Annie Sprinkle und Beth Stephens

Annie Sprinkle und Beth Stephens, Dirt Bed (2012), Performance, Grace Exhibition Space, New York, Foto: Geraldo Mercado

Das Werk von Annie Sprinkle und Beth Stephens ist Spiegel zweier treibender Kräfte der radikalen feministischen Kunst. Während Stephens (geboren 1960 in Montgomery, West Virginia) ab den späten 1980er Jahren in Galerien und im Bereich der Videokunst tätig wurde und diese mit Ausdrucksformen lesbischer und queerer Kultur konfrontierte, arbeitete Sprinkle (geboren 1954 in Philadelphia) ab den 1970er Jahren als Pornodarstellerin und Aktivistin daran, dominante Formen der Repräsentation im Bereich der Pornografie zu unterlaufen, indem sie sich für die Rechte von Sexarbeiterinnen engagierte. Der Beginn ihrer künstlerischen Zusammenarbeit in den frühen 2000er Jahren markierte die Zusammenführung dieser divergenten Diskurse und bereitete den Weg für „ökosexuelle“ Kunst und Aktivismus.

In Anlehnung an Linda Montanos Arbeit initiierten Sprinkle und Stephens 2005 ein auf sieben Jahre angelegtes Projekt öffentlicher Hochzeitsrituale. Seit damals haben sie sich mit der Erde ebenso vermählt wie mit den Appalachen, dem Meer in Venedig, der Kohle in Spanien, dem Kallavesi-See in Finnland, dem Mond, der Sonne … Diese Hochzeiten, die von zahlreichen Menschen besucht wurden, weisen die beiden als wahre Liebhaberinnen der Erde aus – als „Aquaphile, Terraphile, Pyrophile, Aerophile“ – und lassen medizinisch-juristische Kategorien der Sexualität (wie Homosexualität/Heterosexualität) hinter sich. Sprinkle und Stephens re-erotisieren das Universum, indem sie sich kritisch mit der Hierarchie der Arten, unterschiedlichen Definitionen von Sexualität und der politischen Stratifikation des Körpers auseinandersetzen. In ihrem Ökosex-Manifest erklären die beiden: „Wir liebkosen die Felsen, beglücken die Wasserfälle und bewundern die Kurven der Erde immer wieder. Durch unsere Sinne machen wir Liebe mit der Erde …“ Diese Ausweitung der Gefühle auf alle und alles dient nicht nur der Deheterosexualisierung von Beziehungen, sondern auch einer „Dehumanisierung“ sozialer Verbindungen: Liebe wird hier nicht in der Sprache von Gefühlsschwärmereien, Religionen oder Institutionen definiert, sondern politisch, ökologisch, künstlerisch.

Ökosexuelle Praktiken provozieren, ganz im Sinne Félix Guattaris, eine Revolution „der molekularen Herrschaft über das sinnlich Wahrnehmbare, über Intelligenz und Begehren“. Die Workshops und Aktionen der beiden Künstlerinnen zum Thema Ökosex verstehen sich als Labor für eine Transformation von Subjektivität. Die von ihnen vorgeschlagene Vermählung mit der Erde steht für den Versuch, den Planeten in unserem Rechtssystem zu verankern und ihn mit denselben Rechten auszustatten, die auch konventionell verheirateten Partner_innen zustehen. Dies entspricht den Forderungen indigener Aktivist_innen in Bolivien und im Amazonasgebiet, Wasser und Erde als Rechtssubjekte anzuerkennen, ganz im Einklang mit Sprinkles und Stephens’ Verständnis von Beziehungen und Zugehörigkeiten, die über eine binäre Verbindung zwischen zwei menschlichen Körpern unterschiedlichen (oder gleichen) Geschlechts hinausgehen.

— Paul B. Preciado

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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