Andreas Angelidakis

Andreas Angelidakis, Αυθαίρετο (Ungenehmigt, 2016), Digitalvideo, Farbe, Ton, 7 min, courtesy Andreas Angelidakis und The Breeder, Athen

Wo sind wir, und wie sind wir dorthin gelangt? Das sind die Fragen, mit denen sich Andreas Angelidakis beschäftigt. Seine Arbeiten beruhen auf der Erfahrung des Verortetseins: in Griechenland, im Klimawandel, in der Architektur, in der Psychoanalyse, im Internet, in einem Körper. Angelidakis, 1968 in Athen geboren, thematisiert Aspekte des Ortsspezifischen zu einer Zeit, in der der Umstand, an einem bestimmten Ort zu sein, stets auch bedeutet, an mehreren anderen zugleich zu sein. So vergleicht der Kurzfilm Vessel (2016) den antiken Kyniker Diogenes mit „einem antiken Internetuser“, der sich weigert, einem einzelnen Ort die Treue zu halten. Das Multimediaprojekt Domesticated Mountain (2012) wiederum beschreibt die Suburbia als eine Ansammlung unserer Online-Aktivitäten, während in Walking Building (2006) ein wanderndes Museum durch Athen zieht – als Antwort auf künstlerische Produktionsstrukturen im Post-Internet-Zeitalter.

An einem Ort zu sein ist stets verknüpft mit Aspekten der Zeit, heimgesucht von Vergangenheit und Zukunft, von der Gegenwart und ihren Folgen. Es bedeutet, in einer Welt zu leben, die gerade gebaut wird, von Konstrukteuren, die unsichtbar sind. In Vessel erklärt Angelidakis, das Europa von heute sehe aus „wie die Informationen, die Griechenland exportiert hat, festgeschrieben in Form von Gebäuden“. Die Idee eines Ortes färbt auf diesen ab – doch Ideen werden vererbt. So deutet der Künstler das Athen unserer Tage durch das 19. Jahrhundert und das Internet durch das antike Griechenland. Er betrachtet die Zukunft retrospektiv und die Gegenwart als eine Ruine. Doch „eine Ruine ist ein Gebäude im Wandel. Alle Gebäude befinden sich im Wandel“. In diesem Sinne versah Angelidakis auch den Eingang zu seiner Retrospektive im Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst in Athen 2014 mit einem Gerüst und fertigt 3-D-Drucke von Ruinen aus Knochen an.

Als Architekt errichtet Angelidakis keine Gebäude mehr. Er habe, so erklärt er, die Architektur als Profession zugunsten der Architektur selbst aufgegeben und kann sich so ihren Verboten widersetzen. Er lässt zu, dass sein Werk von Persönlichem unterwandert wird, und nährt Ambivalenz und Ungewissheit. „Vielleicht benötigen wir einfach keine neuen Gebäude mehr. Vielleicht genügt es, die bestehenden umzugestalten“, so der Künstler. Und er vergleicht Diogenes, der mit seinem Hund in einem Fass lebte, mit unserer heutigen Zeit, in der „wir alle neben unseren Hunden in unseren Bildschirmen schlafen“. Hat das Leben im Fass Diogenes geprägt, oder hat sich sein Haus in ein Fass verwandelt, als Reaktion auf seine Person? Er habe „Gebäude und Objekte stets wie Persönlichkeiten behandelt, wie emotionale Wesen“, sagt Angelidakis von sich. „So wie wir Gebäude gestalten, so gestalten Gebäude und Räume auch uns.“

— Nicholas Korody

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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