Israel Galván, Niño de Elche und Pedro G. Romero

Israel Galván, Niño de Elche und Pedro G. Romero, Ohne Titel, aus der Serie „La farsa monea“ (2016), Digitalcollage

Tänzer, Musiker, Historiker: Trotz ihres unterschiedlichen Hintergrunds können Israel Galván, Niño de Elche und Pedro G. Romero als Erben der Flamenco-Tradition bezeichnet werden – sofern wir unter einem Erben jemanden verstehen, der im Sinne Derridas in der Lage ist, gegen jene einzutreten, die den Besitz einer Erbschaft für sich in Anspruch nehmen. Ein Erbe des Flamenco zu sein bedeutet somit nicht, im Besitz des väterlichen Erbes zu sein, sondern die Bereitschaft, den Namen des Vaters zu verraten und zu riskieren (auf den Kopf zu stellen, zu verfälschen, aufs Spiel zu setzen), um sein Vermächtnis neu zu erfinden.

Israel Galván wurde 1973 als Sohn der Tänzer José Galván und Eugenia de los Reyes geboren und hat sich sukzessive zu einem Tänzer und Choreografen entwickelt, der sich jeder Einordnung entzieht. Galván schreibt die physische Sprache des Flamenco neu. Dazu greift er nicht nur auf Ausdrucksformen zurück, die dieser Tanzform genealogisch nahestehen (wie beispielsweise den Stierkampf), sondern auch auf die performativen Aspekte anderer Rituale der Populärkultur, von Fußball über Aktivismus bis hin zu Cross-Dressing. Damit schafft er eine Vielfalt an Körpern für einen Tanz, der selbst im Wandel begriffen ist.

Als professionell ausgebildeter Sänger und Gitarrist brach Niño de Elche (geboren 1985) auf unorthodoxe Weise über die Welt des Flamenco herein. Seine Texte sind durchsetzt mit politischen Aussagen, die auf Straßenproteste, Teile der avantgardistischen Flamenco-Szene in Spanien (darunter das Experiment Bulos & Tanguerías), Flo6x8-Flashmob-Proteste, das kollaborative Projekt Los Flamencos de Antonio Orihuela e Isaías Griñolo, das Zemos98-Festival und die Band Pony Bravo zurückgehen. Niño de Elche mischt Flamenco mit antimilitaristischen, anarcho-libertären, queeren und Transgender-Elementen sowie mit anderen musikalischen Traditionen. So greift er auch die populäre Form des pregón (Kundgabe) auf und passt sie einer von digitaler Kommunikation und globalem Neoliberalismus geprägten Ära an.

Pedro G. Romero (geboren 1964) ist Künstler und Historiker, Erfinder von Taxonomien und unermüdlicher Sammler von Flamenco-Texten und -bezügen, ein Vermittler zwischen der Kunst und den unterschiedlichen Traditionen dieses Tanzes. In seinen Projekten Machines for Living und PIE.FMC Plataforma Independiente de Estudios Flamencos Modernos y Contemporáneos erforscht er unter anderem die Geschichte der antifranquistischen Bewegung innerhalb des Flamenco, seine Beziehung zu avantgardistischen künstlerischen Strömungen und zur Philosophie (von Agamben bis Wittgenstein) sowie seinen Beitrag zu einer radikalen Kritik des urbanen Raums.

Galván, Niño de Elche und Romero geben dem Flamenco die Ästhetik des Untergrunds, des Klandestinen und Ärmlichen, des Volkstümlichen und Körperlichen zurück. Für die documenta 14 arbeiten sie mit zahlreichen europäischen Roma-Künstler_innen an der Performance und Installation La farsa monea (2017), die die Verschränkungen zwischen Sexualität, Körper und Kapital innerhalb der Flamenco-Kultur untersucht.

— Paul B. Preciado

Übersetzung des Bildtexts, links nach rechts: 
„und du wirst wie eine gefälschte Münze sein, die niemand will und die von Hand zu Hand wandert“ „Eine Kunst der Armen. Eine Kunst des Armen, des Zigeuners und des Narren, wie Baudelaire schrieb.“ „In der Unterwelt, unter der Erde gibt es einen versteckten Schatz. Eine Überlebenskunst“
„Und in dieser Konstruktion entsteht der Flamenco mit seiner eigenen, einzigartigen Ästhetik und Ökonomie, er spricht von unten, aus einer niederen, verbrecherischen Sicht, unterhalb von Bauch und Geldbeutel auf der Höhe des Bodens.“

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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