Negros Tou Moria

Pagrati, Athen (2014). „Γκάνα, Φιλότιµο και στο Αµέρικα το πρώτυπο“ (Ghana, „Filotimo“ und das Rollenvorbild in Amerika), courtesy Silia Niassou (Sally Ly)

Ein dunkler Konzertsaal. Aus den Lautsprechern erklingt ein Rembetiko-Lied der 1930er Jahre:

letzte Nacht, in der Finsternis
bedrängten mich zwei schwarze Männer
sie durchsuchten mich
und nahmen mir das Haschisch weg

Am Ende des Stücks betritt Negros Tou Moria die Bühne und begrüßt sein Publikum: „Guten Abend, ich bin euer weißer Freund, Negros Tou Moria.“

Der in Athen geborene Künstler präsentiert sich als Archäologe mit der Mission, die afroasiatischen Fragmente moderner globaler Konfigurationen aufzudecken und neu zusammenzufügen, um die Gegenwart zu verstehen und die narzisstische Ausrichtung von Ethnie, Identität und Musik herauszufordern. Sein Name ist ein homofones Wortspiel mit dem Spitznamen eines gefeierten griechischen Armeegenerals des Osmanischen Reichs. Negros Tou Morias Darbietung erzeugt ein Gefühl von Paradoxie und Orientierungslosigkeit und wirft gewohnte kulturelle Etikettierungen durcheinander. Schon zu Beginn zeichnet sich ein bemerkenswerter Widerspruch ab: Wie kann Negros Tou Moria als Afrogrieche in einer Sprache und Kultur Erfolg haben, in der die schwarze Hautfarbe entweder als Zeichen für Herabwürdigung oder als Synonym für Exotik gesehen wird? Die Antwort liegt in der Musik. Die Klanglandschaft seines Auftritts bildet ein lyrisches und räumliches Ganzes, in dem die modalen Erkundungen und Träumereien von Smyrna, Athen und Accra auf die Textur und Lebendigkeit von Trap, Rap und R & B treffen. Mehrdeutigkeit tritt an die Stelle von Authentizität. Hip-Hop als Genre existiert nicht mehr. Ein Raum entsteht, der die vielfältigen Positionen vereint, aus denen heraus der Afrogrieche sprechen kann.

Negros Tou Moria rappt auf Griechisch. Vielleicht wird er sogar – durch seinen meisterhaften Umgang mit der Sprache und sein ausgeprägtes Bewusstsein für Subkulturen, die von den Institutionen des Landes und seiner eigenen Branche oft missachtet werden – griechischer als so mancher seiner Mitbürger. Aus seiner Musik spricht die Ironie, der griechischen Folklore eine Auseinandersetzung mit der lange unbeachteten Geschichte des „schwarzen Mannes“ in Griechenland aufzuzwingen. Diese Auseinandersetzung führt zu Betrachtungen über das Leben am Rande, über eine Gesellschaft, die durch nationalistische Politik, diskriminierende Staatsbürgerschafts- und Immigrationsbestimmungen und eine Finanzkrise geprägt ist. Negros Tou Morias künstlerische Praxis greift nicht nur auf Traditionen und kollektive Erinnerungen zurück, sie geht über diese kulturellen, ethnischen Konventionen und Erwartungen hinaus.

Weder Fremder noch Einheimischer, verkörpert Negros Tou Moria Stärke und Stellenwert einer Kategorie, die nur allzu oft mit dem Präfix „Rest-“ versehen wird: „Es ist ein Künstlername, der nicht ins Englische übersetzt werden kann.“

— Kostas Maronitis

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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