Mattin

Mattin, Performance, N.K. Projekt, Berlin, 6. September 2015, Anti-Copyrechts, Foto: Glen Schena

Getrieben vom Wunsch, die sozialen und politischen Aspekte von Noise und Improvisation zu untersuchen, publiziert Mattin Bücher und gestaltet Situationen, in denen die „Ausstellung als Konzert“ konzipiert ist. So etwa 2010 in Form eines improvisierten Konzerts im CAC Brétigny, das sich über zwei Monate erstreckte. Gedanken zur Ausstellung:

Der Grad an Intensität variierte, nichts blieb statisch; Produktion und Rezeption fanden gleichzeitig statt. Formate wurden gesprengt, um die unterschiedlichen Verwendungsmöglichkeiten des Wortes noise zu analysieren, statt einfach nur Noise als Musikrichtung weiterzuspinnen. Im Spiel mit verschiedenen Ebenen der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit gestalteten sich manche Aktivitäten formeller als andere. Interventionen von unterschiedlichen Personen nehmen unterschiedliche Formen an. Ein kontinuierlich generiertes Performance-Programm, eine offene Einladung, mit den grundlegenden Bedingungen der Ausstellung zu improvisieren …

Historisch gesehen hat Noise etablierte Codes, Ordnungen, Diskurse, Gewohnheiten und Erwartungen, Ästhetiken und Ethiken durchkreuzt. Er hat das Potenzial, die Logik festgefügter Vorstellungen hinter sich zu lassen: zu viel, zu komplex, zu dicht und kompliziert für Dechiffrierungen, zu chaotisch für Vermessungen. Noise kann bei jenen, die das erste Mal mit ihm in Berührung kommen, Maßstäbe wie gut oder schlecht, richtig oder falsch außer Kraft setzen – ihn nach moralischen oder ethischen Kriterien zu messen, erscheint lächerlich. Mit seiner epistemischen Gewalt bringt er die Unterscheidung zwischen aktiv und passiv, zwischen Wissen und Fühlen ins Wanken. Angesichts dieses Bewusstseins und unserer Unfähigkeit ihn zu entschlüsseln, entlarvt Noise unseren Zustand der Entfremdung und stellt unsere Position als Subjekt infrage. Könnte das Praktizieren von Noise und Improvisation also dazu beitragen, das Ausmaß der Kommodifizierung unseres Lebens zu verstehen oder gar einzudämmen? Können wir Noise nutzen, um althergebrachte Beziehungen zwischen Publikum und Performer_in zu überwinden? Können wir Prozesse der Selbstreferenzialität so weit forcieren, dass positives Feedback entsteht?

Mattin, geboren 1977 in Bilbao, setzt sich mit den sozialen und ökonomischen Bedingungen experimenteller Musik auseinander: in Form von Live-Performances, Aufnahmen und Texten. Stets erforscht er die Parameter der Improvisation – insbesondere die Idee der Freiheit –, um die Konventionen dieses Genres auszutesten. Für Mattin ist Improvisation nicht auf das Wechselspiel zwischen Musiker_innen und Instrumenten beschränkt, sondern berücksichtigt sämtliche Elemente einer Konzertsituation. Er hinterfragt und politisiert das Verhältnis zwischen aktivem Darsteller und passivem Zuhörer. Dabei unterminiert er unsere Vorstellungen über das Wesen des Publikums selbst und dekonstruiert dessen Bedingungen beziehungsweise gestaltet sie neu.

— Pierre Bal-Blanc

Anti-Copyright

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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