Hans Eijkelboom

Hans Eijkelboom, Photo Note 27 March 2016 (Athens), Farbfotografie, 60 × 50 cm; Photo Note 14 May 2016 (Kassel), Farbfotografie, 60 × 50 cm; Photo Note 2 April 2016 (Athens), Farbfotografie, 60 × 50 cm; Photo Note 14 May 2016 (Kassel), Farbfotografie, 60 × 50 cm (Von oben links im Uhrzeigersinn)

Seit nahezu 25 Jahren durchstreift Hans Eijkelboom die Einkaufsmeilen unzähliger Städte auf der ganzen Welt (Amsterdam, New York, Paris, Schanghai – und nun auch Athen und Kassel), um die schwindelerregende Vielfalt an Bekleidungen fotografisch festzuhalten, die ein so entscheidendes Merkmal des globalen Kapitalismus ist – jene Fülle an visuellen („äußerlichen“) Unterschieden, die aus der Perspektive eines Künstlers, der an der Erkennung von Mustern, also Wiederholungen, interessiert ist, unweigerlich zu einem Dokument faszinierender Gleichheit wird.

In einigen fotografischen Projekten aus der Mitte der 1970er Jahre, wie in der treffend betitelten Serie Identiteiten (Identitäten, 1973), klingen zwei prägende Merkmale der Straßenfotografie, für die Eijkelboom bekannt ist und die ihn seit den frühen 90er Jahren beschäftigt, bereits an: seine programmatische Vorliebe für das Arbeiten in Serien (eine Frage der Form) und der nahezu ausschließliche Fokus auf Bekleidungsregeln (eine Frage des Inhalts).

Eijkelboom, 1949 in Arnheim geboren, gehört zu jener Generation niederländischer Künstler_innen, die entscheidend zur Etablierung der konzeptuellen Fotografie in Kontinentaleuropa beigetragen haben. Seine ersten Streifzüge in das Reich der Fotografie waren stark performativ ausgerichtet und drehten sich nahezu ausschließlich um Selbstporträts in unterschiedlichen Formen – „Selbstdarstellung im Alltag“, wie es Erving Goffman so prägnant formuliert hat. Diese Arbeiten waren von der Blütezeit der niederländischen Performancekunst in den 70er Jahren geprägt. Sie kamen aber auch dem aufkeimenden identitätspolitischen Diskurs nach den 60er Jahren entgegen – das Fototriptychon De Drie Communisten (Die drei Kommunisten, 1976), das den Künstler als Marxisten, Leninisten und Maoisten verkleidet zeigt, spricht hier für sich –, auch wenn sie von einem trockenen Humor durchdrungen sind, der in späteren Kunstpraktiken, die sich mit Fragen der Identität auseinandersetzten, nur allzu oft fehlte. (In Eijkelbooms aktuellem enzyklopädischem Projekt ist Humor eine Funktion der Illusion, dass Kleidung niemals ein zuverlässiges Unterscheidungsmerkmal sein kann.)

Zwar spielt der Prozess der Distanzierung in Eijkelbooms Arbeiten eine gewisse Rolle und verleiht ihnen einen anthropologisierenden, exotisierenden Anflug (Anklänge an Desmond Morris’ Der Menschen-Zoo). Und doch ist Eijkelbooms Kunst im Kern zutiefst humanistisch, und es ist kein Zufall, dass sein Werk häufig mit dem August Sanders, dem großen Chronisten der Menschen des 20. Jahrhunderts, verglichen wird. So wurden seine Arbeiten erst unlängst im August-Sander-Archiv in Köln gezeigt. Die Versuchung ist groß, Eijkelbooms Subjekte im Gegenzug schlicht als „Menschen des 21. Jahrhunderts“ zu charakterisieren. Trotz ihrer Präsentation in Form nüchterner, rasterartiger Aneinanderreihungen, die an das Œuvre von Bernd und Hilla Becher und andere Wegbereiter_innen der konzeptuelle Wende in der Fotografie erinnern – ein Balanceakt zwischen Subjekt und Objekt.

— Dieter Roelstraete

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook