Geta Brătescu

Geta Brătescu, Ohne Titel (2007), Collage, Farbstift, Grafit auf Papier, 103 × 73 cm, courtesy Geta Brătescu und Ivan Gallery, Bucharest, Foto: Ștefan Sava

Jedes Mal, wenn ich Geta Brătescu in ihrem Atelier besuche, trete ich dieselbe Reise an: Ich besteige den Zug in Ploieşti, der Stadt, in der sie 1926 geboren wurde, und steige in Bukarest wieder aus, wo sie heute lebt und wo Mitte der 1960er Jahre ihre eigene außergewöhnliche Reise als Künstlerin begann.

Beim Betreten des Ateliers umfängt mich ein totaler, ahistorischer Raum. Das Atelier spielt in Brătescus Werk eine zentrale Rolle – ein Raum in Bewegung, transformiert durch die Überführung von Bild in Handlung und vice versa, durch die Spannung zwischen Schauspiel und Schauspielerei, zwischen Selbstanalyse und Selbstauslöschung. Die signifikante Bedeutung, die das Atelier für Brătescus Arbeit hat, führt die Künstlerin zu knappen, präzisen Formen, gefangen in geometrischer Schlichtheit. Zum Erkunden der Beziehung, die zwischen dem künstlerischen Prozess und seiner physischen Umwelt besteht. Zu einer Choreografie, die sich auf die „visuelle Gymnastik der Hand“ ebenso erstreckt wie auf das Arbeitsmaterial (Hände und Gesicht der Künstlerin, Papier, Textilien) bis hin zur Anthropomorphisierung von Objekten. In der Serie „Drawings with Eyes Closed“ findet dieses Verhältnis zum Raum seinen vollendeten Ausdruck: „Das Zeichnen vermittelt mir ein Gefühl der Freiheit. Ich zeichne, als würde ich durch einen leeren Raum gehen oder fliegen.“

Grundlegend für Brătescus künstlerisches Konzept ist das Ausblenden der profanen Wirklichkeit der Linie. Ob in Zeichnungen, Lithografien oder Collagen, ob in Buchobjekten, Selbstporträts oder Aktionen, die die Künstlerin mittels Film und Fotografie festhält – stets wohnt ihrem Werk ein dramatisches Konstrukt inne, ein Entfesseln von Rhythmen, in denen sich die Geste der Performenden offenbart. Brătescus Arbeiten verstehen sich – inspiriert von der Moderne – als inszenierte Darbietung und Erfahrung, sie protokollieren, isolieren, verräumlichen das Spiel der Linie. Im Bemühen, die Linie zu konkretisieren und erfahrbar zu machen, ihre „körperliche Bewegung durch den Raum“ zu erkennen, befreit die Künstlerin sie von der Fläche. Sie beansprucht ihre Ausdruckskraft und Autonomie für sich selbst und macht sie „zur Dienerin des leeren Raums“. So „erzählt die Linie keine Geschichte, sie dient keinem Bild. Die Linie selbst ist das Bild, überall, in der Art und Weise, wie sie erklingt“.

Die Linie ist Aktion, ein Zeichen, die Aufnahme einer Gegenwart; sie verkörpert die Befreiung der automatischen Geste. Brătescus Werk löst sich von traditionellen Formen und zeigt sich von einem äsopischen, chaplinesken Schicksal geleitet. Es ist eine unbeschwerte, rudimentäre Welt, in der die stille Genialität von Zirkusakrobaten, die bittersüße Verspieltheit der Commedia dell’arte oder auch Tadeusz Kantors Absurdes Theater anklingen.

— Alina Şerban

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook