Sammy Baloji

Gediegenes Kupfer in Kristallform, Recherchefoto, aus Johari (1977), courtesy Johari: Minéraux du Shaba méridional, Gécamines, Brüssel, 1977/Privatsammlung

Kongolesische Messe

Für Sammy Baloji (geboren 1978 in der Demokratischen Republik Kongo, lebt und arbeitet in Brüssel)

Körper, aus ihren Träumen gerissen
Körper, restlos unterjocht
Körper, ausgeblutet
Körper, ohne Nahrung und ohne Antrieb

(und verschlissen auf dem Schwarzmarkt der Erinnerung)

Körper, ausgetrocknet von der Hitze
Körper, verdammt zur Anmaßung von Hunger, Durst, Erschöpfung, zu unbekannten Krankheiten, zum Zusammenbruch, zur Maßregelung – und immer wieder und für alle Zeiten zu dieser fast zwanghaften Erschöpfung, die von unten an dir nagt, die sich durch deinen Körper windet und deinen Kopf zum Schwirren bringt

Körper, mechanisiert
und zur ewigen Schinderei in den Minen befohlen
endlose Strapazen des Tunnels, mosala ya mpunda
Körper, diese Körper, deren einzige Rast der (ewige) Schlaf ist

graben, pausenlos

graben, im wörtlichen, übertragenen, kongolesischen Sinn

graben bei Tag, bei Nacht, jahrelang, Jahrhundert um Jahrhundert

Tag für Tag dieselbe Geste, elegant, abrupt, ruckartig, rasch, unbeholfen, piano mezzo forte
graben zu Ehren des Königs
graben für die Königin
graben für das Königreich
graben im Namen der Zivilisation
graben, denn deine Glieder müssen zerschlagen werden
schieb deine Ahnenreihe und den ganzen Kram zur Seite
damit du teilnehmen kannst am Lauf der Welt, des Fortschritts und der Menschheit
auch wenn du, mit leeren Händen und zusammengebissenen Zähnen, als kleines Rädchen der Geschichte endest

und, ja, weil Opfer fürwahr nötig sind, muss irgendjemand Blut, Geifer, Speichel, Sperma, kurzum, jedes einzelne Organ seines protozoischen Körpers hingeben, um die Maschine am Laufen zu halten, damit jeder seinen Löwenanteil bekommt

auch er, der sein Skelett zurücklässt, weil es doch vor allem zum Wohl der Welt ist

und nur wenige Kabellängen entfernt von jenen, die mit ihren Händen graben

andere graben mit ihren Stimmen
wie der Chor von Croix du Cuivre
gegründet von Father Lamoral, nach seinem Tod fortgeführt von seinem Assistenten, dem Organisten Joseph Kiwele
Stücke von durchdringender Traurigkeit und ebenso leidenschaftlicher Tiefe darbietend

denn wir müssen Gott geben, was Gottes ist

Herr, vergib uns, öffne den Himmel und lass uns deine Gnade zuteilwerden

Herr, gewähre uns ein menschliches Antlitz

Herr, begleite uns durch alle Prüfungen des Lebens

Mischung aus einschmeichelndem Blues, der vom Alltagsleben erzählt oder seinen Paroxysmus in der Natur findet

KAMPASA:
Lied der Mine
KALABI KUDI MINONGO:
Lied des Schmelzens
NGELE NGELE NGELE:
Lied der Schmiede
NDAYE LUOMBA:
Lied der Rückkehr ins Dorf
BATATA DIA BWANGA:
Lied der Elefantenjagd
BYABULO LOLO:
Lied der Paddler, Teil 1
BANZE KALOLO:
Lied der Paddler, Teil 2

— Fiston Mwanza Mujila

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook