Danai Anesiadou

Danai Anesiadou, We’re Happy to Serve You (2010), Performance, Brüssel, Foto: Jurgen Ots

„Mein Name ist Danai Anesiadou. Mein Name ist Danai Anesiadou.“ Dieser wieder und wieder ausgerufene Satz hat bislang fast alle Performances der Künstlerin eingeleitet. (Eine Beschreibung dieser Darbietungen ist schlicht unmöglich, man stelle sich eine Mischung aus inszenierter Verschwörungstheorie, stilisierter Séance, metaphysischer Beschwörung und Dada-Spektakel vor, deren verbindendes Element die magnetische Anziehungskraft ihrer Protagonistin und Schöpferin ist, einer gewissen griechisch-belgischen Künstlerin Jahrgang 1977, die unter dem Namen Danai Anesiadou bekannt ist.) Diese Ansage ließe sich leicht als überzeugte Bekräftigung von Identität abtun, doch wurde sie so beharrlich, emphatisch und wiederkehrend vorgebracht, dass man sie nicht nur für bare Münze nehmen, sondern auch als Bekenntnis verstehen sollte, denn sie gab allen Zuhörer_innen – und der Künstlerin selbst – zu verstehen, dass sie tatsächlich existierte.

Ich kenne nur wenige Künstler_innen, die wie Danai Anesiadou schon immer ihre Kunst waren und sind. Ich meine damit nicht, dass die Grenzen zwischen Kunst und Leben verschwimmen, sondern ich meine Kunst als Person, als Name, als leibhaftige Energie. Und jeder, der sie kennt, weiß, dass sie und ihre Arbeiten so schillernd, orakelhaft und absolut charismatisch sind, dass eine Beschreibung ihrer Person als flüchtig wie ein Widerspruch in sich klingen könnte. Und doch muss ich automatisch daran denken, wie sie mir einmal erzählte, dass sie sich als Kind wiederholt ganz fest ihr eigenes Verdunsten herbeigewünscht habe. Oder wie sie einmal die typische Lehrerfrage „Was willst du denn einmal werden?“ mit einem kurzen und knappen „Äther“ beantwortete, als handle es sich dabei um eine berufliche Laufbahn. Für eine Ausstellung im Jahr 2015 packte sie ihre gesamten irdischen Habseligkeiten – Bücher, Kleidung, Computer, Wasserrechnungen, Kerzen, Haarpflege, Wasserkessel (alles ... Sie verstehen schon) in vakuumversiegelte Plastikbeutel und stellte diese als Installation aus. Besucher_innen staunten über die Inhalte eines „Lebens“, die durch die seltsame Poesie ihrer hochästhetisierten Konstellationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Noch aufschlussreicher war jedoch das Gegenteil: die entzogene Luft, die die Spuren eines ganzen Lebens in einer Reihe von Klarsichtbeuteln zusammenpresste.

„In der Luft zu liegen“ bedeutet, flüchtig zu sein, nicht auffindbar zu sein. Der Ausdruck trifft es sehr gut. Wird ihre Arbeit auf der documenta 14 in einer als Kunst erkennbaren Form erscheinen? Um sie zu sehen, muss man vielleicht hinter die bloße Materie schauen, die sie vermeintlich darstellt. Denn ihr Name ist Danai Anesiadou, und sie könnte einfach nur in der Luft liegen.

— Elena Filipovic

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook