Algirdas Šeškus

Algirdas Šeškus, 82 1467 398 (1982), Digitalscan eines 35-mm-Schwarz-Weiß-Negativs

Algirdas Šeškus fand 1975 zur Fotografie: Zu einem Vorstellungsgespräch für die Stelle eines Kameramanns beim einzigen Fernsehsender der litauischen Sowjetrepublik sollte er, so wurde ihm mitgeteilt, zehn Fotografien mitbringen. Zwar sah sich niemand die Bilder an, doch die Kamera, die er zu diesem Zweck gekauft hatte, eröffnete ihm einen neuen Blick auf die Welt, und so sollte er der Fotografie für die nächsten zehn Jahre treu bleiben.

Šeškus (geboren im Dezember 1945 in Vilnius) bekam den Job, so seine Vermutung, weil er einen guten Bekannten beim Sender hatte. Dass sein Vater seit 1936 offiziell Kommunist war und beide Elternteile im Krieg gedient hatten, mag ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen haben. In der gedämpften Stimmung der 1970er und 80er Jahre fanden seine Bilder wenig Anklang: Sie waren viel zu beiläufig, schlecht ausgeführt und unfokussiert, um von der etablierten Schule der litauischen Fotografie aufgegriffen zu werden, deren Ziel es war, den Gefühlen und Gedanken der dargestellten Personen Ausdruck zu verleihen. Šeškus hingegen tendierte, wie eine Handvoll anderer Fotografen, zu einer eher dokumentarischen Vorgehensweise.

Viele Aufnahmen entstanden hinter der Fernsehkamera; manchmal machte der Künstler auch einen Ort in der Stadt ausfindig, der sich als Kulisse und Handlung zugleich anbot. („Es war nicht das Theater, also gab es keine schlechten Aufführungen“, erklärte er mir später.) Er versuchte weder Ereignisse zu provozieren – sofern er nicht ohnedies bereits darin verwickelt war –, noch berichtete er ausschließlich oder in vollem Umfang über einzelne Begebenheiten: Obwohl für ihn jedes Foto ein Ereignis für sich war, steckten in jeder Aufnahme doch die Fragmente zahlreicher anderer.

1985 gab der Künstler die Fotografie auf. Zuerst wandte er sich der bildenden Kunst zu, wo die Zensur mittlerweile etwas weniger rigide war und er mehr Freiheiten hatte, später dann einer Praxis, die sich den formalen Aspekten der Kunst gänzlich entzog. „Ich hatte ein besseres Verständnis dafür entwickelt, was ich mit meiner Arbeit machte, und ich fand das mühselige Finden der richtigen Form – und in weiterer Folge die Anstrengungen der Menschen, das Werk freizulegen – ermüdend und entbehrlich. Also versuchte ich, mit den Menschen direkt zu kommunizieren.“ Šeškus sieht das Kunstwerk als Gefäß, als eine Form mit dem Zweck, „größeren Mengen einer Kunst“ Platz zu bieten, die ansonsten nur in geringen Konzentrationen zu finden ist – weniger in den Dingen als zwischen ihnen. Ein Bild, so würde er sagen, ist für eine Fotografie keineswegs unerlässlich. 2010 nahm Šeškus die Fotografie wieder auf; seine neuesten Arbeiten veröffentlichte er unlängst in einer Reihe schmaler Notizbücher unter dem Titel „New Time“.

— Virginija Januškevičiūtė

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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