Annie Vigier & Franck Apertet (les gens d’Uterpan)

Annie Vigier & Franck Apertet (les gens d’Uterpan), Parterre (re|action) (2009), Performance, Maison des Métallos, Paris, Foto: Steeve Beckouet

Annie Vigier und Franck Apertet, 1965 beziehungsweise 1966 geboren, arbeiten seit 1994 unter dem Namen les gens d’Uterpan; Ausgangsbasis ihrer künstlerischen Praxis ist Paris. Die beiden Choreografen inszenieren einen kritischen Dialog zwischen Performancekontexten, Live-Spektakel-Systemen, Räumen und Skulptur. Durch Interventionen in oder Anpassungen an unterschiedliche Ausstellungskontexte gelingt es ihnen, neue Erscheinungs-, Produktions- und Interpretationsmodalitäten des Tanzes zu gestalten (les gens d’Uterpan bezeichnen dies als Re|aktionsprozess). Ihr Verständnis von physischer Präsenz stellt die Position des Publikums in diesem Prozess (Parterre, 2009) ebenso infrage wie jene des Choreografen (Caster, 2009). Auch die Auseinandersetzung mit ökonomischen Strukturen – durch das Anbahnen von Kollaborationen zwischen Kulturschaffenden unterschiedlicher Disziplinen – gehört zur künstlerischen Herangehensweise des Duos.

Denken wir beispielsweise an das Projekt Imposteurs (2013), das sich als künstlerische Antwort auf das Konzept der retrospektiven Monografie versteht. Als Buchobjekt dient es darüber hinaus als kritisches Instrument zur Vermittlung von Informationen, wobei der Zugang zum Werk durch ein Protokoll bestimmt wird, das dieses in ein „lebendes“ Archiv verwandelt. Die Publikation, auf einem langen, durchgehenden Stück Stoff (260 × 305 cm) gedruckt, enthält neben kritischen Kommentaren und Notizen verschiedener Autor_innen, Akteur_innen und Zeug_innen aus der Welt des Tanzes und der bildenden Künste auch Elemente, die mit dem Arbeitsprozess der Künstler_innen und les gens d’Uterpan selbst verknüpft sind. Um den Text lesen zu können, müssen die Betrachter_innen die gesamte Stoffbahn auffalten, was dem Werk eine unmittelbare räumliche Qualität verleiht. Dieses Objekt kann nicht nur gelesen werden, es wirkt auch in zahlreichen anderen Funktionen: als Matte, Tischtuch, Vorhang, Laken, Decke, Verpackung oder Kleidungsstück. Da das Gewebe nicht gewaschen werden kann, hinterlässt jeder Gebrauch Spuren, Ablagerungen der Präsenz lebendiger Körper, was wiederum auf das Feld des Tanzes verweist. Diese Beziehung zum Körper verstärkt sich noch durch die Bedingungen, unter denen das Werk erworben werden kann. Der Eigentümer oder die Eigentümerin kann die Publikation entweder unverändert bewahren oder ein Treffen mit den beiden Choreografen für die Aufführung der dargestellten Monografie vereinbaren. Die ikonografische Dimension der Arbeit wird mithin durch eine unmittelbare Beziehung zu den Künstlern erlebbar, die das visuelle Material für eine gewisse Zeit verkörpern und so ein Schriftstück in ein Ereignis –ein Tanzstück – verwandeln.

— Pierre Bal-Blanc

Gepostet in Öffentliche Ausstellung
Auszug aus dem documenta 14: Daybook
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