Pierre Zucca
(1943–1995)

La monnaie vivante (Die lebende Münze), ca. 1970, Schwarz-Weiß-Fotografien, Estate Pierre Zucca, Installationsansicht, EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen, documenta 14, Foto: Mathias Völzke

La monnaie vivante (Die lebende Münze), ca. 1970, Schwarz-Weiß-Fotografien, Estate Pierre Zucca, Installationsansicht, EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen, documenta 14, Foto: Mathias Völzke

La monnaie vivante (Die lebende Münze), ca. 1970, Schwarz-Weiß-Fotografien, Estate Pierre Zucca, Installationsansicht, EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen, documenta 14, Foto: Mathias Völzke

Pierre Klossowski
Die Gesetze der Gastfreundschaft

[Im Haus der Protagonisten Roberte und Octave hängt ein handgeschriebenes Blatt eingerahmt an der Wand des Gästezimmers, direkt über dem Bett. Ein Strauss verblassender Wildblumen hängt von dem altmodischen Rahmen herab. Die im Text beschriebenen Gesetze regulieren den Austausch zwischen dem eingeladenen Gast, dem Herr des Hauses, und Roberte.]

Der Hausherr, der keine dringendere Sorge hat, als jeden, der des Abends kommt, um sich an seinen Tisch zu setzen und sich unter seinem Dach von den Mühen der Reise auszuruhen, seiner Freuden teilhaftig werden zu lassen, erwartet auf der Schwelle seines Hauses ängstlich den Fremden, den er am Horizont als Befreier auftauchen sieht. Und wenn er ihn nur von weitem erblickt, wird der Hausherr ihm eiligst zurufen: „Tritt rasch ein, denn ich fürchte mich vor meinem Glück.“ Deshalb weiß der Hausherr im Voraus jedem Dank, der weit entfernt ist, zu glauben, die Gastfreundschaft sei ein Akzidens in der Seele desjenigen oder derjenigen, die sie anbieten, der sie vielmehr für die Essenz des Gastgebers oder der Gastgeberin halten wird und der erkennt, dass er, der Fremde als Dritter, weil er Gast ist, teilhat an dieser Essenz. Denn der Hausherr sucht zu dem Fremden, den er empfängt, eine nicht mehr akzidentelle, sondern essentielle Beziehung herzustellen. Der eine wie der andere sind zunächst isolierte Substanzen ohne gegenseitige Kommunikation, die immer nur akzidenteller Natur wäre: du, der du dich fern von Hause wähnst bei jemanden, den du zu Hause glaubst, bringst nichts als die Akzidenzien deiner Substanz, die aus dir einen Fremden machen, demjenigen mit, der dich empfängt in allem, was aus ihm selbst nur einen akzidentellen Gastgeber macht. Aber da hier der Hausherr den Fremden einlädt, bis an die Quelle aller Substanzen über jedes Akzidens hinaus zu dringen, schafft er eben dadurch zwischen sich und den Fremden eine substantielle Beziehung, die in Wahrheit eine nicht mehr relative sondern eine absolute Beziehung sein wird, wie wenn – da Hausherr und Fremder nunmehr eins sind – seine Beziehung zu dir, dem Eintretenden, nur noch eine Beziehung von sich zu sich selbst wäre.

Zu diesem Zweck verwirklicht sich der Gastgeber in dem Gast, oder, wenn du willst, verwirklicht er eine Möglichkeit des Gastes, so wie du als Gast eine Möglichkeit des Gastgebers verwirklichst. Die höchste Wonne des Gastgebers ist es, wenn sie die in der Gastgeberin unverwirklichte Essenz in der Hausherrin verwirklicht. Wem also kommt diese Aufgabe zu, wenn nicht dem Gast? Heißt das, dass der Hausherr einen Verrat seitens der Hausherrin erwartet? Nun, es scheint, dass die Essenz der Gastgeberin, wie der Gastgeber sie sich vorstellt, in diesem Sinne unbestimmt und widersprüchlich ist. Denn entweder beruht die Essenz der Gastgeberin auf ihrer Treue gegenüber dem Gastgeber, und dann würde sie sich ihm um so mehr entziehen, je mehr er sie in einem dem Verrat entgegengesetzten Zustand sehen möchte; sie kann ihn nicht verraten, um ihm treu zu sein; oder aber die Essenz der Gastgeberin beruht wahrhaftig auf Untreue, und dann hat der Gastgeber keinerlei Anteil mehr an der Essenz der Gastgeberin, die, weil sie zufällig Hausherrin ist, fähig wäre, einem der Gäste anzugehören. Der Begriff der Hausherrin soll hier im existentiellen Sinne aufgefasst werden: Gastgeberin ist sie nur im essentiellen Sinne: diese Essenz ist also begrenzt durch ihre Verwirklichung in der Existenz als Hausherrin. Und der Verrat hat also hier keine andere Funktion, als die Begrenzung zu durchbrechen. Wenn die Essenz der Gastgeberin in der Treue zum Gastgeber liegt, gestattet dies dem Gastgeber, dem Gast die in der existenten Hausherrin essentiell vorhandene Gastgeberin deutlich vor Augen zu führen; denn der Gastgeber als Gastgeber muss spielen selbst auf die Gefahr hin, zu verlieren, weil er mit ihr für die strikte Durchführung der Gesetze der Gastfreundschaft rechnet und weil sie sich ihrer Essenz, die in der Treue zum Gastgeber besteht, nicht aus Furcht entziehen darf, dass sie – in den Armen des unwirklichen Gastes, der gekommen ist um sie als Gastgeberin zu verwirklichen – als Hausherrin nur noch verräterischerweise existieren könnte.

Wenn die Essenz der Gastgeberin in der Untreue läge, könnte der Gastgeber sich anstrengen, wie er wollte, er hätte im voraus verlorenes Spiel. Aber der Gastgeber will das Risiko des Verlustes kennenlernen, und er ist der Auffassung, dass er, koste es, was es wolle, die Essenz der Gastgeberin eher in der Untreue der Hausherrin erfassen wird, wenn er im voraus verliert als wenn er im voraus gewinnt. Denn was er will, ist, sie als Ungetreue zu besitzen, aber als Gastgeberin, die treu ihre Pflichten erfüllt. Er wünscht also, durch den Gast bei der Hausherrin, etwas latent Vorhandenes zu verwirklichen: eine Gastgeberin, die im Verhältnis zu jenem Gast wirklich, eine Hausherrin, die im Verhältnis zum Gastgeber unwirklich ist.

Wenn die Essenz der Gastgeberin auf diese Weise unbestimmt bleibt, weil es dem Gastgeber scheint, als entzöge sich ihm etwas von der Gastgeberin, falls nämlich diese Essenz nur reine Treue der Hausherrin wäre, so erweist sich die Essenz des Gastgebers als eine Huldigung, die seine Neugier der Essenz der Gastgeberin darbringt. Diese Neugier nun, als Potenz der gastlichen Seele, kann nur Eigenexistenz gewinnen in dem, was der Gastgerberin – wäre sie naiv – als Argwohn oder Eifersucht erschiene. Der Gastgeber ist weder argwöhnisch noch eifersüchtig, weil er seiner Essenz nach neugierig ist auf das, was im gewöhnlichen Leben einen argwöhnischen, eifersüchtigen und unerträglichen Hausherrn aus ihm machen würde.

Das braucht den Gast nicht weiter zu kümmern; er muss also nicht glauben, er könne jemals die Ursache von Eifersucht oder Argwohn werden, die nicht einmal ein Subjekt hätte, das diese empfinden kännte. In Wirklichkeit ist der Gast genau das Gegenteil; denn gerade auf Grund des Fehlens jeder Ursache einer Eifersucht oder eines Argwohns, welche nicht anders bestimmt sind als eben durch dieses Fehlen, kann der Gast aus seiner akzidentellen Beziehung als Fremder heraustreten, um eine essentielle Beziehung zur Gastgeberin zu genießen, deren Essenz er mit dem Gastgeber teilt. Die Essenz des Gastgebers, die Gastfreundschaft, fern davon, sich auf Regungen von Eifersucht oder Argwohn reduzieren zu lassen, strebt danach, das Fehlen einer Ursache dieser Regungen in Dasein zu verwandeln und sich in dieser Ursache zu verwirklichen. Der Gast möge also seine Rolle begreifen: er möge furchtlos die Neugier des Gastgebers durch Eifersucht und Argwohn stimulieren, die beide dem Hausherrn anstehen, des Gastgebers jedoch unwürdig sind; dieser letztere zieht den Gast loyal ins Spiel; sie sollen in gemeinsamer Anstrengung an Subtilität miteinander wetteifern; Sache des Gastgebers ist es, die Diskretion des Gastes, die Neugier des Gastgebers herauszufordern: der Begriff der Großzügigkeit ist nicht am Platze; denn alles ist Großzügigkeit und alles ist Geiz; der Gast hat darüber zu wachen, daß die Eifersucht oder der Argwohn des Gastgebers dessen Neugier nicht vollständig aufsaugen; denn von dieser Neugier wird es für den Gast abhängen, seinen Nimbus zur Geltung zu bringen. Wenn die Neugier des Gastgebers danach strebt, sich in der nicht vorhandenen Ursache zu verwirklichen, wie anders kann er hoffen, dieses Nichtvorhandensein in Gegenwärtigkeit zu verwandeln als durch den Besuch eines Engels? Herbeigerufen von der Frömmigkeit des Gastgebers ist der Engel geneigt, sich in den Namen eines Gastes zu hüllen – bist du es? – den der Gastgeber für zufällig hält.

Bis zu welchem Grade kann der Engel in der Hausherrin die Essenz der Gastgeberin verwirklichen, so wie der Gastgeber sie sich vorzustellen neigt, währenddessen diese Essenz doch nur demjenigen bekannt ist, der eine das Sein überschreitende Kenntnis besitzt? Indem man den Gastgeber so und noch mehr geneigt stimmt; denn der Gast ist – ob er nun ein Engel wäre oder nicht – lediglich das Geneigtsein des Gastgebers: du musst wissen, lieber Gast, dass vorläufig weder der Gastgeber noch du selbst, noch auch die Gastgeberin die Essenz der Gastgeberin kennen; von dir überrascht, wird sie suchen, sich im Gastgeber wiederzufinden, der sie von nun an nicht mehr zurückhalten wird: der aber, wenn er sie in seinem Armen weiß, sich für reicher an Schätzen halten wird als je zuvor.

Damit die Neugier des Gastgebers sich nicht in Eifersucht oder Argwohn entwürdige, ist es deine Aufgabe, Gast, die Essenz der Gastgeberin in der Hausherrin zu erkennen, es ist deine Aufgabe, sie in die Existenz hineinzustürzen: entweder bleibt die Gastgeberin nur ein Schattenbild, und du bleibst ein Fremder in diesem hause, wenn du dem Gastgeber die unverwirklichte Essenz der Gastgeberin hinterlässt, oder aber du bist dieser Engel, und du gibst durch deine Gegenwart der Gastgeberin Aktualität: Du hast volle Macht über sie wie über den Gastgeber. Siehst du nicht, lieber Gast, dass dein höheres Interesse darin besteht, die Neugier des Gastgebers auf jeden Punkt zu treiben, wo die Hausherrin, die über sich hinausgelangt, sich ganz und gar in einer Existenz verwirklicht, die du allein, der Gast, und nicht mehr die Neugier des Gastgebers zu bestimmen hat? Dann erst wird der Gastgeber aufhören, Herr in seinem Hause zu sein: er hat seine Mission erfüllt. Er wird seinerseits zum Gast.

Gepostet in Öffentliche Ausstellung