Postcommodity

Postcommodity, Repellent Fence (2015), Erde, Betonblöcke, Paracord, PVC-Kugeln, 26 Ballons, Helium, Installationsansicht, Grenze zwischen den USA und Mexiko, Douglas, Arizona/Agua Prieta, Mexiko, Foto: Michael Lundgren

Klang als Waffe. Im Zweiten Weltkrieg flogen Kampfjets extra tief, um das Abwerfen von Bomben zu simulieren und die Bevölkerung in konstante Angst zu versetzen. In Guantánamo Bay wurde Heavy Metal in unerträglicher Lautstärke abgespielt, um mit permanentem akustischem Sperrfeuer die Gefangenen psychologisch zu brechen. Mittlerweile erfreuen sich „nicht tödliche“ Waffen, die auf schmerzhaft lauten und hohen Klängen beruhen, großer Beliebtheit. Postcommodity – ein Künstlerkollektiv aus dem Südwesten der USA, dessen Mitglieder allesamt in den 1970er Jahren geboren wurden – wissen nicht nur um das schädliche Potenzial von Klang, sondern auch um seine heilende Wirkung.

Man denke etwa an The Ears Between Worlds Are Always Speaking (2017) – eine Installation, die LRADs (Long Range Acoustic Devices) auf eine Weise einsetzt, die ihren eigentlichen Verwendungszweck konterkariert. Die Geräte, ursprünglich für Militär, Polizei und Marine entwickelt, finden heute vermehrt als Schallkanonen Verwendung, um protestierende Menschenansammlungen mit abschreckenden Tönen zu zerstreuen – LRADs übertragen zudem die menschliche Stimme über weite Distanzen besonders gut, sodass Botschaften bis zu zwei Kilometer weit transportiert werden können. Postcommodity verweisen auf den Widerspruch, der entsteht, wenn abweichende Stimmen mittels Lautsprecher-Kommunikationstechnik zum Schweigen gebracht werden. Sie greifen dieses Verfahren auf, um Menschen zusammenzuführen – durch das Ausstrahlen von Geschichten und Liedern, die von unerlässlichen Bewegungen, Vertreibungen und transformativen Reisen handeln, erzählt in vielen Sprachen von vielen Sprecher_innen, in Zeiten der größten Massenmigration der Geschichte. Reisen haben für die Künstler aber auch eine pädagogische Dimension. So überträgt die Installation in Athen ihre Botschaft im Lykeion, in den Ruinen einer antiken Schule, die für die Entwicklung des peripatetischen Lernens bekannt ist. Der Begriff leitet sich von Aristoteles ab, der seine Schüler bei Spaziergängen im Garten der Einrichtung unterrichtete. Dem Peripatos, der philosophischen Schule des Aristoteles, verdanken wir frühe Entwicklungen der Philosophie sowie der Geistes- und Naturwissenschaften einschließlich Mechanik, die für das Verständnis von Statik und Dynamik – also Bewegung – unverzichtbar sind. In der Installation von Postcommodity erhält Bewegung noch eine zusätzliche aufklärerische Dimension: Was können wir lernen, wenn wir Narrativen der Selbstbestimmung Gehör schenken?

Blind/Curtain (2017) hebt die heilenden und transformativen Aspekte des Klangs besonders hervor. Rosa Rauschen – das durch das Herausfiltern hoher Frequenzen andere Töne sehr effektiv überdeckt – wird am Eingang und Ausgang des Museums übertragen, um die Ohren der Besucher_innen zu öffnen. In den Worten von Postcommodity: Die Installation verfügt über „ausreichend Präsenz, um aufzuzeigen, dass sich die Außenwelt und die Welt der Institution unterscheiden […] Institutionen stehen für eine Sicht der Dinge, die nicht alle teilen“. Kann Klang also die Perspektive der Zuhörer_innen verändern, sodass diese Differenzen nicht ausgelöscht, sondern verstärkt werden? Kann das, was wir hören, verändern, was wir sehen?

— Candice Hopkins

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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von Postcommodity

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