Ruth Wolf-Rehfeldt

Ruth Wolf-Rehfeldt, In Vain (1972), Kohlepapierdurchschrift von der Schreibmaschine, 29,5 × 21 cm, courtesy Ruth Wolf-Rehfeldt und ChertLüdde, Berlin

Diese Werke haben die Welt bereist, versendet als Postkarten, die Ruth Wolf-Rehfeldt aus der DDR-Hauptstadt Berlin nach Westeuropa, in den Ostblock, nach Nord- und Lateinamerika, Asien und Neukaledonien schickte. Es gab keine Regeln oder Beschränkungen – sieht man von den postalischen Formatvorgaben und Portogebühren ab. Mail-Art entzog sich der Diktatur von Zensur und Markt, indem Kunstwerke kostenlos mittels weitverzweigter Netze in Umlauf gebracht wurden. „Kunstpostbriefe“ boten Freiräume für das Zurschaustellen von Kunst, für Austausch und persönliche Korrespondenz.

Ruth Wolf-Rehfeldt, geboren 1932 in Wurzen, arbeitete in buchstäblichem Sinn mit Buchstaben. Ab den frühen 1970er Jahren schuf sie Serien von Schreibmaschinengrafiken – von ihr selbst als Typewritings bezeichnet –, in denen teutonische Präzision auf subversiven Humor traf. Unter ihren Händen wurden die schwarzen und roten Zeichen ihrer Erika-Schreibmaschine zu Mustern, Schmetterlingen, Wellen, abstrakten Kompositionen, zu fließenden Strukturen und kunstvoll gewobener Poesie, mit Titeln wie be but be aware not to be a ware (ca. 1970–1975), Introverse Extroverse (1975), Try and Error (1975), Defeat/Victory (1970er Jahre) und Cages on the Run (1980er Jahre). Als angestellte Büroleiterin und autodidaktische Künstlerin in einem umfassenden Überwachungsstaat konnte sie nur in der Rolle der „Schreibkraft“ – einem typisch weiblichen Beruf – frei den Inhalt ihrer Seiten diktieren. Ein Tarnungsmanöver: Ihre Zeichen, „sterilisiert“ und mechanisch anonym zugleich, widersetzten sich der Restriktion der Meinungsfreiheit und ermöglichten eine offene Kommunikation. Concrete Shoe (1970er Jahre) zeigt Heerscharen von Cs, Os und Ns, die sich diszipliniert zu einem klobigen Damenschuh mit mittelhohem Absatz formen. Es kann als ironisches Beispiel konkreter Poesie ebenso gelesen werden wie als Symbol für Bewegungseinschränkungen und den Wunsch der Künstlerin, diese zu überwinden.

Mit grenzenloser Geduld: Postalische Kommunikation ist durch lange Zeitspannen der Ungewissheit aufseiten von Sender_in und Empfänger_in gekennzeichnet, die sich in ihrem Verlangen und ihrer Sehnsucht abwechseln. „WAIT AWAIT EXPECT WAIT“ lauten die letzten Zeilen von Wait (ca. 1973). Ruth Wolf-Rehfeldt indessen arbeitete und korrespondierte weiter, wie auch ihr Mann, der Künstler Robert Rehfeldt, während ihr Atelier in der Mendelstraße im Ost-Berliner Bezirk Pankow zu einem Mittelpunkt der lokalen und internationalen Kunstszene wurde. Der Verband Bildender Künstler der DDR gestattete seinen Mitgliedern, jeweils fünfzig signierte Exemplare eines grafischen Werks zu drucken. So stapelten sich Wolf-Rehfeldts Originale in ihrem Archiv, während die unscheinbaren Kopien auf der ganzen Welt zirkulierten. Und zwar bis 1989. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands beendete Wolf-Rehfeldt ihre künstlerische Aktivität. Es gäbe schlichtweg keinen Bedarf mehr dafür, lautete ihre Erklärung.

— Barbara Casavecchia

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook