Guillermo Galindo

Guillermo Galindo, Teclata (2015), Tasteninstrument aus leeren Dosen, Plastikflaschen und Munitionskisten der United States Border Patrol, 45,7 × 76,2 × 66 cm, Foto: Richard Misrach

2012 begann Guillermo Galindo mit der Arbeit an Border Cantos, einem Gemeinschaftsprojekt mit Richard Misrach. Das Projekt hat ihn an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten entlanggeführt, in das am meisten militarisierte Gebiet Nordamerikas. Hier begann er, weggeworfene Gegenstände zu sammeln. Zuerst kleine Dinge: einen verwitterten Plastikkamm, leere Wasserflaschen, brüchige Tierknochen. Später kamen größere Objekte hinzu: verbogenes Wellblech, Ketten, Reifen und schließlich reihenweise Abbilder in der Kleidung von Migrant_innen, die, aufgehängt in einem aufgegebenen Tunnel, in der Hitze der Wüstensonne vor sich hin rotteten.

Aus kleinen und großen weggeworfenen Objekten entstanden in der Folge Instrumente, die in die Welt hinaustönen können. Für den 1960 in Mexiko geborenen Künstler wird mit diesen Klängen etwas von der Geschichte und möglichen Zukunft des Gegenstands hörbar. In einer seiner Klangskulpturen hängen ein Handschuh und ein Stiefel an einem komplizierten Flaschenzug und erzeugen über einer abgenutzten Gummireifentrommel ein eigentümliches Klacken oder Schnalzen. In einer anderen Skulptur verursachen die leeren, von einer aus Metallschrott zusammengeschweißten Piñata herabhängenden Patronenhülsen bei jedem Schlag ein helles Klimpern. Diese Materialien erzählen – als Relikte – von ihrer Vergangenheit, aber ebenso vom möglichen späteren Leben der Menschen, denen sie einmal gehörten.

In Athen und Kassel komponiert Galindo neue Partituren, Oden für Grenzgänger_innen. Fundstücke aus beiden Städten bilden das Ausgangsmaterial für neue Instrumente. Aus dem Bruchstück eines Bootes kann unter Galindos Händen ein Saiteninstrument werden, aus dem Rest eines Leitungsrohrs eine Flöte, aus einem Bett in einer behelfsmäßigen Flüchtlingsunterkunft in Kassel eine Trommel.

In Mesoamerika gelten Musikinstrumente traditionell als Talismane für den Übergang von einer Welt zur anderen. „Aus Sicht mesoamerikanischer Kulturen“, erklärt Galindo, „sind persönliche Gegenstände und die Klänge, die sie erzeugen, Teil unserer Lebensreise auf diesem Planeten“. Seine eigenen Instrumente sind ebensolche Talismane, jedoch für eine andere Reise: nicht von einer Welt zur anderen, sondern von einem Staat in den anderen. Die Musik, die sie erzeugen, haucht den zurückgelassenen Dingen Leben ein. Das lateinische reliquiae meint „Überbleibsel“, und zwar meist solche, die kultisch verehrt werden. „Wenn ich Instrumente baue“, sagt Galindo, „strebe ich nicht nach dem vollkommenen oder schönsten Klang. Die Materialien sollen in ihren eigenen Stimmen singen können“ – eine ganz eigene Art kultischer Verehrung.

— Candice Hopkins

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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