Pélagie Gbaguidi

Pélagie Gbaguidi, Spectrum of Homo mercantilis (2016), Farbstift auf Papier, 29 × 21 cm

Oktober 2016, irgendwo in London. Die Königin hatte Freund_innen zum Dinner eingeladen. Als exklusive Gastgeberin eines offenen Hauses stand sie an der Tür, um jeden persönlich zu begrüßen. Die Königin liebte Rituale, die sie für jeden Anlass zu ersinnen pflegte. An diesem Abend trug sie – prachtvoll anzusehen – eine blaue japanische Robe, die, so beschloss sie, alle anprobieren sollten. Es folgte eine Rede, die wie ein Gebet klang und von Liebe, Leben, Erde, Erinnerungen und der Zukunft handelte. Dann nahm die ganze Gesellschaft Platz, um zu speisen und zu tanzen.

Mai 2014, Dakar, Senegal. In einem kleinen Restaurant am Meer – in der Nähe des kleinen Hafens, der die Menschen mit der Insel Gorée verbindet, und nicht weit entfernt von dem Ort, an dem sie 1965 geboren worden war – las die Königin die Gedanken ihrer Freund_innen. Ohne sich auch nur einmal zu irren, erzählte sie aus dem Leben der Menschen und von Dingen, die, so hatten die Freund_innen geglaubt, niemand sonst kannte. Alle blickten sie an, halb verschreckt, halb verzaubert. Ihre Stimme klang natürlich, die Worte flossen ohne Stocken dahin. Die Königin schien weder in Trance noch im Gespräch mit irgendeinem Gott zu sein. Alles kam aus ihr selbst. Aus ihrem tiefsten Inneren. Aus einer zeitlosen Erinnerung, aus der sie auch die Formen erschafft, die andere später als Kunst bezeichnen.

März 2014, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main. Die Königin wohnte gemeinsam mit ihrer Familie einer Ausstellungseröffnung bei: Mutter, Tanten, Cousinen … Sie strahlte und stellte mich ihren Leuten vor. Alle schienen in der Luft zu schweben, irgendwo zwischen Himmel und Hölle. Ich habe keine Ahnung, ob sie das zehn Meter lange Gemälde auf meine Weise oder sogar im Sinne der Künstlerin verstanden, doch das war ohne Belang.

Jeder Versuch, über Pélagie Gbaguidis Werk zu diskutieren, erübrigt sich: Es geht ausschließlich um Wahrnehmung und Sinne. Worte sind überflüssig. Alles wird, jenseits von Intellekt und Ratio, durch den Körper der Künstlerin verarbeitet. Gbaguidi eröffnet uns Geheimnisse, die, in jeder Initiation, Konfrontationen bereithalten. In ihrer Kunst fragt sie nach uns selbst, in Gestalt eines Rätsels zu unserer Herkunft oder Zukunft. Ein einziger, entscheidender Aspekt erscheint ihr dabei unerlässlich: dass das, was uns allen gemein ist, was wir miteinander teilen und lieben, gänzlich vergebens wäre, würde es nicht versuchen, uns zu besseren Menschen zu machen.

Frühling/Sommer 2017: Die Königin stellt in Athen und Kassel aus.

— Simon Njami

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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