Sergio Zevallos

Sergio Zevallos, Cuaderno de matemática (Matheheft, 2014), Grafit auf Kohlepapier, vier von 91 Blättern, Gesamtmaße variabel

In seinem Buch Das dressierte Kind (1975) beschreibt der Philosoph und Charles-Fourier-Forscher René Schérer, wie das Aneignen und Abschöpfen der libidinösen Energie des Subjekts – ein moderner, kolonialer, kapitalistischer Prozess – mit dem Erlernen des Schreibens in der Schule beginnt. Der Übergang von mündlicher Überlieferung zur Schriftkultur setzt das Verstummen der Menschen voraus. Lautlos zu lesen – als physischer Ausdruck der Verinnerlichung – ist Teil des Prozesses, der das neue Individuum hervorbringt: Ein Individuum, das lernt, Worte nicht auszusprechen und Dinge zu vergessen, die sein Volk einst erinnerte. Die Schule ist es auch, die die masturbierende Hand das Schreiben lehrt, ehe sie von einer Abfolge unterschiedlicher Institutionen dazu gebracht wird, zur männlichen Hand zu werden, zu arbeiten, eine Waffe zu tragen.

Sergio Zevallos lernte in Lima, wo er 1962 geboren wurde, auf Spanisch zu schreiben, in einer Zeit brutaler militärischer Konflikte und ausgeprägter Antagonismen (kolonial, sexuell, klassenbasiert). Seine gesamte Praxis kann als akribischer Versuch gesehen werden, seinen Körper mit der masturbierenden Hand und seine Stimme mit den Erfahrungen einer Kultur neu zu verbinden, die sein Mund nicht mehr auszusprechen vermag. Zwischen 1982 und 1994 war Zevallos Mitglied der Grupo Chaclacayo – neben dem Deutschen Helmut Psotta und dem Peruaner Raúl Avellaneda. Die Gruppe war für ihre Fotografien und öffentlichen Performances bekannt, die die sexuelle und rassistische Gewalt der bewaffneten Konflikte in Peru anprangerten. Ihre Bilder vermengten und desakralisierten religiöse Symbole ebenso wie die heroische Männlichkeit des Soldaten.

Seiner Zusammenarbeit mit Psotta verdankte Zevallos auch die Möglichkeit, 1989 ins Exil nach Deutschland zu gehen, wo er seine künstlerische Arbeit alleine fortführte. Sein Werk, das Fotografien, Performances, Installationen, Zeichnungen und Texte zu einem komplexen Gewebe zusammenfügt, ist durch zwei wiederkehrende Aspekte gekennzeichnet. Einerseits kritisiert der ikonoklastische Charakter seiner Arbeiten die Wissensansammlungen, Praktiken und Repräsentationsformen, die das von der kolonialen Moderne geprägte Subjekt hervorbringt. Hier wird der Künstler zum gegenwissenschaftlichen Zerstörer von Taxonomien, von ethnografischen oder psychopathologischen Nachschlagewerken, die festlegen, was als normal oder krank, zivilisiert oder primitiv gilt. Andererseits greift Zevallos Bewusstseinstechniken wie Animismus und Schamanismus auf, die dem westlichen Denken fremd sind. Ziel ist die Rekonstruktion einer neuen Souveränität für den vom kolonialen und nekropolitischen Kapitalismus verwundeten Körper – eine Souveränität, die weder maskulin noch heroisch ist.

— Paul B. Preciado

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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