Rick Lowe

Rick Lowe, Project Row Houses (1993–), soziale Plastik, Houston, 2015, courtesy Project Row Houses

Rick Lowe kam Ende Juni 2015 zum ersten Mal aus Houston nach Athen. Er hatte an einer philanthropischen Tagung im zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum entfernten Küstenort Vouliagmeni teilgenommen. Entschlossen, die griechische Hauptstadt und ihr Umland in seinem eigenen Tempo zu erkunden, tat er, was er am besten kann: Er ging zu Fuß. Fast vier Stunden brauchte er für die Reise zum Syntagma-Platz. Monate später entdecke ich immer noch neue Facetten des Wanderers in seiner Kunst.

Lowe, 1961 in Alabama geboren, wurde vor allem als Mitbegründer des Project Row Houses bekannt. Das ist ein mittlerweile seit zwanzig Jahren betriebener, langfristig angelegter Umbau von Teilen des Third Ward in Houston. Sein Mentor, der Künstler, Lumpensammler und Lokalweise Jesse Lott kommt immer noch jeden Samstagmorgen zum Dominospielen in das Eckhaus neben einer Reihe langer und schmaler, in Wohnungen und Kunsträume umgewandelter und renovierter „shotgun houses“. Als ich bei einem dieser Treffen dabei war, begann ich mir die Frage nach Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen Houston, Athen und Kassel zu stellen. Jede der Städte hat unterschiedliche soziale Notlagen und birgt von der Straßenebene aus gesehen verschiedenes Handlungspotenzial.

In Athen brachte Lowe in enger Zusammenarbeit mit Klea Charitou und Elli Christaki das Gespräch mit wichtigen Initiativen auf allen Gebieten der Kunst und Kultur, der Wirtschaft und höheren Bildung, aber auch mit Unterstüt-zungsnetzwerken für Immigrant_innen und Geflüchtete in Gang. Er lenkte hier die Aufmerksamkeit auf den Viktoria-Platz. Dieser historische Schmelztiegel der griechischen Mittelschicht hat sich seit der Abwanderung seiner besser verdienenden Bewohner_innen in die Vorstädte ab den 1970er Jahren allmählich in eine zeitgenössische Kreuzung der Kulturen verwandelt. Im Sommer 2015 kam er in die Schlagzeilen, weil er von Geflüchteten und ihren Schleusern überrannt wurde. Inzwischen sind auch die Zelte wieder abgewandert, aber beim Spazieren auf dem Platz hört man immer noch Griechisch, Arabisch, Albanisch, Französisch, Farsi, Polnisch, Türkisch und Suaheli.

Einige der Menschen, die heute in Kassel auf der Suche nach Zuflucht und einem besseren Leben sind, liefen vielleicht vor Kurzem noch über den Viktoria-Platz. Viele andere kamen ab Mitte der 1950er Jahre, etwa zur Zeit der ersten documenta, und in den folgenden Jahrzehnten der deutschen Anwerbung von Gastarbeitern hierher. Auf der Suche nach in der Bausubstanz der Stadt festgeschriebenen Spuren der Einwanderer_innen fand Lowe mithilfe der örtlichen Aktivistin Ayşe Güleç den Halitplatz, auf dem eine Tafel an die Ermordung des jungen Türken Halit Yozgat durch Neonazis, Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), erinnert. Und diese Tat war kein Einzelfall. Es bleibt auch hier noch viel Arbeit zu tun.

— Monika Szewczyk

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook