Theo Eshetu

Theo Eshetu, The Return of Axum Obelisk (2009), 15-Kanal-Video- und Klanginstallation, Farbe, Ton, 26:45 Min.

Im Frühjahr 2014 filmte Theo Eshetu zufällig das Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem, als Arbeiter ein Banner abnahmen, um die Museumsfassade für die 8. Berlin Biennale vorzubereiten. Die Sammlungen des Museums werden nach Fertigstellung der umstrittenen Stadtschloss-Rekonstruktion in die historische Mitte Berlins gebracht – umstritten deshalb, weil der aus DDR-Zeiten stammende Palast der Republik dem Schloss weichen musste und der Zusammenhang der Dahlemer Sammlungen mit der deutschen Kolonialpolitik durch die geplante Neuinstallation in einer imperialen architektonischen Hülle nur noch augenfälliger wird.

Das fragliche Banner zeigte fünf Masken und nannte als Untertitel die fünf in der Sammlung des Museums vertretenen Regionen: Afrika, Amerika, Ozeanien, Asien, Europa. So wie die grafische Gestaltung die Welt zerlegte und benannte, so zertrennten die Arbeiter die bedruckte Kunststofffolie mit schnellen Schnitten, um sie leichter zu entsorgen. Das Museum wurde zur Muse, wie Eshetu im April 2016 bei seinem Besuch auf Filopappou – dem Hügel der neun Musen des Apollon – in Athen erläuterte. Doch bevor das zerschnittene Banner entsorgt werden konnte, hatte der Künstler das Material gerettet und für die Zukunft, die jetzt ist, beiseitegeschafft.

Die persönliche Sicht auf beliebte Bilder, ja sogar kulturelle Klischees regt die Fantasie des 1958 in London geborenen Eshetu seit seinen frühesten Videoarbeiten (und seinen späteren Arbeiten für das Fernsehen) an. Sein Dokumentarfilm Africanized aus dem Jahr 2002 verknüpft abgegriffene optische und akustische Tropen mit der intimeren Dokumentation einer synkretistischen religiösen Zeremonie auf dem Berg Zuqualla in Äthiopien und dem Dance Africa Festival in Brooklyn, New York, und stellt so Überlegungen darüber an, wie disparate Bilder dieses höchst umkämpften Kontinents und seiner Diaspora nachwirken. Der Filmemacher unternimmt dabei keinerlei Versuch, die Abfolge disparater Szenen logisch zu begründen, sondern schafft vielmehr einen Leitrhythmus.

Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes ist noch nicht klar, wie die Maskenbilder aus Dahlem in Eshetus Arbeit für die documenta 14 einfließen werden. Klar ist jedoch, dass diese Verflachung und die daraus folgende Verschleierung der fünf Kontinente ein Ausgangspunkt ist. Der Künstler geht seine gewichtigen Themen mit einer guten Portion Humor an. Thalia, die Muse der Komödie, war schon immer seine Freundin. Andere Freund_innen und zufällige Passant_innen lud er vor Kurzem in sein Atelier ein. Bilder – darunter Fragmente des Banners – wurden auf ihre Gesichter projiziert und dann auf Video aufgenommen. Was sie wohl über das Stadtschloss, die Möglichkeiten von Repräsentation und die Kommunizierbarkeit eines Gesichts sagen?

— Monika Szewczyk

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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