Olu Oguibe

Olu Oguibe, Trayvon’s Ladder (2016), Birke und Kupfer, 549 × 61 × 122 cm

Der Spiegel gleicht einem Fenster.
Er gewährt uns einen Blick
auf den Ort
Von dem wir kommen
Und an den wir nicht
zurückkönnen.
Wir alle sind Reisende
Auf diesem Weg ohne Ende
Zum Umherstreifen verurteilt
Ohne Rast.

In seinem Gedicht „Conversation“, das hier auszugsweise zitiert wird, verhandelt Olu Oguibe anhand eines imaginären Gegenübers Themen wie Menschsein, Nation, Fernweh und ewige Verdammnis. In den Schriften und Gemälden des Künstlers, entstanden in einer fast drei Jahrzehnte währenden und äußerst vielfältigen künstlerischen Laufbahn, treffen persönliche und kollektive Aspekte aufeinander. Oguibe, 1964 in Nigeria geboren, schafft eindrückliche Narrative, deren Leitmotiv die conditio humana ist. Er tritt als Seher, ruheloser Einsiedler oder selbstbewusster Bohemien auf, der in einer Welt voller Gefahren zu Hause ist.

Eine seiner frühesten Arbeiten, das Aquarell The Present Is a Dangerous Place to Live (1987), zeigt zwei Personen, die angeregt diskutierend vor einem großen leeren Raum stehen. Die Metapher dieses Bildes hat nichts von ihrer Bedeutung verloren. Das Werk ist heute genauso relevant wie zum Zeitpunkt seiner Entstehung in den 1980er Jahren, und Spiegel sind ein wiederkehrendes Motiv bei Oguibe – wie gerade aktuelle Arbeiten zeigen. Aufgebahrte Figuren, gezeichnet durch die prekäre Natur ihrer letzten Momente als aktive soziale Objekte und das, was sie nun sind: Leichen. Es sind desillusionierende Spiegelbilder eines endlosen Gewaltkreislaufs, der durch die ökonomischen Interessen und politischen Schizophrenien unserer Tage angetrieben wird. Leichensäcke, Opferzahlen und Militärparaden, genährt durch Nationalismen oder Dogmen, sind zum Fixpunkt eines irritierenden Nachrichtenstroms geworden.

Die Denkweise und die existenziellen Grundsätze der Igbo spielen in Oguibes künstlerischer Arbeit eine große Rolle und haben seine Einstellung zu Konzeptkunst, Abstraktion und zur Form des Kunstwerks zweifellos geprägt. Die entscheidende Triebkraft seiner Arbeit jedoch sind seine Erfahrungen als Kind in Biafra während des nigerianischen Bürgerkriegs Ende der 60er Jahre. Diese ungeheure menschliche Tragödie hat sein soziales Ich geformt. Wir haben Biafra vor Augen, wenn heute Menschen aus zahlreichen Krisenherden im Nahen Osten und in Afrika nach Europa flüchten. Wir haben das Leid von Biafra vor Augen, wenn Menschen in großer Zahl in der Straße von Gibraltar im Meer ertrinken. In ihrem kalten Grab haben sie aufgehört umherzuziehen. Sie sind Mahnmale unserer Zeit und ein Appell an uns, über das Zeitalter des Anthropozäns und die vielen katastrophalen Ereignisse der Geschichte mit andauernden Folgen nachzusinnen. Die Vergangenheit als Spiegel der Gegenwart.

— Ugochukwu-Smooth Nzewi

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook