Georgia Sagri

Georgia Sagri, Attempt. Come. (2016), Performance, documenta 14, Parko Eleftherias, Athen, Foto: Stathis Mamalakis

Der Omonia-Platz als Herz bayerischer Herrschaft begann seine Existenz auf dem Papier, mit majestätischen Gebäuden als Arterien und von Bäumen gesäumten Prachtstraßen. Was ist mit dem Grundstein geschehen, der dort zu Ehren von König Otto gelegt wurde? Könnte er im Untergrund in winzige Materieteilchen verwittert sein, die sich im dynamischen Pulsieren des Platzes reinkarnieren? Von Zeit zu Zeit vibriert der Omonia-Platz im Rhythmus von Demonstrationen, die sich auf die Straße ergießen und das Land erschüttern. Sein Boden, geformt von demokratischen Impulsen sich versammelnder Körper. Omonia, dieses seltsame Amalgam aus missglückter Stadtplanung, neoliberaler Politik und prekären Lebensweisen, erobert das Reich des Symbolischen im Takt marschierender Füße.

Diesen Eindruck gewinnt man zumindest, wenn man auf dem Balkon von Ύλη[matter]HYLE steht, einem semiprivaten Raum unweit des Omonia-Platzes. „Hyle“ bedeutet „Materie“ und lässt uns über die Dinge und ihr Wesen nachdenken. Dies korrespondiert mit dem Anspruch des Ortes, sich mit „den Vokabularien einer anderen Gesellschaft“ auseinanderzusetzen. Hyle wurde von Georgia Sagri gegründet. 1979 in Athen geboren, analysiert die Künstlerin mit unterschiedlichen Medien Identitätskonstruktionen, soziale Gepflogenheiten und moderne Machtverhältnisse. Häufig unterminiert Sagri in ihren Performances Verhaltensmuster und stellt Glaubenssysteme zur Disposition. Das wiederholte Austesten körperlicher Grenzen ist ebenso zentraler Bestandteil ihrer Arbeit wie die Beschäftigung mit physischen Manifestationen der Politik – durch das Besetzen öffentlicher Räume (Polytechnic, 1999), die Verkörperung der Straße (The New Kind, 2003) oder die Nutzung des Rechts auf uneingeschränkte Bewegung (Mona Lisa Effect, 2014). Ähnliches gilt für Attempt. Come. (2016), eine Aufforderung, mithilfe des Körpers die Gesellschaft neu zu denken. Vor dem ehemaligen Militärpolizei-Hauptquartier der griechischen Junta verzichteten wir auf zeitliche Konventionen und die Bequemlichkeit einer sicheren Perspektive und folgten 24 Stunden lang dem Tanz der Künstlerin zum Klang von Trommeln. Die Performance war ein poetischer Versuch, die politische und soziale Praxis mit alten Riten zu verknüpfen. Sagri, die als Zeichen des Widerstands ein Stück Stoff schwenkt; Sagri, die wie eine moderne Bacchantin kreiselnd außer Kontrolle gerät. Wie viele Tanzschritte braucht es für eine Versöhnung mit den Gespenstern der Vergangenheit? Wie viele, um sich Sagri anzuschließen? Im Verlauf der Performance schienen, wie auch in ihrem Stück Dynamis für die documenta 14, Körper und Ort sich gegenseitig zu formen. Zu den Klängen einer Trommel verwandelte sich Bewegung in eine Handlung, und der Ort schien zu einem Raum der Freiheit getanzt zu werden, wo wir – Publikum, Zuschauer_innen, Bürger_innen – dazu aufgerufen wurden uns vorzustellen, was erst noch kommen muss.

— Elena Parpa

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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#19 Attempt. Come.

von Georgia Sagri

(Versuch es. Komm.)

Versuch es.
Komm.
Unbestimmt.
Sei der Nichtbezugspunkt.
Stetig,
und als Zustand der Entstehung.
Spiel.
Spiel weiter mit dem Takt.
Vibrier mit mir, lass das Chaos ein.
Es ist eine Einladung.
Komm.
Als…

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