khoury mit anschließender Diskussion
  • 20–20:30: Pause
  • 20:30–22 Uhr: Vorstellung des UNESCO-Antrags von Isshaq Albarbary, Mohammed Allahham von Deheisheh und Decolonizing Architecture (Sandi Hilal und Alessandro Petti)

13. August
12–15 Uhr
Präsentationen von Lorenzo Pezzani und Niklas Goldbach mit einer Schlussbemerkung von Eyal Weizman sowie einer anschließenden offenen Diskussion

Die Diskussion konzentriert sich auf Fragen der Genealogien, Typologien und Logiken von Flüchtlingslagern. Das Resultat von bewaffneten Konflikten oder Krisen stellen eine Inkarnation der Globalisierung dar: Was sind die Geografien in diesem unbeständigen Raum? Von welchen Mechanismen der Produktion und Reproduktion von gesellschaftlichen Beziehungen und politischer Autorität müssen wir ausgehen?


Zur Diskussion stehende Dokumente

Refugee Heritage (http://www.decolonizing.ps/site/architecture-of-exile-iv-b/) besteht aus den ersten vier Abschnitten des Annex 5 Dossiers zur Nominierung des Flüchtlingslagers Dheisheh (https://www.unrwa.org/where-we-work/west-bank/dheisheh-camp) für die Liste des Weltkulturerbes: Identifizierung, Beschreibung, Rechtfertigung und Bestandsschutz.

Das Dossier zur UNESCO Nominierung ist ursprünglich von DAAR (Alessandro Petti, Sandi Hilal, Sandy Rishmawi, Elsa Koehler, Isshaq Al Barbary, Mais Musleh) erstellt worden, und zwar in Abstimmung mit Campus in Camps (http://www.campusincamps.ps/about/), Dheisheh Camp Popular Committee, Finiq Cultural Center, Ibdaa Cultural Center (http://ibdaa48.weebly.com/), Riwaq Center for Architectural Conservation sowie Centre for Cultural Heritage Preservation in Bethlehem. Besonderer Dank gebührt den Familien Odah und Al Saifi. Außerdem wurde die Produktion unterstützt von der Foundation for Art Initiatives sowie der 5. Riwaq Biennale.

Forensic Oceanography Reports (Lorenzo Pezzani): http://we-make-money-not-art.com/forensic_oceanography/

Text von Ismael Sheikh Hassan (auf Englisch): https://conversations.e-flux.com/t/refugee-heritage-conversations-ismael-sheikh-hassan-illusions-and-wizardry/6759

Text von Anooradha Siddiqi (auf Englisch): http://www.decolonizing.ps/site/2017/07/refugee-heritage-conversations-anooradha-iyer-siddiqi-the-coming-of-heritage-shimelba-in-time-architecture/


In Zusammenarbeit mit dem Arab Fund for Arts and Culture


Isshaq Al-Barbary ist Schriftsteller und Forscher. Sein Werk vereint Diskurs, räumliche Intervention, Bildung, kollektives Lernen und öffentliche Begegnungen. Er arbeitet mit Methoden der kritischen Pädagogik und ist Koordinator von Campus in Camps, einem experimentellen Bildungsangebot im Flüchtlingslager Dheisheh in Bethlehem. In letzter Zeit kreisen seine Forschungsinteressen um die Darstellung von Flüchtlingslagern und Flüchtlingen in den Camps im Westjordanland.

Niklas Goldbach ist ein in Berlin lebender Künstler. In seinen jüngsten Video- und Fotoarbeiten verwendet er architektonische Konzepte und Elemente, um die Beziehung zwischen Subjektivität und hierarchischen Gesellschaftsstrukturen – innerhalb des Nationalstaates und darüber hinaus – vor dem Hintergrund einer global expandierenden Vernetzung dieser Orte zu untersuchen.

Sandi Hilal und Alessandro Petti wurden mit der Keith Haring Fellowship in Art and Activism 2016/2017 am Bard College ausgezeichnet. Sie sind die Gründer des experimentellen Bildungsprogramms Campus in Camps und Kodirektoren des Architekturbüros und Künstler-Residenz-Programms DAAR (Decolonizing Architecture Art Residency).

Elias Khoury wurde in Beirut geboren. Er studierte Soziologie und Geschichte an der Libanesischen Universität von Beirut und der Universität Paris. Seine Laufbahn als Literaturkritiker begann mit seinem Buch Searching for a Horizon: The Arabic Novel after the Defeat of 1967. Er war eine prominente Figur in der Beiruter Avantgardebewegung der arabischen Literatur. Elias Khoury hat mehr als zwölf Romane und vier Bände literaturwissenschaftlicher Texte veröffentlicht. Er hat sich auch als Dramatiker einen Namen gemacht.

Lorenzo Pezzani ist Architekt und Wissenschaftler. Zurzeit ist er Dozent am Goldsmiths, University of London, wo er das MA Studio in Forensischer Architektur leitet. Er beschäftigt sich mit Raumpolitik und visuelle Migrationskulturen mit dem Schwerpunkt der Geografie des Ozeans. Er beteiligte sich auch an Forensic Oceanography, einem gemeinschaftlichen Projekt, das das militarisierte Grenzregime im Mittelmeer kritisch untersucht.

Rasha Salti ist eine freie Kuratorin und Autorin im Bereich Film und Bildende Kunst, die in Beirut und Berlin lebt und arbeitet. Zurzeit ist sie Chefredakteurin bei La Lucarne, dem Programm für experimentelle Dokumentarfilme des französischen Fernsehsenders Arte.

Jad Tabet ist Architekt und Planer, der in Beirut und Paris arbeitet. Er beschäftigt sich mit unterschiedlichen Aspekten in den Bereichen Entwurf und Forschung; seine Arbeit umspannt Felder der historischen Stadtlandschaft, Entwürfe für den öffentlichen Raum, die Rehabilitierung und Neubelebung traditioneller urbaner Strukturen, Strategieentwicklung für nachhaltiges Nachbarschaftswachstum sowie sozialen Wohnungsbau und öffentliche Einrichtungen.

Eyal Weizman ist Architekt, Professor für Spatial and Visual Cultures und Gründungsmitglied des Architekturkollektivs DAAR in Beit Sahour, Palästina. Er hat für NGOs auf der ganzen Welt gearbeitet und war Vorstandsmitglied von B’Tselem. Ihm wurde der James Stirling Memorial Lecture Prize 2006/2007 zugesprochen. Derzeit ist er einer der leitenden Wissenschaftler des ERC-Projekts in Forensischer Architektur.

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