Joar Nango

Joar Nango, My Father’s Lifevest (2014), Digitalfotografie

Ein Schauspiel. Eine mobile Bühne. Ein Vorschlag für ein fahrendes Theater.

Wie klingt dieses zukünftige Schauspiel?
Wie wird es aussehen?
Wer sind die Schauspieler_innen, die Stückeschreiber_innen, das Publikum?

Das Skript für dieses neue Epos stellt feministische und indigene Stimmen ebenso in den Vordergrund wie Stimmen der Roma. Alle Darsteller sollten weiblich sein. Als literarische Vorläufer können Texte zum Staat der Roma, Geschichten der Sámi und feministische Fabeln gesehen werden.

Das Stück, das auf der mobilen Bühne dieses fahrenden Theaters aufgeführt wird, reimaginiert einen Staat ohne Grenzen. Basis einer möglichen Utopie ist die unablässige Bewegung von Migrant_innen und indigenen Nomad_innen. Die Ökonomie dieser zukünftigen Welt gründet weder auf virtuellem noch auf echtem Geld, sondern auf (Tausch-)Handel. Auch Improvisation ist essenziell: Aus dem Abfall der Mehrheitsgesellschaft immer wieder Neues zu kreieren ist absolut (überlebens-)notwendig. Es ist das Überqueren nationaler Grenzen, das diese neue, von Nationalstaaten unabhängige Welt formt. Kultur wird grundlegend neu erschaffen, Migration sorgt für Zugehörigkeit. Identität entsteht aus Mangel, und diese Leerstelle wird durch enge Beziehungen zu Land, Sprache und Territorium gefüllt. Souveränität ohne Staatsbürgerschaft, Handlungsmacht durch Bewegung. Das Theater zieht dorthin, wo es willkommen ist, und sucht sich seine Darstellerinnen und sein Ensemble unterwegs.

Die mobile Bühne, gestaltet mit den Materialien und Techniken indigener Völker aus der ganzen Welt, wird von Joar Nango gebaut. Nango, geboren 1979, ist einer der wenigen praktizierenden samischen Architekt_innen und lebt und arbeitet in Tromsø. Er gehört einem Volk von Rentierhalter_innen an, das in Sápmi lebt, dem traditionellen Siedlungsgebiet der Sámi in Nordnorwegen, Teilen Schwedens und Finnlands sowie im Nordwesten Russlands. Ihr Leben ist seit jeher von der Notwendigkeit des Improvisierens geprägt – Fertigkeiten, die durch das unablässige Umherziehen erworben werden. „Die Fähigkeit zur Improvisation“, sagt Nango, ist eine „kulturell geprägte Form baulicher/gestalterischer Traditionen, über die viele indigene Kulturen des Nordens verfügen, wo Ressourcen rar sind und das Klima unberechenbar, hart und unbarmherzig ist. […] Besonders deutlich wird dies in der Art, wie halbnomadische Rentierhalter_innen ihre Arbeitsräume, Hinterhöfe oder Lager organisieren, während sie mit ihren Herden von Weideland zu Weideland ziehen.“

Auf Nangos mobiler Bühne, behutsam konstruiert aus unterschiedlichen Materialien und ihrer je eigenen Geschichte, verbinden sich Stimmen der Roma und Sámi mit jenen aus der Mongolei und anderen, um gemeinsam mögliche Zukünfte zu entwerfen.

— Candice Hopkins

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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